Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Bürgerschreck im Spießerland

Ende der sechziger Jahre artikulierten sich die gefährlichen Träume und das rebellische Lebensgefühl der Rock-Generation in populären „Roadmovies“. Zu den Bildern und Bewegungen dieser Filme, die immer auch visionäre Innenbilder ihrer Helden sind, kam die Musik als gleichberechtigter Bedeutungs- und Kommunikationsträger hinzu. In dem 1969 gedrehten „Easy Rider“, einer tödlich verlaufenden Reise von zwei jungen Männern, die auf ihren Motorrädern von Los Angeles nach New Orleans fahren, um dort mit dem Verkauf von Drogen das große Geld zu machen, kommt dies beispielhaft zum Ausdruck. Der Weg, den Peter Fonda und Dennis Hopper durch die mythenträchtige Western-Landschaft eines Amerika zurücklegen, das seinen Traum von Freiheit, Abenteuer und Individualismus längst zugunsten eines spießigen „law and order“-Denkens verkauft hat, führt dann auch in die Katastrophe. Sie werden von bornierten Hinterwäldlern zusammengeschossen, doch selbst der gewaltsame Tod ist dem Verzicht auf ihre persönlichen Glücksvorstellungen vorzuziehen. „Easy Rider“ war Hoppers erste Regiearbeit und eines der wichtigsten Filmdokumente der von Lebensgier besessenen anarcho-libertären Subkultur Amerikas. Vierzehn Jahre zuvor war er überhaupt zum ersten Mal auf der Leinwand zu sehen: In Nicholas Rays Halbstarken-Drama „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ spielte er an der Seite von James Dean dessen Widersacher Goon. Hopper tat dies mit einer Lässigkeit und eigenwilligen Spontaneität, die die seelischen Verwirrungen der amerikani-schen Mittelstandsjugend auch für gleichaltrige Deutsche erklärbar machte. Zwar stand er damals ganz im Schatten von Dean, aber wer ihn sah, wußte, daß dieser Typ früher oder später eine bedeutende Karriere machen würde. Mit Dean verband ihn zudem die gemeinsame Vorliebe für schnelle Autos und schwere Motorräder. Beide spielten dann auch zusammen in Jimmy Deans letztem Film „Giganten“. Eine geduckte Gestalt mit kantigem Schädel, kaum mittelgroß, und dennoch flößt seine Ausstrahlung und Persönlichkeit Respekt ein. Der am 17. Mai 1936 in Dodge City, Kansas, geborene Schauspieler und Regisseur Dennis Hopper ist jemand, den das Physiognomische nahezu obsessiv beschäftigt. Es gibt Momente in seinen Filmen, in denen die Vehemenz des Ausdrucks sein Gesicht fast bis Unkenntlichkeit entstellt. So beispielsweise in David Lynchs Thriller „Blue Velvet“ (1986). Hopper spielt den kriminellen Sadisten Booth mit schier unglaublicher Intensität. Als er auf den einer bürgerlichen Postkartenidylle entsprungenen Kyle MacLachlan trifft, ist dies ein Zusammenprall auf Leben und Tod. Hopper, der nur einen Gedanken hat, der schönen Nachtclubsängerin Isabella Rossellini sexuelle Gewalt anzutun, wandelt hier buchstäblich auf den Spuren von de Sade. Erotische Anziehungskraft strahlen viele aus, aber in „Blue Velvet“ handelt es sich um krankhafte Wollust und unverhüllten Sadismus; es geht um Vergewaltigung, Terror und Mord . Niemand hätte dies vor zwanzig Jahren besser vermitteln können als Hopper. Wie er die Bestie spielt, mit einer Abgebrühtheit, Vulgarität und schläfrigen Gefährlichkeit, entsetzt und fasziniert gleichermaßen. Allein die Vorstellung, er könnte Isabella Rossellini Gewalt antun, sorgt zuverlässig für eine Gänsehaut. Hopper kommt wie Marlon Brando, Montgomery Clift und James Dean aus der Schule Lee Strasbergs. Dies ist vielleicht eine Erklärung für sein subtiles und nuancenreiches, im Grunde jedoch immer gleiches Spiel. Entdeckt hatte ihn übrigens die Filmschauspielerin Dorothy McGuire in San Diego, die ihm Mitte der fünfziger Jahre empfahl, sein Glück in Hollywood zu versuchen. Ende der achtziger Jahre war er nach einer jahrelangen Orgie der Selbstzerstörung mit Drogen und Alkohol ins Leben zurückgekehrt. Unter der Regie von Wim Wenders spielte er den melancholischen Gangster Tom Ripley in „Der amerikanische Freund“ und drehte „Colors – Farben der Gewalt“, einen Film, der die tödlichen Bandenkämpfe in den verwahrlosten Ghettos von Los Angeles thematisierte. Die Straßen der Großstadt sind hier keine Orte der Kommunikation und des menschlichen Miteinanders mehr, sondern archaische Kultstätten, wo schon Kinder als einziges Ausdrucksmittel die pure Gewalt kennen. Bereits in seinem Anfang der achtziger Jahre entstandenen explosiven Drama „Out of the Blue“ scheinen die Träume von Glück, Liebe und Freiheit so groß und grell, daß die Menschen schier verbrennen. Alles ist irgendwie nervöser, flüchtiger, billiger und kälter geworden. Streckenweise erinnert der Film an das Theater von Tschechow, und tatsächlich hat kaum ein zweiter amerikanischer Regisseur – sieht man von John Cassavetes ab – so konsequent und unerbittlich die Niederlagen und zerbrochenen Träume des Einzelnen in der Massengesellschaft ausgeleuchtet. In der Illusionsmaschine Kino mit ihren exzentrischen Charakteren, melodramatischen Konflikten und sadomasochistischen Abhängigkeiten schildern Hoppers Filme typische Schicksale einer vaterlosen Generation. Nun wird der große Doppeldeutige aus dem Schattenreich der Bilder siebzig. Foto: Dennis Hopper (l.) neben Peter Fonda und Jack Nicholson in dem Kultfilm „Easy Rider“ (1969)

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