Ein Felsen im Geschwätz

Sprachrohre kritischer Gesellschaftstheorie kann man heutzutage mit der Lupe suchen. Alles, was über das dumpfe und begriffslose Unbehagen an dem, was Globalisierung heißt, hinausgeht, versetzt zwar die Feuilletons gründlich in Aufregung; Einfluß auf eine radikale Linke, der es nur noch um Zivilisation und Aufklärung geht, hat solch eine Kritik am gesellschaftlichen Ganzen jedoch längst nicht mehr. Die vierteljährlich in Wien erscheinende Zeitschrift Grundrisse versucht indes mannhaft gegen den in der Linken grassierenden Obskurantismus, vor allem aber gegen die intellektuelle Genügsamkeit und das aufgeklärte Geschwätz anzugehen. Daß man sich bei einem derartigen Vorhaben zuweilen selbst in die Niederungen des stupiden Insistierens auf gewissen „Grundwahrheiten“ begibt, ist leider nicht nicht immer zu vermeiden. Ein Gespräch mit Antonio Negri, dem italienischen Professor für Staatswissenschaften, der als Mentor der Autonomenbewegung in den siebziger Jahren für seine erträumte Rolle als großer Revolutionsführer mit jahrelanger Haft und Exil bezahlte, soll Klärung bringen, wie sich die Linke gegen die Globalisierung zu wehren hat. Negri wurde weltweit bekannt durch sein gemeinsam mit Michael Hardt geschriebenes Buch „Empire“, das vor allem in Deutschland als „grandiose Gesellschaftsanalyse“ (Die Zeit) und „Antiglobalisierungs-Bibel“ hochgejubelt wurde. Im Grunde stellt es aber nur eine postmodern veredelte Neuversion des ziemlich abgehalfterten Traditionsmarxismus dar. Das theoretische Gerüst von Negris „Empire“ und „Multitude“ besteht demnach primär aus neumodischem Wortgeklingel („Deterritorialisierung der affinitiven Netzwerke“), flüchtigen Zitaten von Adorno, Foucault, Bloch und sogar Robert Kurz und unverstandenen Krisenanalysen und wertkritischen Theorien aus der schamlos geplünderten Marxschen Schatzkiste. Wo Marx jedoch in lokalen Kämpfen durchaus ein Befreiungspotential sah und auf nationale, regionale und soziale Identitäten setzte, kritisiert Negri die Antiglobalisierungsbewegung scharf, wenn einige ihrer Sektoren das Lokale verteidigen und Barrieren gegen die beschleunigten Kapitalströme errichten. Diesen Haß auf gewachsene Kulturen und Lebensweisen teilt er allerdings mit den postmodernistischen Globalisierern und Neoliberalen. Recht interessant ist auch ein Flugblatt der „Bewegung der Indigenen der Republik“ zu den Krawallen in den französischen Vorstädten. Während zunächst die Opferrolle der randalierenden „Jugendlichen“ gegenüber der „permanenten Brutalität der Polizei“ hervorgehoben wird, besteht der zweite Teil aus den gewohnten Forderungen an den Staat. Alles wie gehabt, möchte man sagen. Nur daß sich heute der gewöhnliche Gangster gleich zum Revolutionär erklärt, während in früheren Zeiten der Revolutionär manchmal gezwungenermaßen zum Gangster wurde, ist neu. Glaubt man den Soziologen hat dieses Phänomen damit zu tun, daß es inzwischen eine nicht enden wollende Pubertät radikalisierter ewiger Kinder gibt. Wahrlich schöne Aussichten! Anschrift: Grundrisse. Antonigasse 100/8, 1180 Wien. Einzelheft 4,80 Euro, Jahresabo 18 Euro. Internet: www.grundrisse.net

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