Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Der Ekel wird über die Geilheit siegen

Die Vogelgrippe ist gerade zum richtigen Zeitpunkt eingetroffen. Der Medienbetrieb kann sich an einem Detailproblem abarbeiten und damit der Mühe entziehen, in die Zukunft zu blicken – in eine Zukunft, die längst begonnen hat und in der wahrscheinlich Mullahs über die Auslegung des Grundgesetzes wesentlich mitbestimmen. Überhaupt wird man sich auf Lebensumstände einzustimmen haben, die heute jenseits des Vorstellbaren liegen. Eine kompakte Religiosität trifft auf ein spirituelles Vakuum in einer kraft- und „geistlosen Gesellschaft“ (Botho Strauß). Zusätzlich befeuert wird diese Offensive durch die demographische Entwicklung. Von Ausnahmen abgesehen, scheuen die Deutschen sich immer noch, den Konsequenzen ins Auge zu blicken. Zitiert sei aus einer Erwiderung der taz auf Strauß‘ vergangene Woche im Spiegel erschienenen Aufsatz, nicht weil sie so originell und scharfsinnig wäre, sondern weil sie die vorherrschende Mentalität und den Bewußtseinsstand repräsentativ erfaßt. Nicht „die Deutschen“ stürben aus, heißt es da, sondern bloß die „straßenköterblonden Deutschen“. Zweitens wird die kalte Freiheit im Säkularen gepriesen, zu der es gehöre, den eigenen Lebensentwurf selbst „ergrübeln“ zu dürfen. „Jeder muß selbst sein Ding machen.“ Um das Miteinander der Gesellschaft zu regulieren, genüge die Befolgung einiger Anstandsregeln – als hätten die nicht ebenfalls religiöse Wurzeln, die man nicht straflos kappt. Noch immer und trotz allem also: Die Empfindung, als ethnischer Deutscher erblicher Träger eines Unwerts zu sein, ist so tief, daß sie alle weiteren Überlegungen unterspült. Undenkbar bleibt der Gedanke, daß das eigene Land mehr sein könnte als eine Immobilie, die beliebig ent- und aufgesiedelt werden kann, und daß es sich beim Grundgesetz um den manifest gewordenen Willen keines besonderen, aber eines bestimmten Volkes handeln könnte, den Rahmen für den Fortbestand seiner kulturellen, politischen und, ja, biologischen Existenz zu setzen. Für die Illusion, politische und zivilisatorische Standards verstünden sich unabhängig von den Ursprungskulturen derjenigen, die neu hinzukommen, zahlt das republikanische Frankreich gerade einen hohen Preis. Das Prinzip Selbstverwirklichung ist noch immer das bestimmende, obwohl die Ergebnisse dieser Massenbewegung längst skeptisch stimmen. Kaum mehr bleibt übrig davon als die schlagende Formel Werner Sombarts: „Die höchsten Ideale sind dem Individuum nicht transzendent, sondern immanent; folglich ist die Haltung des Individuums zum Wert nicht Opfer, sondern Anspruch.“ Dieser Anspruch erstreckt sich auch auf die deutschen Moralarbeiter im öffentlichen Raum. Kaum einer von denen nimmt Opfer auf sich, um seinen Werten Geltung zu verschaffen, sondern der Staat, die Gesellschaft sollen zahlen, damit sie selber sich als guter Mensch produzieren und so ihr Auskommen sichern können. Sein vollendetes künstlerisches Äquivalent fand dieses Prinzip in den deutschen Beziehungskomödien, die nicht ansatzweise erahnen ließen, daß Kunst einmal Ausdruck des Sakralen und Chiffre der Transzendenz war: ephemere Abbilder eines entleerten Landes. Eine Gesellschaft, die die Erfüllung der privaten Späßchen und persönlichen Lüstchen so konsequent in ihr Wertzentrum gestellt hat wie die deutsche, ist zur Wahrnehmung ihrer Situation und zur Umkehr vielleicht gar nicht mehr fähig. Dekadenz ist ja nichts anderes als das grandiose Verfehlen der geschichtlichen Situation. Dazu eine Beobachtung in der Berliner U-Bahn: Zwei türkische Jugendliche, der eine etwa 14, der andere 16 Jahre alt, allem Augenschein nach nette Jungs, starrten auf einen der Fernsehschirme, die im Wageninneren angebracht und von einer Boulevardzeitung angemietet worden sind. Die beiden beschäftigt die Nachricht, daß eine semiprominente Schauspielerin unzufrieden sei mit ihrer Oberweite, daß sie sich einer Schönheitsoperation unterziehen und ihre Silikonimplantate über e-bay versteigern wolle. Der Jüngere versteht nicht vollständig, worum es geht, worauf der Ältere ihm die Sachlage wort- und gestenreich erläutert. Auf ihren Gesichtern liegen Geilheit und Ekel, der aus einem anerzogenen religiösen Tabu herrührt, im Widerstreit. Wer möchte behaupten, daß in diesem Konflikt zwischen westlicher Moderne und Traditionalismus die Vorteile automatisch auf Seite des Westens liegen? Es ist vorstellbar, daß die beiden Jungs die Freiheiten, die die Gesellschaft zur Triebbefriedigung einräumt, bald für sich nutzen. Fast undenkbar aber scheint es, daß sie den Respekt vor den Werten dieser Gesellschaft je lernen. Dazu müßten sie, so vorhanden, in anderer Weise sichtbar werden. Haltlose Individualisten werden zu Desintegrierten Noch pflegt die deutsche Mehrheitsgesellschaft auf Abruf den Mythos des modernen Individuums, das „autonom“ und gleichzeitig „integriert“ ist. Die Kehrseite der Emanzipation von traditionellen Gemeinschaften ist aber eine wachsende Abhängigkeit vom Staat, von seinen Sicherheits- und Sozialsystemen. In dem Moment, da diese kollabieren, werden die im Wortsinne haltlosen Individualisten sich als die wirklichen Desintegrierten herausstellen. Vielleicht werden sich in Erkenntnis dieser Gefahr ein unerwartete Bewußtseinswandel, eine neue Spiritualität und Geistigkeit ergeben, man möchte hoffen, daß sich Botho Strauß‘ Hoffnung auf ein „globales Toledo“ mit „westöstlichen Synergien“ zwischen den Kulturen erfüllt. Doch davor wird eine Phase heftiger Verwerfungen liegen, für die wir heute keine Begriffe haben, auf die wir überhaupt nicht vorbereitet sind. In Deutschland wird die von wenig Schwäche und Zweifeln angekränkelte Masse junger „Migranten“ ihre Ansprüche an den Staat unmißverständlich formulieren, und die politische Klasse, die ihn sich zur Beute gemacht und deren Fahrlässigkeit eine entscheidende Ursache gesetzt hat für das Anwachsen eines potentiellen, ethnisch definierten Sozialmobs, wird entsprechend reagieren, um an der Macht zu bleiben. Was kommt, deutet sich in der Einbürgerungskampagne des rot-roten Senats in Berlin an, die sich an muslimische Jugendliche mit dem besonderen Hinweis wendet, daß bis zum 23. Lebensjahr kein selbständiger Lebensunterhalt nachgewiesen werden muß. Die Angesprochenen werden mehrheitlich auch nach dem 23. Geburtstag Dauergäste des Sozialstaats bleiben. Aber sie werden als Wähler in das politische Leben eingreifen und die politische Klasse bestätigen, jedenfalls solange sie sie brauchen, um ihre Ansprüche auf Kosten und durch Enteignung der alternden Stammbevölkerung zu befriedigen. Es geht um Religion, Kultur, um Macht und Geld, um Zukunft. Es geht um alles. Doch erstmal erregen wir uns über die Vogelgrippe. Schriftsteller Botho Strauß: Seismograph des Kommenden Foto: Ruth Walz

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