Von Marx zu Marcuse

Problematisch an dem Buch von Paul Edward Gottfried erscheint auf den ersten Blick der Titel „The Strange Death of Marxism“. Dabei geht es nicht wirklich um den „Tod“ des Marxismus, sondern um seine Transformation. Der amerikanische Politikwissenschaftler beschreibt, wie Marx‘ Wirtschaftstheorie seit dem Zweiten Weltkrieg an Anziehungskraft verloren hat. Die führenden „leftists“ fordern heute nicht länger die Verstaatlichung der Produktionsmittel. Tatsächlich kümmern sie sich kaum noch um ökonomische Grundsatzfragen, sondern konzentrieren ihre Bemühungen auf eine Veränderung der moralischen und kulturellen Grundlagen der westlichen Gesellschaft. Diese Verschiebung, wie Gottfried betont, hat ihren Ursprung in den Theorien der Frankfurter Schule, jener Gruppe deutscher Marxisten, die in den dreißiger Jahren in die Vereinigten Staaten übersiedelten, wo sie rasch das linke und linksliberale Denken zu beherrschen begannen. Statt antikapitalistischer Wirtschaftsreformen war antitraditionales „social engineering“ oberste Priorität der Sozialwissenschaftler um Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Nach dem Weltkrieg schwappten die Ideen der exilierten Frankfurter Schule zurück nach Europa. Im Zusammenspiel mit der Welle amerikanischer Pop-Kultur, die den alten Kontinent überflutete, haben sie, nachdem die Studentenbewegung der sechziger und siebziger Jahre sie aufgriff, die traditionelle europäische Kultur und Moral weitgehend zerstört. Es ist richtig, wenn Gottfried schreibt, daß die multikulturelle Orientierung der gegenwärtigen europäischen Linken nur noch wenig mit dem Marxismus als einer ökonomisch-historischen Theorie zu tun hat. Was von der alten Arbeiterschicht noch übrig ist, wo einst die marxistischen Parteien den stärksten Rückhalt hatten, wählt heute ja oftmals eher Parteien, die als „extreme Rechte“ bezeichnet werden, weil sie Multikulturalismus und Masseneinwanderung ablehnen. Dagegen findet die neue (post-marxistische) Linke ihre Anhängerschaft in jenen Milieus, die den traditionellen moralischen und kulturellen Werten, die vielfach auch jene der konservativen Arbeiterschaft waren, feindlich gegenüberstehen. Nach Einschätzung Gottfrieds bedeutet die Verschiebung des Interesses von der Ökonomie zu kulturellen Fragen den Tod des Marxismus, da dieser nur als ökonomische Theorie einen Sinn ergebe. Zwar stimmt, daß Marx selbst keine sexuelle Promiskuität, Homosexualität oder „alternative“ Lebensstile predigte. Allerdings stand die Zerstörung der bürgerlichen Kernfamilie schon früh auf der Agenda der kommunistischen und sozialistischen Parteien. Eines ihrer Lockmittel war stets das Versprechen auf „freie Liebe“. Wie der große österreichische Sozialismus-Kritiker Ludwig von Mises in seinem Buch „Die Gemeinwirtschaft“ 1922 erkannte, standen Familien, feste Partnerschaften und private Bindungen, die nicht dem Kollektiv verpflichtet waren, dem Aufbau der zentral gelenkten Gesellschaft und Wirtschaft im Wege. Der sozialistische Staat bevorzugte „freie“, also atomisierte Individuen. Als die Kommunisten 1917 in Rußland an die Macht kamen, ging die ökonomische mit der gesellschaftlichen und sexual-moralischen Umwälzung Hand in Hand. Die amerikanische Feministin Kate Millett hat in ihrem Buch „Sexual Politics“ (1969) schwärmerisch von dieser Episode berichtet: „Nach der Revolution wurden alle möglichen Gesetze verabschiedet, um die Individuen von den Ansprüchen der Familie zu befreien“, darunter natürlich die Legalisierung „freier Eheschließung und Scheidung, Verhütung und Abtreibung auf Verlangen“. Wie Millett erklärt: „Unter dem kollektiven System begann sich die Familie aufzulösen …“ Das Patriarchat wurde beendet, glaubt sie, und „die Gesellschaft kehrte zurück zu jenem demokratischen Arbeitsprozeß, den die sozialistischen Autoritäten als Matriarchat bezeichnen“. Viele der Maßnahmen der neuen bolschewistischen Machthaber wurden aber als zu radikal und unrealistisch empfunden, so daß die Sowjets bald schon in manchen Punkten zurückruderten. Vielfach wollten die Arbeiter gar keine (erzwungene) „freie Liebe“, sondern lieber bei ihren vertrauten Partnern bleiben. Die Familienbande waren noch recht ausgeprägt und konnten nur langsam gelockert werden. Doch die Vordenker der Linken haben nie vergessen, welche bedeutende Rolle die Modifikation von moralischen und kulturellen Mustern, das „social engineering“ spielt. Als im Westen nach dem Zweiten Weltkrieg das revolutionäre Ziel des kommunistischen Wirtschaftssystems als zu radikal und unrealistisch erschien, verlegten sie sich ganz auf kulturrevolutionäre Strategien. Die radikale gesellschaftspolitische Agenda, wie sie in Rußland zwischen 1918 und 1920 erstmals erprobt wurde, ist inzwischen in den westlichen Demokratien verwirklicht geworden. Gottfrieds Buch erklärt die ideologischen Hintergründe dieser Kulturrevolution, wie sie von der marxistischen Frankfurter Schule in den dreißiger und vierziger Jahren in Amerika konzipiert und dann zurück nach Europa und Deutschland getragen wurde. Dort fielen die Ideen von Marcuse, Adorno und Horkheimer auf fruchtbareren Boden als in den Vereinigten Staaten, die sich noch größere „kulturelle Reserven“ erhalten haben, wie Arnold Gehlen es ausdrückte. Während Gehlen besonders auf das durch die Last der Geschichte gebrochene nationale Selbstbewußtsein der Deutschen abzielte, sei auch die noch stärkere Verwurzelung der Amerikaner im christlichen Wertefundament erwähnt. Das Verschwinden des Christentums im säkularisierten Europa hinterläßt ein Vakuum, das nun einerseits durch den Islam gefüllt wird, andererseits durch das, was Gottfried die „politische Religion“ der postmarxistischen Linken nennt. In den kommenden Jahrzehnten werden wir Zeugen sein eines neuen Kulturkampfes zwischen einem zunehmend selbstbewußten, aggressiv-kämpferischen Islam und den säkularen Werten einer dekadent-hedonistischen Linken. Paul Edward Gottfried: The Strange Death of Marxism. The European Left in the New Millennium. University of Missouri Press, Columbia und New York 2005, XII und 154 Seiten, 34,95 US-Dollar Max Horkheimer, Theodor Adorno, Herbert Marcuse (v.l.n.r.): Marxismus ohne Wirtschaftsreformen

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