Superwahljahr

 

Gut, daß der Haß nur sozial ist

Ein 15jähriger deutscher Junge wird von einer Gang ungefähr gleichaltriger Türken zusammengeschlagen, gedemütigt und um Schutzgeld erpreßt. Deren Anführer lebt in einem Wohnblock von Berlin-Neukölln und hat nicht nur Zahnfäule, sondern auch noch zwei kleine Kinder, die er mittels Kleinkriminalität ernähren muß. Der malträtierte Deutsche rettet sich vor den Nachstellungen, indem er als Drogenkurier für den Kiezpaten, einen eleganten Araber, arbeitet. Es bleibt nicht bei den Deals, Mord und Totschlag folgen. Markiert Detlev Bucks neuer Film „Knallhart“ eine Trendwende? Der Tabubruch, Gewalt von Ausländern gegen Deutsche zu zeigen und ein überfremdetes Stadtviertel als Revier von Jugendbanden und des organisierten Verbrechens, ist bislang kaum auf nennenswerten Widerspruch gestoßen. Heinz Buschkowsky, Bezirksbürgermeister von Neukölln, bescheinigt dem Film absolute Authentizität, „mutig und eindringlich“, schreibt der Spiegel, „schonungslos, brutal, schockierend“ das Boulevardblatt B.Z., und die Filmbewertungsstelle Wiesbaden vergab das Prädikat „Besonders wertvoll“. Zustimmung kam auch von der linksliberalen Frankfurter Rundschau, in der eine Rezensentin schrieb, daß „das Erbe der 68er“, in „Knallhart“ „in der Kanalisation“ landet. Gar vom „Ausbruch des Bürgerkriegs an den Schulen“ war die Rede. Gegenstimmen sind spärlich, wie die des Grünen Özcan Mutlu („So schlimm wie im Film geht es in Neukölln nicht zu!“) und der Jungle World, die ein „Propagandawerkzeug gegen das angeblich gescheiterte Modell des Multikulti“ zu erkennen glaubt und „rassistische Vorurteile“ wittert. Letzterer Vorwurf wurde von Detlev Buck abgewinkt: „Politische Korrektheit langweilt mich“, sagte er in einem Interview mit der Berliner Zeitung und fügte hinzu: „Letztlich ist es Fakt, daß Reibungen entstehen, wo viele Nationen zusammenwohnen.“ Auf das Politikum, das in einem solchen Film steckt, hat schließlich auch schon die Bundeszentrale für politische Bildung mit einer pädagogischen Broschüre reagiert, offenbar zu dem Zweck, seine multikulti-kritischen Implikationen in einer Soße aus soziologischem „Migranten/innen“-Gewäsch zu ertränken. Es trifft allerdings zu, daß Buck nicht primär einen Film über das Multikulti-Desaster gedreht hat. Er betont zu Recht, daß es sich um einen Genrefilm handelt, der sich wie Fatih Akins Hamburg-Altona-Drama „Kurz und schmerzlos“ (1998) zum Teil amerikanischen Vorbildern wie Scorseses „Mean Streets“ (1973) verdankt. Bucks Film ist vielleicht deswegen so leicht verdaulich, weil er sich über stereotype Figuren, die an Robert DeNiro oder Joe Pesci erinnern, vertrauten Sehmustern anschmiegt. Die Affinität ist sinnfällig. Der amerikanische Gangsterfilm hatte immer schon den „Migrationshintergrund“ des organisierten Verbrechens zum Thema. So sind die „Gangsterfilme“ eng verwandt mit „Ghettofilmen“ wie etwa Spike Lees „Do The Right Thing“ (1989) oder dem Banlieue-Drama „La Haine“ (1995). Alle diese Filme handeln bezeichnenderweise von jungen Männern, die sich quasi initiatisch in einer gewalttätigen Welt selbst finden und behaupten müssen. Die identitätsbezogene rassische Beleidigung von seiten aller Parteien ist ubiquitär. Der Konkurrenzkampf schafft ein Vokabular, das Freund und Feind, in-group und out-group klar definiert. Das gilt auch dann, wenn die Schimpfwörter in rauher Kumpanei oder im Selbsthaß geäußert werden. Nun kann man inzwischen auch in Neukölln das Wort „Deutscher“ im verächtlichen Tonfall hören. Bucks Film ist in auffälligem Gegensatz zu den amerikanischen Vorbildern völlig frei von irgendeiner Referenz auf die ethnische Zugehörigkeit der Protagonisten untereinander. Der deutsche Junge Michael ist kein „Rassist“, ebensowenig wie sein Antagonist, der Türke Erol. Der Haß Erols auf Michael ist deutlich rein „sozialer“ Natur. Ist das die ganze Wahrheit? „Knallhart“ ist keineswegs der erste deutsche Film, der die Multikulti-Problematik jenseits der PC-Vorgaben aufzeigt. Kriminalität, ethnische Konflikte und die Zerrissenheit zwischen den Kulturen hat Fatih Akin in Filmen wie „Kurz und schmerzlos“ und „Gegen die Wand“ (2003) vital dargestellt. „Knallhart“ markiert dennoch eine Wende. Seit Anbeginn des „kritischen“ Films zum Thema Einwanderung ist fast niemals die Perspektive der Deutschen Stoff gewesen. Stets machten sich linksgerichtete Filmemacher zum Anwalt der Immigranten, um Fremdenfeindlichkeit, Bigotterie und soziale Ungerechtigkeit anzuprangern – ein allerdings internationales Phänomen, das von der Weltströmung des Liberalismus ebenso begünstigt wurde, wie es ihr zum Sieg verholfen hat. Den Rest für die breite Masse besorgte eine Flut von „erzieherischen“ Fernsehfilmen. Ohne deren Mithilfe wäre das Multikulti-Projekt niemals realisierbar gewesen. Analog zum Aufkommen des „Cinéma Beur“ in Frankreich entstanden ab Mitte der 1980er Jahre Filme, die von Einwanderern oder deren Kindern selbst gedreht wurden. Seither ist eine stetig wachsende Zahl von Ausländern in den Medien zu beobachten, von den Soaps und der Werbung bis zu Comedy-Shows und türkischstämmigen Fernsehkommissaren. Begabte Regisseure wie der in Hamburg geborene Türke Fatih Akin, der Deutschland als Einwanderungsland betrachtet, gehören zu den international bekanntesten deutschen Filmemachern. Die Deutschen haben im medialen Kampf um die Darstellung des „Multikulti“ keine Stimme, keinen Standort, keine Identität. Ansätze werden im Keim erstickt, ein im Berliner „Ghetto“ aufgewachsener Rapper wie Fler, der als Reaktion auf den Stolz seiner türkischen und arabischen „Homies“ von „Schwarz-Rot-Gold, hart und stolz“ („Ich bin kein Nazi, ich bin ein Deutscher mit Identität“) rappt, schnell als „rechtsradikal“ diffamiert. Auch hier ist die Parallele international: das westliche Filmgeschäft bringt kein Verständnis auf für den Zwang zur Selbstbehauptung der Autochthonen, und die Zumutungen, die sie erdulden müssen. Es entstehen Neonazifilme wie „Romper Stomper“ und „American History X“, aber keine über die alte Frau aus Enoch Powells „Rivers of Blood“-Rede (JF 47/05), die von Einwanderern terrorisiert wird, und der die farbigen Kinder „Rassistin“ nachrufen. Jenseits der Krimispannung von „Knallhart“ ist die deutsche Wirklichkeit voll mit explosiven, unerzählten, totgeschwiegenen Geschichten, für die es weder Geld noch Talente gibt, die sich ihrer annehmen. Bucks Film ist vielleicht deshalb leicht verdaulich, weil er sich über stereotype Gangster-Figuren vertrauten Sehmustern annähert. In „kritischen“ Filmen zur Einwanderung ist fast nie die Perspektive der Deutschen Stoff gewesen. Stets machen sie sich zum Anwalt der Immigranten. Foto: „Topfschlagen“ – Erol (Inanc Oktay Özdemir), Polischka (David Kroß): Die deutsche Wirklichkeit ist reich an totgeschwiegenen Geschichten

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