Lenin und der Mann im Kyffhäuser

Erst vor einem Monat, am 5. Juli, wurden trotz massiver Proteste die 1.067 Mauerkreuze am Checkpoint Charlie mit Billigung des von einer SPD/PDS-Koalition geführten Berliner Senats abgeräumt. Kurz zuvor, am 20. Juni, waren die Bildtafeln vom Finanzministerium abmontiert worden, die an die Niederschlagung des Volksaufstandes in der DDR vom 17. Juni 1953 erinnerten. Die Toten des DDR-Grenzregimes und die brutale Niederwerfung des demokratischen Aufstandes – sie sind Zeugen eines singulären Terrors, dessen Ursprung wir in der Russischen Revolution vom 7. November 1917 finden. An diesem Tage brach sich eine Ideologie Bahn, die im Namen der Befreiung des Menschen die halbe Welt versklavte und die Idee der Vernichtung gebar. An der Wiege dieses zur Mordmaschine des Massenterrors entfesselten Staates stand der Kopf der Revolution, Wladimir Iljitsch Lenin. Der Schöpfer der kommunistischen Terroridee, der weltweit zwischen 1917 und 1990 nach Stéphane Courtois (Schwarzbuch des Kommunismus) über 100 Millionen Menschen zum Opfer vielen, tritt eigenartigerweise hinter seinem gelehrigen Schüler Josef Stalin zurück, dem alles Übel der kommunistischen Epoche angelastet wird. Daß Lenin in ein solches mildes Licht getaucht wird, verdanken wir der unermüdlichen Mythenarbeit seiner politischen Erben und einer unter Knochenerweichung leidenden westlichen Intelligenz, die sich von der Mär des „unaufgebbaren Humanums“ (so der evangelische Theologe Peter Beier) in der kommunistischen Idee hat verführen lassen. Vor wenigen Tagen nun regte der Berliner Kultursenator Thomas Flierl (PDS), der erfolgreich für die Beseitigung der Mauerkreuze geworben hatte, an, die 1991 in 129 Teile zerlegte und in der Seddiner Heide deponierte kolossale Lenin-Statue vom einstigen Lenin-Platz in Berlin-Friedrichshain wieder auszugraben und „museal“ zu „bearbeiten“. Es gibt über diesen – im Kontext der vorangegangenen Ereignisse – obszönen Vorstoß eine gewisse Verwunderung im Berliner Politikbetrieb, ja es gibt leisen Protest aus den Reihen von CDU und FDP. Daß sich der PDS-Politiker schlagartig unmöglich gemacht hat, davon kann überhaupt keine Rede sein. Warum auch? Die Erben des kommunistischen Totalitarismus, der die Pandorabüchse des neuzeitlichen Terrors öffnete, sitzen ja auch nicht mehr auf der historischen Anklagebank. Sie haben sich zu moralischen Siegern emporgemogelt, ohne nennenswerten Protest aus dem Publikum! Nur so konnte auch der Keim für den aberwitzigen Mythos gelegt werden, das bleibende Verdienst des Sowjetkommunismus sei es, den „Faschismus“ in Europa besiegt zu haben. Dabei hatte er ihn doch hervorgebracht! Ohne die „kommunistische Gefahr“ wäre der Gefreite Hitler als „kleineres Übel“ nie Reichskanzler in Deutschland geworden. Während das Lenin-Denkmal in Berlin also entstaubt wird, bleibt das am Kyffhäuser von der Roten Armee nach dem Krieg verscharrte tonnenschwere Denkmal des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg (JF 30/04) aus Gründen der Political Correctness im Boden. Lediglich über eine gläserne Luke dürfen Besucher bald auf den im Boden Liegenden blicken. Schneewittchen-Lösung, nennen es die Thüringer. Symbol einer verkehrten Welt.

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