Aus Angst vor dem Alten

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, wird in Berlin ein Anschlag auf das Neue Museum vorbereitet. Die Auswirkungen betreffen die gesamte Museumsinsel – ein Juwel in der deutschen und europäischen Museumslandschaft und dem Weltkulturerbe. Nach der deutschen Vereinigung erhielt die Museumsinsel neuen Glanz. Gerade wurde das Bodemuseum übergeben (JF 50/05), und bis 2009 soll für 233 Millionen Euro das kriegsbeschädigte Neue Museum hergerichtet werden. Dann werden hier die ägyptischen und frühgeschichtlichen Sammlungen Platz finden mit dem Nofretete-Kopf als Prunkstück. Das Neue Museum wurde 1855 nach dem Entwurf August Stühlers fertiggestellt und gilt als bedeutender Bau des Spätklassizismus. Die Museumsräume waren um zwei Innenhöfe, den Ägyptischen und den Griechischen, gruppiert. Zwischen 1943 und 1945 wurde es durch Brand- und Sprengbomben schwer getroffen. Die DDR sah sich außerstande, Verwahrlosung und Witterungsschäden aufzuhalten, Teile der Ruine wurden sogar abgerissen. 1986 wurde ein Beschluß zur Teilrekonstruktion gefaßt, der jedoch nicht mehr zur Ausführung kam. 1993 wurde ein Wettbewerb für den Wiederaufbau ausgeschrieben. Den Zuschlag durch das Preisgericht erhielt der englische Architekt David Chipperfield, und zwar ausdrücklich deswegen, weil er „sich als einziger unter allen Wettbewerbsteilnehmern zu einer Rekonstruktion des Neuen Museums (bekennt), die in der vollständigen (!) Wiederherstellung des Stühlerschen Treppenhauses ihren Höhepunkt findet“. Das war Falschmünzerei. Ob vom Architekten oder durch die Jury, kann dahingestellt bleiben. Chipperfield plant nämlich schwerwiegende Eingriffe, die das ursprüngliche Erscheinungsbild grundlegend verändern werden, und das gewiß nicht zum Guten. Am schlimmsten wird es Stühlers Treppenhalle treffen, die mit Fresken zur Menschheitsgeschichte ausgestattet war und in ihrem Versuch, die griechisch-römische Antike mit dem Ideengut der deutschen Romantik zu verschmelzen, nicht nur den geistigen Mittelpunkt des Hauses bildete, sondern selber ein Stück deutscher Kultur- und Geistesgeschichte repräsentierte. Chipperfield will die Energie der Ruine nicht zerstören Chipperfield plant, die kriegsversehrten Wände unverputzt zu lassen, so daß sie den häßlichen Brandmauern gleichen, wie man sie aus Hinterhöfen kennt. Im zweiten Obergeschoß soll anstelle der Korenhalle des Erechtheions – einer athenischen Kultstätte – ein Balkengestell den Blickfang bilden: ein Vorschlag, der nicht einmal provokant, nur blöde wirkt. Zwar spricht Chipperfield euphemistisch davon, „die originale Form der Treppe“ wiederherstellen zu wollen, doch in Wahrheit meint er lediglich ihren originalen Verlauf. Die feine Gliederung der Stühler-Treppe wird durch eine Brutalo-Architektur im Stil der 1970er Jahre ersetzt. Die Treppenhalle soll, anstatt auf das Museumserlebnis einzustimmen, für eilige Besucher eine „Eingangs- und Verteilerfunktion“ übernehmen und Ausgangspunkt für einen Schnelldurchgang vorbei an den „Highlights“ sein. Chipperfields wenig originelle Begründung: Eine Rekonstruktion des Museums – die heute auf wissenschaftlicher Basis ohne weiteres möglich ist – sei „disneyhaft“. Ruinen strahlten „oft eine größere Energie aus als intakte Bauwerke“, und er sehe die „Gefahr“, „daß dieser Eindruck durch eine gewisse kosmetische Schonung der Ruine verlorengeht“. Auf diese Formulierung muß man erst mal kommen. Man hat den Eindruck, der Brite erwarte Dankbarkeit für die Bomben, weil sie die Energie überhaupt erst freigesetzt haben. Seine Planung jedenfalls kommt einer höhnischen Zurschaustellung der Kriegsschäden gleich, die Treppenhalle wird zum Kriegsdenkmal. Doch weder den Berliner Senat noch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz scheint das zu stören, und das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung behauptet wacker, eine „Monumentalisierung der Zerstörung“ sei nicht vorgesehen. Der einst mit bemalten Säulen geschmückte Ägyptische Hof soll überdies glatte Wände, übermannshohe Trennwände und einen von quadratischen Pfeilern gestütztes Glasdach erhalten – eine moderne Fabrikhalle wirkt aufregender. Der zerstörte Nordostflügel soll, entgegen dem Originalzustand, disproportional zum Nordwestflügel rekonstruiert werden, womit die Symmetrie des durch einen Mittelrisaliten gegliederten Gebäuderiegels zerstört würde. Außerdem wird vor das Museum ein gläserner Ergänzungsbau als „Durchgangsstation für den Massentourismus“ plaziert, der die Anmutung ineinandergeschobener Container besitzt. Der repräsentative Anblick auf die Westfassade wäre damit verbaut. Das Berliner Gesetz zum Denkmalschutz verbietet zwar ausdrücklich, „die unmittelbare Umgebung eines Denkmals, soweit sie für dessen Erscheinungsbild von prägender Bedeutung ist, (…) durch Errichtung oder Änderung baulicher Anlagen“ so zu verändern, „daß die Eigenart und das Erscheinungsbild des Denkmals wesentlich beeinträchtigt werden“, aber von einem Einspruch seitens der Behörden war noch nichts zu vernehmen. Wohl auch aus Furcht, weil Kritikern in vergleichbaren Fällen stets entgegnet wird, sie seien vorgestrig, traditionalistisch, der Vergangenheit – der deutschen zumal! – gegenüber unkritisch und für Neues nicht aufgeschlossen. Wohin die Nachgiebigkeit gegenüber solcher Moderne-Phraseologie führt, läßt sich an der Akademie der Künste am Pariser Platz besichtigen. Dort waren ursprünglich, um den einstigen Charme des Platzes wiederzubeleben, steinerne Fassaden vorgeschrieben. Trotzdem projektierte Günter Behnisch, Architekt des Münchner Olympiastadions und des neuen Bundestags in Bonn, für die Akademie eine gläserne Frontseite. Seitens der Behnisch-Anhänger brach ein Kulturkampf los. Die Glasfassade drücke Modernität, Transparenz, demokratische Offenheit aus, und was der Sprachfertigteile mehr waren. Was ließ sich dagegen schon sagen? Dieser Neubau schimmelt schon vor seiner Vollendung Jetzt klafft ein dunkles, banales Loch in der Häuserfront, höchstens abends, wenn der Bau von innen erleuchtet wird, zeugt er von Leben. Drinnen ist alles Bruch. Der Vizepräsident der Akademie, Matthias Flügge, zog in einem Zeitungsinterview einen Vergleich zum alten Akademiegebäude, dessen Innenräume der kaiserliche Baumeister Ernst von Ihne gestaltet hatte: „Die historische Akademie von Ihne galt als der schönste Ausstellungsort Europas. Wir hofften mit Behnischs Bau auf die schönsten Ausstellungsräume zumindest Berlins. Aber jetzt haben wir eine mit Gipswänden verkleidete, nicht klimatisierbare, aus den Proportionen geratene Architektur.“ Und in den für das Archiv vorgesehenen Kellerräumen herrscht der Schimmel. Chipperfields Neubau schimmelt schon vor seiner Vollendung. Noch ist er nicht zum unumkehrbaren Ereignis geworden. Foto: Blick in die Basilika auf der Bodemuseummsinsel, aufgenommen am 22. Juli 2004: Wiederaufbau gilt als „disneyhaft“

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