Der Mensch im Stadium seiner Verwesung

Gottfried Benn, der mit seinen späten Gedichten in den Nachkriegsjahren zu unerhörtem Ruhm fand, blieb DDR-Lesern mehr als zwei Jahrzehnte unbekannt. So war er in dem von Günther Deicke und Uwe Berger edierten „Deutschen Gedichtbuch“ (Aufbau-Verlag, Berlin 1959) mit keiner Zeile abgedruckt! Zeitgenossen aber aus seiner expressionistischen Schaffensphase vor dem Ersten Weltkrieg wie Ernst Stadler, Georg Heym und besonders Georg Trakl waren jeweils mit vier bis acht Gedichten vertreten, wie auch die Nicht-Expressionisten Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke keineswegs fehlten. Wenn man freilich im Vorwort liest, daß die Auswahl deutscher Lyrik an das Kriterium geknüpft war: „das Überkommene vom Standpunkt der Arbeiterklasse prüfend“, dann versteht man vielleicht, daß Gottfried Benn hier nicht mehr tragbar schien. In dieser ideologisch begründeten Ablehnung teilte er das Schicksal Stefan Georges (1868-1933), der in dieser Anthologie ebenfalls fehlte, von dem aber 1987 im Leipziger Reclam-Verlag, erarbeitet und mit einem Nachwort versehen von Horst Nalewski, Germanist an der Leipziger Karl-Marx-Universität, ein Auswahlband erschien. Bei Gottfried Benn freilich, dem Agnostiker und Nihilisten, war die Situation viel komplizierter. Wenn ihn schon die Leser nicht kennen durften, so kannten ihn doch die Germanisten und Lexikonverfasser, die ihn aus der deutschen Literaturgeschichte auszugrenzen suchten. So konnte man in der ersten Auflage des „Deutschen Schriftstellerlexikons“ (Volksverlag, Weimar 1960) über ihn lesen: „bürgerlicher Dichter, unter den dekadenten Schriftstellern einflußreichster Lyriker, absoluter Nihilist“, ein vernichtendes Urteil, das erst in der vierten Auflage (Leipzig 1967) revidiert wurde. In allen Auflagen aber wird auf seine vorübergehende Nähe zum Nationalsozialismus verwiesen: „Benn begrüßte anfangs ostentativ den Nazistaat als schicksalhaften Vorgang, im Glauben, (er)… würde den Nihilismus der spätbürgerlichen Dekadenz überwinden“ (1967). In der Auflage von 1972 klang der Vorwurf der Kumpanei mit dem NS-Staat schon etwas verhaltener: „Benn wandte sich – seinen Irrtum erkennend – Ende 1934 von der nazistischen Herrschaft ab (die durch sein Wirken mit vorgebildet und vorbereitet worden war) und geriet in immer stärkere Isolierung“, was wohl heißen sollte, daß er leider den Weg zur revolutionären Arbeiterklasse nicht finden konnte. Es waren also politische Gründe, die Benn aus dem Kanon deutscher Lyrik ausschlossen. Trotzdem setzte seit dem Jahr 1968 auf merkwürdigen Umwegen eine langsame Revision des Urteils über den politischen „Sündenfall“ von 1933/34 ein, von dem das lyrische Werk, das in Westdeutschland zunehmend anerkannt und geschätzt wurde, immer mitbetroffen war. „Schrankenlose Menschenverachtung“ Hatte noch 1952 der kommunistische Schriftsteller Johannes R. Becher in Ost-Berlin, auch er einst expressionistischer Lyriker, in einer Zuschrift an den (West-)Berliner Tagesspiegel dem im Westteil der Stadt lebenden Kollegen vorgeworfen, sich 1933 „auf eine widerwärtige Art“ den neuen Machthabern „angebiedert“ zu haben, und hatte er noch 1957, inzwischen DDR-Kulturminister geworden, in seinem Buch „Das poetische Prinzip“ einen Abgesang auf den „Sänger der Sintflut, des Weltuntergangs“ angestimmt, so erschien elf Jahre später im Leipziger Reclam-Verlag ein Nachdruck der klassischen Sammlung „Menschheitsdämmerung“ (1919) von Kurt Pinthus, in der 23 Dichter verzeichnet waren, darunter auch Gottfried Benn (acht Gedichte) und Johannes R. Becher. Die Einleitung stammte von Werner Mittenzwei, Germanist am Zentralinstitut für Literaturgeschichte in Ost-Berlin, der den Grundtenor dieser expressionistischen Dichtung „menschenfreundlich, humanistisch“ nannte, was freilich auf einen Autor nicht zutreffe: „Die Ausnahme heißt Gottfried Benn. Dieser Dichter ist der große Außenseiter des Expressionismus. An die Stelle des zynisch lebensbejahenden oder todverfallenen Gesangs auf den Menschen tritt im Frühwerk Benns der kalte Zynismus … Die weltanschauliche Aussichtslosigkeit schlägt bei Benn in schrankenlose Menschenverachtung und Menschenverneinung um. Als Gegenstand der Dichtung erscheint bei ihm der Mensch oft erst im Stadium der Verwesung seiner physischen Substanz.“ Ob das stimmt, soll dahingestellt bleiben, immerhin verfügten die DDR-Leser jetzt über acht frühe Gedichte des Berliner Arztes, darunter auch das berühmte „Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke“. Ein Jahr später, 1969, erschien eine weitere Anthologie, kein Nachdruck, sondern eine DDR-spezifische Auswahl von Martin Reso, Silvia Schlenstedt und Manfred Wolter unter dem Titel „Expressionismus. Lyrik“ . Diese Sammlung, die 60 Autoren anbot, war wesentlich breiter angelegt und sollte vor allem die linken Strömungen in dieser Lyrik sichtbar machen, die bei Kurt Pinthus nicht oder zu schwach vertreten waren. Hier war Gottfried Benn mit zehn Gedichten aus den Jahren 1912/26 vertreten. Im umfangreichen Nachwort der Ost-Berliner Germanistin Silvia Schlenstedt, worin die Kriterien der Auswahl dargelegt wurden, kam er allerdings nicht vor. Zum 100. Geburtstag fand man leisere Töne Aber mit dem Abdruck dieser 18 Gedichte 1968/69 wurde sein lyrisches Werk nun auch von der marxistischen Literaturgeschichtsschreibung gewürdigt, zumal es inzwischen auch DDR-Lyriker gab, die den bis 1968 unerwünschten Autor „schöpferisch“ gelesen hatten und ihn in Stil und Sprachmelodie nachahmten, wie man beispielsweise an Franz Fühmanns Gedicht „Der Nibelunge Not“ nachvollziehen kann. In der zwölfbändigen „Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart“, die in den siebziger Jahren im Ost-Berliner Verlag Volk und Wissen erschien, wurde Gottfried Benn in drei Bänden vorgestellt, im neunten (bis 1917), im zehnten (1917-1945) und im zwölften Band (1945-1956). Während es im zehnten Band noch vorwurfsvoll hieß: „Nach anfänglicher Übereinstimmung mit dem nationalsozialistischen Regime erfolgte in den nächsten Jahren der völlige Bruch …“, wurde für die Nachkriegszeit von einer „Ideologie des ästhetizistischen Hochmuts“ gesprochen, „die es erlaubt, sich mit dem wie immer gearteten Weltlauf gleichgültig abzufinden“. Zum hundertsten Geburtstag Gottfried Benns 1986 aber erschien, was niemand erwartet hatte, ein Auswahlband „Einsamer nie“ im Ost-Berliner Verlag Volk und Welt mit über 90 Gedichten. Das kluge und einfühlsame Nachwort stammte von Joachim Schreck, einem unbekannten Germanisten, der sich ernsthaft mit der Lyrik des verfemten Dichters auseinander gesetzt hatte. Auch er ging auf die Jahre 1933/34 ein, fand aber leisere Töne für den Zwiespalt, in dem der Dichter damals lebte: „Und 1934 beginnt der Rückzug; wenigstens für seine Person begreift Benn, daß er einem entsetzlichen Irrtum aufgesessen ist … Ein Mitläufer der Nazis im einschichtigen Sinn, ein Karrierist, auf Posten und öffentliches Ansehen im ’neuen Reich‘ spekulierend, ist Benn sicher nicht gewesen … Doch seine radikalistische Zivilisationskritik hat ihn in die gleiche Richtung und an das nämliche Tor geführt, hinter dem auch die Vernichtung alles Geistigen anhebt und vor dem er schließlich erschrocken haltmacht.“ Enthalten war in diesem Band auch das vielgerühmte Gedicht „Nur zwei Dinge“, dessen letzte Strophe lautete: „Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere, was alles erblühte, verblich. Es gibt nur zwei Dinge: die Leere und das gezeichnet Ich“. Drei Jahre nach diesem Buch fiel die Berliner Mauer! Dr. Jörg Bernhard Bilke , Jahrgang 1937, war Chefredakteur der „Kulturpolitischen Korrespondenz“ der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat. Er lebt in Oberfranken. Foto: Benns Grab in Berlin-Dahlem

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