Feingliedrig

Durch „Reinheit und Anmut der Form sowie durch die erstaunliche, seltene Schönheit der Stimmführung“, so schrieb Peter Tschaikowsky im März 1878 an seine Gönnerin Nadeshda von Meck, bezaubere ihn die Kammermusik von Wolfgang Ama-deus Mozart, wobei es das 1787 entstandene Streichquartett g-moll (KV 516) dem russischen Romantiker besonders angetan haben muß. Das Urteil läßt sich ohne weiteres aber auch auf die in den beiden Jahren zuvor entstandenen Klavierquartette anwenden, die Mozart auf Anregung des Musikverlegers Franz Anton Hoffmeister lieferte. Damals hielt sich der Erfolg allerdings in Grenzen. Hoffmeister bat daher den Komponisten, nach dem 1785 fertiggestellten Klavierquartett g-moll (KV 478) das vertraglich vereinbarte Schwesterwerk nicht zu komponieren. Dennoch erhielt Mozart das volle Honorar, Hoffmeister seinerseits war aber von der Verpflichtung entbunden, nochmals ein Opus zu veröffentlichen, welches womöglich ein weiteres Loch in die Kasse gerissen hätte. Wie aber kam es zu dem vermeintlichen Fehlgriff? Hoffmeister gab die beiden Werke für seine Subskriptionsreihe „Pour la pianoforte“ in Auftrag und dachte offenbar an Kompositionen für Klavier und Streichtrio, deren Faktur den Gepflogenheiten entsprechender Kammermusik in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entsprach: Werke, die sich also in der Regel durch einen mal mehr, mal minder anspruchsvollen Klavierpart und leicht auszuführende Streicherstimmen auszeichneten, geschaffen zum häuslichen Musizieren in adeligen Palais und bürgerlichen Salons. Mozart scherte sich um diese Erwartungen herzlich wenig und brachte reichlich Anspruchsvolles aufs Notenpapier. Sein Klavierquartett g-moll wurde quasi vom ausführenden „Zielpublikum“ als zu schwer erachtet und somit ein Ladenhüter. Durch den Mißerfolg des ersten Werkes offenkundig kaum irritiert setzte sich Mozart 1787 an das Klavierquintett Es-Dur (KV 493) und fand, obschon die Tendenz in Richtung Klavierkonzert kaum zu überhören ist, mit Artaria einen Verlag zur Veröffentlichung. Beider Werke hat sich heuer das vor zehn Jahren in Karlsruhe gegründete Fauré Quartett angenommen und legt sie in einer neuen Einspielung bei der Deutschen Grammophon vor. Zu den Meriten dieser Aufnahme gehört nicht zuletzt die Klangschönheit, um welche sich die vier Musiker bemühen, ohne hierbei einem bläßlichen Klassizismus zu frönen. Das schließt keineswegs aus, daß die drei Fauré-Streicher ihren Bogen – wo es angebracht scheint – auch einmal patzig über die Saiten ziehen können. Vor allem in den jeweils abschließenden Rondo-Sätzen demonstrieren die vier Musiker ihre breite Palette an Ausdrucksstärke, gehen aber zu keiner Zeit manieristischen Tendenzen auf den Leim – die Herausarbeitung vieler Nuancen in Fragen der Tempi und der Dynamik, der Balance, der Klangfarben und (wenn man dies angelegentlich so nennen darf) der Dialogregie bleibt stets dem musikalischen Fluß organisch rückgebunden. Die Feingliedrigkeit dieser Interpretationen wirkt damit keinen Augenblick aufgesetzt, zeugt aber vom großen Ernst, mit dem sich das Fauré-Quartett den gegebenen Herausforderungen stellte. So quirlig und putzmunter das Ergebnis nämlich auch ausgefallen sein mochte – die Arbeit daran dürfte nicht leicht gewesen sein. Aber nicht nur die Wiedergabe an sich empfiehlt diese Aufnahme. Wer immer zwar einen Zugang zu „klassischer“ Kammermusik suchte, aber bei Haydn, Mozart oder deren Zeitgenossen bislang dennoch nie richtig fündig geworden ist, dem könnte diese Scheibe eine Tür zu einer Welt aufstoßen, in der es heiter wie in der Kunst und ernst wie im Leben zugeht.

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