Belauschte Kasino-Plaudereien

Der Mensch redet in der Regel gern, wenn er Zeit und Gelegenheit dazu hat. An Zeit mangelt es Kriegsgefangenen bekanntlich nicht. Für einen ergänzenden schönen Rahmen zum zwanglosen Gespräch kriegsgefangener deutscher Offiziere untereinander sorgte während des Zweiten Weltkriegs die britische Regierung – und dachte sich etwas dabei. Über Jahre hinweg wurden die Offiziere abgehört. Sönke Neitzel, Professor für Neueste Geschichte in Mainz, hat nun die Abhörprotokolle gesichtet und kommentiert herausgegeben. Neitzel konnte eine Auswahl aus insgesamt zehntausend Seiten Material treffen, die bisher weitgehend unbeachtet in England gelagert wurden. Sie sind zwischen 1942 und 1945 in Trent Park entstanden, einem schloßartigen Landsitz nördlich von London, der zu diesem Zweck verwanzt worden war. 63 Generale und 14 Obristen kommen bei Neitzel zu Wort. Der Inhalt der Gespräche ist teilweise spektakulär, werden doch hier Äußerungen aus erster Hand dokumentiert, die auf den ersten Blick nicht nur neu, sondern über jeden Zweifel erhaben scheinen. Natürlich geben die Unterhaltungen dennoch keinen ungefilterten Einblick in die Gedankenwelt der Abgehörten, denn die Aufzeichnungen wurden zu einem Zweck erstellt, der nicht frei von Einfluß auf ihren Inhalt blieb. Die mitgeschriebenen Passagen sind nur Bruchstücke aus vollständig abgehörten langen Gesprächen. Die Auswahl dessen, was aufgezeichnet wurde, trafen meist deutsche Exilanten. Aufgenommen wurden im wesentlichen militärische und politische Äußerungen, wobei die Auswahl den eigens dafür ausgebildeten Überwachern dennoch schwerfiel. Der Autor selbst wählt noch einmal aus und ordnet nach vier Hauptthemen: Politik und Strategie, Kriegsverbrechen, Reaktionen auf den 20. Juli 1944 sowie Gedanken für ein „Nationalkomitee West“, also für die Zusammenarbeit mit dem Feind. Um die Intensität der Gespräche zu steigern und die Themen zu beeinflussen, plazierten die Briten Spitzel und Provokateure unter den Gefangenen, deren Identität bis heute unbekannt ist. Deren Desinformationen könnten durchaus mit in Neitzels Quellensammlung gerutscht sein. Daß den Gefangenen gefälschte Zeitungen untergeschoben wurden, stärkt die Glaubwürdigkeit ihrer Äußerungen ebenfalls nicht. Aus den Gesprächsmitschnitten ergibt sich ein weitgehendes Versagen dessen, was heutzutage innere Führung genannt wird. Der Graben zwischen dem NS-Regime und dem höheren Militär blieb vielerorts unüberwindbar. Viele Offiziere trauten ihrer Regierung und den verschiedenen SS-Gruppierungen praktisch jede Lüge und jedes Verbrechen zu. Selbst das Attentat von 20. Juli wurde von den Gefangenen zunächst vorwiegend als Inszenierung des Regimes gedeutet, die letztlich nur dem an vielen Stellen als Hauptdrahtzieher und starker Mann des Regimes ausgemachten SS-Chef Heinrich Himmler genützt habe. Sie werde zur Ausrottung der konservativ-militärischen Führungsschicht führen, die von den Nationalsozialisten sowieso immer gehaßt worden sei. Bemerkenswert sind nicht nur die wenigen Offiziere, die in Gefangenschaft behaupteten, selbst Augenzeuge von Verbrechen gewesen zu sein, sondern die Bereitschaft der anderen, alles zu glauben, was ihnen aus dritter Hand zugetragen wurde. Sie zeigten sich teilweise auch dort bereit, durch die gegnerische Propaganda verbreitete Gerüchte als Wahrheit zu akzeptieren, wo sie persönlich betroffen waren. General Heinrich Kittel etwa war vom sowjetischen Rundfunk namentlich beschuldigt worden, als kommandierender Offizier in Rostow am Don für die Vergiftung von mehr als 18.000 Zivilisten verantwortlich zu sein. Davon hatte er selbst noch nie zuvor gehört, wollte aber nicht ausschließen, daß ohne sein Wissen eine tödliche Massendeportation stattgefunden haben könnte. Mehrfach kolportiert wurde in Trent Park das Gerücht über eine niemals stattgefundene Massenerschießung von mehr als dreißigtausend russischen Zivilisten auf der Krim nach der Einnahme Sewastopols 1942. Neitzel weist darauf hin, daß es sich dabei um eine unbestätigte Geschichte handelt, und verweist zugleich auf eine andere Massenerschießung in Simferopol, der 11.000 Juden zum Opfer gefallen seien. Sie sei die größte auf der Krim gewesen. Allerdings entpuppte sich dieser oft angeführte Fall, der immerhin auf eine „Einsatzmeldung“ des SS-Sicherheitsdienstes zurückgeht und auch durch die Reemtsmaschen Wehrmachtsausstellungen geflissentlich verbreitet wurde, bereits im Manstein-Prozeß 1949 als bloßes Gerücht. Unabhängig von solchen Episoden, die einmal mehr zeigen, wie begründet die gängige Floskel vom Zeitzeugen als „Todfeind des Historikers“ ist, enthalten die Protokolle eine Reihe von Schilderungen direkter Augenzeugen über Massenmord und andere Verbrechen. Die Gefangenen reagierten darauf im Gespräch mit der ganzen Bandbreite an Reaktionen, wie sie heute noch die Debatte prägt. Neben der Beteuerung des eigenen Unwissens und dem grundsätzlichen Zweifel an der Glaubwürdigkeit solcher Berichte gab es den Todesfluch über das eigene Volk wegen seiner Schuld und schließlich manchmal trotzig vorgetragenen Antisemitismus. Die Generale, so bilanziert Neitzel, hätten sich nicht von ihren militärischen Ehrauffassungen lösen können, um gegen eine verbrecherische Staatsführung zu agieren. Tatsächlich erwiesen sie sich in den Gesprächen als ungebrochen pflichttreu und als Soldaten ihrem Eid verpflichtet, weshalb direkte Verhöre schließlich ergebnislos geblieben waren. Sie nutzten nach jahrelangem Frontdienst aber die Gelegenheit zum Austausch untereinander gern aus, die sie vorher nicht hatten. Ein Konsens darüber, was politisch getan werden sollte, kam dabei nicht heraus und konnte es zuvor im Kriegseinsatz erst recht nicht. Insofern zeigt diese Dokumentation einmal mehr die Ausweglosigkeit, der konservative Ehrauffassungen im Totalen Krieg ausgesetzt waren. Sönke Neitzel (Hrsg.): Abgehört – Deutsche Generale in britischer Kriegsgefangenschaft 1942-1945. Propyläen Verlag, Berlin 2006, 460 Seiten, Abbildungen, gebunden, 26Euro Foto: Generalmajor Carl Köchy (mit Tropenhelm) und Generalleutnant Gotthart Franz mit britischen Offizieren in Trent Park, Mai 1943: Ausweglosigkeit konservativer Ehrauffassungen

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