Das Kino im Dorf lassen

Die so kryptische wie überdimensionierte Botschaft verhüllte in New York ganze Hochhäuser, als der PR-Apparat von Sony Pictures zum Endspurt für den Kinostart der „Da Vinci Code“-Verfilmung auflief. Sie war wohl als eine Art Schlachtruf an Dan Browns treue Leserschaft wie die bislang Uneingeweihten gemeint, in Scharen zu den Multiplexen zu strömen: „Be Part Of The Phenomenon.“ Doch das Phänomen geht weit über die für fast jeden Hype anfälligen USA hinaus. Für die über vierzig Millionen Menschen, die in den letzten drei Jahren Exemplare der Romanvorlage in 44 verschiedenen Sprachen (deutscher Titel: „Sakrileg“) gekauft haben, gibt es mittlerweile Abenteurerreisen auf den Spuren des „Symbolforschers“ Robert Langdon, Internetportale, die über die vermeintlichen Fakten hinter der Fiktion aufklären, und natürlich darf pünktlich zum Kinostart das Computerspiel nicht fehlen. Nicht zu vergessen das Theater um eine Geschichte, der zufolge Jesus mit Maria Magdalena verheiratet und Vater einer Tochter war, was von der Katholischen Kirche seit zweitausend Jahren so erfolgreich vor der Öffentlichkeit verborgen worden sei, daß nicht einmal die Bild-Zeitung Fotos hat. Zu den dramatischsten Szenen kam es in Asien: Hunderte entrüstete Christen drohten im indischen Mumbai mit Hungerstreik, falls ihrem gerichtlichen Ersuchen, den Filmstart zu verhindern, nicht stattgegeben würde. Der Christian Council of Korea folgte ihrem Vorbild mit ähnlichen Aktionen und einem Protestschreiben an die Verleihfirma Sony. Auf den zu Dänemark gehörenden Färöern, wo sich über 90 Prozent der Bewohner zum Protestantismus bekennen und schon der Monty-Python-Klamauk „Das Leben des Brian“ (1979) aus Rücksicht auf religiöse Empfindlichkeiten nie gezeigt wurde, wollen die Besitzer beider Lichtspielhäuser den „Da Vinci Code“ boykottieren, um ein Zeichen gegen derlei „Blasphemie“ zu setzen. Ausgerechnet Tom Hanks, der die Hauptrolle des Harvard-Professors Langdon spielt, sah sich genötigt, die Eiferer zu beschwichtigen. Man möge das Kino bitte schön im Dorf lassen, schließlich handle es sich bloß um „eine Art Schatzsuchenspiel mit allem möglichen Quatsch und Unsinn“: „Es ist eine verdammt gute Geschichte und eine Menge Spaß …“ Damit ist eigentlich schon alles Notwendige über den „Da Vinci Code“ gesagt: aller mögliche Quatsch und jede Menge Spaß. Wer das Buch gelesen hat, für den hält der Film keine wirklichen Überraschungen parat. Nachdem Brown den Drehbuchschreibern viel Arbeit abnahm, indem er seinen geradezu absurd erfolgreichen Roman strukturierte wie ein Filmskript, verwundert es kaum, daß sich Regisseur Ron Howard und Akiva Goldsman (deren Zusammenarbeit bereits die Filmbiographien „Das Comeback“ und „A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn“ produzierte) eng an die Vorlage hielten. Neu an der Verfilmung sind nur die körnigen, mit allerlei stilistischem Schnickschnack aufgeladenen Flashbacks, die Geschichte wohl anschaulich oder gar lebendig machen sollen. Ihre allzu häufige Verwendung vermag indes nur milde Irritationen zu verursachen. Bereits die ersten Szenen lassen keinen Zweifel daran, was den Zuschauer erwartet: Der Kurator des Louvre rennt um sein Leben durch das leere Museum, einen psychopathischen Albinomönch (gruselig: Paul Bettany) dicht auf den Fersen. Die hervorragende Schneidetechnik (Dan Hanley und Mike Hill, die 1995 für ihre Arbeit an „Apollo 13“ einen Oscar gewannen) lenkt das Augenmerk geschickt auf die blutigen Hinweise, die er dem verwirrten Langdon und seiner Gefährtin hinterläßt. Im Rückwärtsgang heizen Langdon und Sophie Neveu (Audrey Tautou), die für eine Dechiffrierexpertin bisweilen ganz schön dümmlich dreinblickt, in ihrem kleinen Smart durch Paris. Sie flüchten auf das Schloß des exzentrischen Gralshistorikers Sir Leigh Teabing (Sir Ian McKellen), der sie über die Geheimnisse hinter Leonardos „Letztem Abendmahl“ aufklärt. McKellen schafft es, einer Rolle Witz und Tiefenschärfe zu verleihen, die bei Brown als lahme Karikatur des englischen Adligen angelegt ist, und setzt Glanzlichter in dieser 152minütigen atemberaubenden Verfolgungsjagd über London und die schottischen Highlands zurück nach Paris. So gibt es überhaupt keinen Grund, warum Liebhaber des Buches diese Umsetzung nicht goutieren sollten – mag sie für Teufelswerk halten, wer katholischer sein will als der Papst. Die renommierten Filmfestspiele von Cannes am Mittwoch letzter Woche mit einem Popcorn-Spektakel für heiße Sommernächte zu eröffnen, war ein grober PR-Schnitzer und mußte beinahe zwangsläufig zum großen Reinfall führen. Weniger verständlich sind die gnadenlosen Verrisse nicht nur in der hiesigen Presse. Da rächt sich womöglich die Lautstärke, mit der Sony die Werbetrommeln für sein neuestes Produkt rührte. Galt der dicke Dan-Brown-Schmöker in der Schultertasche bis vor kurzem noch als durchaus angesagtes Accessoire, so geht der Modetrend mittlerweile eher dahin, kein gutes Haar an seinen hölzernen Figuren und weit hergeholten Räuberpistolen zu lassen – von Hanks‘ schmierigen Locken ganz zu schweigen. Wer sich von dem einen wie dem anderen nicht beirren läßt, den erwartet ein kurzweiliger Thriller, dessen Regisseur eine mittelmäßige Flugzeuglektüre aufpoliert hat, ohne seinen Stoff allzu ernst zu nehmen. Allein das ist ein Kunststück. Foto: „Sakrileg“-Hauptfiguren Robert Langdon (Tom Hanks) und Sophie Neveu ( Audrey Tautou): Was will der Künstler ihnen sagen?

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