Joachim Kuhs

 

Von Rezession keine Spur

Alles wird teurer, die Leute haben kein Geld mehr, es wird nicht genug konsumiert – die Litanei kann inzwischen jeder im Schlaf herunterbeten. Vielfach stützen sich derlei wohlfeile Klagen auf eigene Erfahrungen und empirische Befunde im Freundes- und Bekanntenkreis. Und siehe da, tatsächlich werden Cent und Euro zweimal umgedreht, zumal wenn es um nicht lebensnotwendige Ausgaben geht. Kein Wunder also, daß viele Wirtschaftsbranchen unter der Konsumzurückhaltung ächzen und stöhnen. Doch es gibt Ausnahmen. Eine davon ist die Fußball-Bundesliga, die am ersten August-Wochenende in die Saison 2005/2006 startet. Ein knappes Jahr vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land verzeichnet die Liga sowohl beim Kartenvorverkauf als auch beim Trikotsponsoring Wachstumsraten, von denen der Wirtschaftsstandort Deutschland sonst nur träumen kann. Vor allem die Begeisterung der Fans kennt kaum noch Grenzen. Wie Heuschrecken fallen sie in den Stadien ein und halten selbst dann noch ihrer Mannschaft die Treue, wenn die sich in einer Formkrise befindet. „You’ll never walk alone“, die Fußball-Hymne schlechthin, wird längst nicht mehr nur auf englischen Fußballrängen angestimmt. In Dortmund fanden in der letzten Bundesliga-Saison im Schnitt 77.235 Zuschauer den Weg ins Westfalenstadion, zu den Heimspielen von Schalke 04 kamen 61.342 und zu den Bayern in München 53.294 Zuschauer. Insgesamt pilgerten in der Saison 2004/2005, je nach Quelle, zwischen 10,765 (Kicker) und 11,568 (Sport Bild) Millionen Zuschauer in den Stadien. Damit konnte die Bundesliga bereits das fünfte Jahr hintereinander einen Zuwachs verbuchen – von Rezession keine Spur. Mit einem Zuschauerschnitt von rund 37.800 pro Spiel lag die Bundesliga sogar erneut vor der international erfolgreicheren englischen Premier League und der spanischen Primera División. Dabei ist es beileibe kein billiges Vergnügen. Vergleichsweise moderat sind die Preise für einen Sitzplatz noch in Berlin (ab 10 Euro), Bremen (ab 11 Euro) oder Leverkusen (ab 12 Euro). In München dagegen muß man für einen Sitzplatz zwischen 20 und 50 Euro zahlen, für einen Stehplatz immerhin noch 12 Euro. In Dortmund kostet der günstigste Sitzplatz 22 Euro, und selbst in der Fußballprovinz muß man mindestens 18 Euro (Bielefeld) bis 20 Euro (Duisburg) für einen Sitzplatz hinblättern. Dazu kommen Kosten für Bier und Bratwurst. Für den eingefleischten Fußballfan sind solche nackten Zahlen freilich zweitrangig. Was zählt, ist das Spiel. Wenn der Ball erstmal rollt, Podolski (Köln) oder Marcelinho (Berlin) ihre Gegner schwindlig dribbeln, Ballack und Deisler (beide München) ihre Pässe bzw. Flanken zentimetergenau auf den Mitspieler zirkeln, Kuranyi und Asamoah (beide Schalke) im gegnerischen Strafraum für Gefahr sorgen, dann ist auf den Rängen kein Halten mehr. Neunzig Minuten lang werden pure Emotionen freigesetzt, Adrenalin schießt durchs Blut, der Pulsschlag beschleunigt sich, das Herz rast, die Nerven liegen blank. Es wird geschrien und gejohlt und gepfiffen, was die Stimme hergibt. Für den Fußballfan gleicht jedes Spiel seiner Mannschaft einer Achterbahnfahrt der Gefühle zwischen Bangen und Hoffen, zwischen überschäumendem Jubel und tiefer Niedergeschlagenheit. Befeuert werden dürfte die Euphorie in dieser Saison noch von der Aussicht auf die Fußball-WM im nächsten Jahr und dem Auftreten der deutschen Nationalmannschaft unter Jürgen Klinsmann. Schon der eigentlich bedeutungslose Confederations Cup in diesem Sommer – eine Art Mini-WM – hat die Vorfreude spürbar angeheizt. Was bei diesem Turnier Mannschaften wie Brasilien, Argentinien und nicht zuletzt auch Deutschland über weite Strecken an Fußballkunst geboten haben, war höchstes Niveau und eine Augenweide für jeden Zuschauer, ob im Stadion oder daheim am Fernsehschirm. Und nicht nur Franz Beckenbauer glaubt, daß die Begeisterung beim Confed-Cup sich auch auf die Bundesliga überträgt. Die Voraussetzungen für eine spannende Saison sind jedenfalls gegeben. Zwar müssen die Bayern wohl wieder als Favorit auf den Titel gelten. Doch so relativ leichtes Spiel wie in der zurückliegenden Saison, als sie mit 14 Punkten Vorsprung die Meisterschale zum achtzehnten Mal seit Bestehen der Bundesliga 1963/64 an die Isar holten, werden sie hoffentlich nicht mehr haben. Besonders Schalke 04, Hertha BSC, Werder Bremen und der VfB Stuttgart brennen darauf, den Münchnern Paroli zu bieten, wobei die Schwaben mit Giovanni Trapattoni als Trainer und dem dänischen Nationalspieler Jon Dahl Tomasson im Sturm die interessantesten Neuzugänge zu vermelden haben. Trapattoni („Ich habe fertig!“) hat zuletzt Benfica Lissabon zum Gewinn der portugiesischen Meisterschaft geführt. Tomasson hat für Newcastle United, Feyenoord Rotterdam und zuletzt den AC Mailand gespielt, mit dem er 2003 die Champions League gewann. Einen ähnlich prominenten Neuzugang kann sonst nur noch der Hamburger SV vorweisen. Dort dirigiert künftig ausgerechnet ein Holländer – in deutschen Fußball-Landen so etwas wie der Erzfeind – das Mittelfeld. Der 22jährige Nationalspieler Rafael van der Vaart wechselte vom holländischen Vizemeister Ajax Amsterdam an die Alster, in der neuen Saison soll er die Hamburger aus der Mittelmäßigkeit heraus mindestens in den Uefa-Cup führen. Doch wie immer die Saison mit dem letzten Spieltag am 13. Mai 2006 auch endet, spätestens drei Wochen danach, mit dem Anpfiff zum Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft am 9. Juni in München, fiebert ganz Fußball-Deutschland nur noch mit einer Mannschaft mit: der deutschen.

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