Langen Müller Josef Kraus Der deutsche Untertan

 

Vom Birkenwald zur weißen Fläche

Strengste geometrische Formen, bis ins Äußerste umgesetzte Abstraktion – diese Bilder steigen im Kopf der meisten Kunstfreunde auf, sobald der Name des holländischen Malers Piet Mondrian fällt, der heute nach Rembrandt und van Gogh als bedeutendster holländischer Maler gilt. Daß dieser Teil seines Schaffens lediglich den Höhepunkt einer kontinuierlichen Entwicklung „zur Klarheit und Reinheit“ – die Mondrian zeit seines Lebens verfolgte – darstellt, ist dagegen außerhalb der Grenzen seiner niederländischen Heimat nur wenigen bewußt. Noch zum 50. Todestag des Künstlers im Jahr 1994 wurden in der Jubiläumsausstellung, die in Den Haag, New York und Washington präsentiert wurde, lediglich fünf Werke gezeigt, die vor 1907, und nur 25 weitere Bilder, die bis 1912 entstanden waren. Dagegen zeigten über 160 Werke den „eigentlichen“ kubistischen Mondrian. Selbst zu diesem Zeitpunkt wurde im allgemeinen immer noch das Frühwerk des Künstlers schlichtweg als Ausdruck eines „rückwärtsgewandten Traditionalismus“ angesehen und dementsprechend missachtet. Erst 2002 setzte sich eine neue Präsentation in Paris und Fort Worth erstmals intensiv mit seinem Schaffen zwischen 1893 und 1914 auseinander. Der Fortschrittsglaube prägte auch das Kunstverständnis Auf der Grundlage dieser wichtigen Vorarbeit wird nunmehr in der Wiener Albertina eine Mondrian-Ausstellung gezeigt, in der ein gleichberechtigter Überblick sowohl über das Früh- als auch über das Spätwerk des 1872 in Amersfoort geborenen Malers ermöglicht wird. Zwar kann die Präsentation nicht mit dem gewaltigen Umfang des Jubiläumsprojektes von 1994 mithalten – doch auch mit Hilfe einer gezielten Auswahl von über 90 Gemälden und Zeichnungen ist das Anliegen des Projekts in dieser Hinsicht mühelos umsetzbar. Mondrian wuchs in einer Zeit Ende des 19. Jahrhunderts auf, in welcher der Glauben an den allgemeinen menschlichen und künstlerischen Fortschritt einen Höhepunkt erlebte. Die Vermittlung des Ideals einer kontinuierlichen Aufwärtsentwicklung gehörte zum allgemeinen Bildungsgut. Dies hatte unmittelbare Folgen für die Philosophie vieler Kunstschaffender: Jedes neue Werk sollte nicht nur eine Festigung des Bestehenden, sondern vielmehr eine Verbesserung des Vorhergehenden darstellen. Mondrians frühes Schaffen steht unverkennbar in der Tradition der holländischen Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts. Dies wird in der Aneinanderreihung von vier verschiedenen Baumstudien der Jahre 1899 bis 1906 deutlich. So zeigt sein „Kleiner Birkenwald“ von 1899 den Versuch, die lebendige, erlebte Natur möglichst originalgetreu festzuhalten. In seinem „Wald mit Buchen“ von 1902 weisen dagegen die Bäume bereits eine weit strengere Form auf: Sie bestehen aus kahlen, senkrecht aufragende Stämmen, die auf halber Höhe abgeschnitten werden. Auch wenn der noch junge Künstler hiermit in erster Linie experimentierte, zeigen sich darin doch bereits erste Anzeichen von Mondrians späterem Drang zur „Befreiung von der visuellen Erscheinung der Dinge“. Im „Kiefernwald bei Oerle“ (1906) manifestiert sich schließlich die Ausreifung der naturalistischen Schaffensperiode, indem noch einmal die beiden Elemente – Originaltreue und Ansätze von Abstraktion – miteinander verbunden werden. Einen weiteren Schritt in Mondrians Schaffen markieren die Zeichnungen eines „Bauernhofes bei Duivendrecht“ von 1906/1907. Zwar wird hier Reales und Sichtbares noch nicht zugunsten abstrakter Ideen aufgegeben; jedoch bereits in eine Form gebracht, in der nichts verändert, hinzugefügt oder weggelassen werden kann, ohne dadurch die Gesamtheit zu verändern. Auch anhand mehrerer Werke, in denen „Das Bauernhaus Geinrust“ im Mittelpunkt steht, läßt sich diese Entwicklung gut beobachten. In der Kreidezeichnung sowie im Aquarell von 1905/06 überwiegt zunächst noch das naturalistische Element. Doch bereits im Aquarell „Das Bauernhaus Geinrust mit jungen Bäumen“ (1905/07) ist ein deutlicher Trend zur Abstraktion und zur gezielten Abkehr von Naturfarben erkennbar. Noch deutlicher wird dies im Ölbild „Das Bauernhaus Geinrust im Nebel“ von 1905/07, welches nicht nur stark impressionistische Züge aufweist, sondern nahezu komplett auf die Naturalistenfarbe Grün verzichtet. Mondrian beschränkt sich darin erstmals auf Grautöne, denen er Rot, Gelb und Blau beimischt. Kritik an mangelnder „Nähe zur Erscheinungswelt“ 1908/09 entstehen die Zeichnungen bzw. Ölskizzen „Der blaue Baum“ sowie „Der Rote Baum“. Neben der Fortsetzung des Spiels mit Farben zeichnet sich immer deutlicher die beginnende Aufteilung und Zergliederung des Bildes in viele Einzelflächen ab. Zudem sprengen die Bäume den Rahmen der Bilder. Dies trifft auch für das 1908 entstandene Ölgemälde „Wald bei Oele“ zu, welches zudem Anklänge an die jungen Traditionen des Symbolismus verrät. Hatte die zeitgenössische Kritik den Wandel in Mondrians Stil bis zu diesem Zeitpunkt im großen und ganzen noch nachvollziehen können, so häuften sich bei seiner „Windmühle im Sonnenlicht“ (1908) die negativen Reaktionen. Die Farben, die Mondrian für seine Mühle verwendete – Hellviolett bis Zinnober – umgeben von einem kadmiumgelben Himmel wurden als „nicht nachempfindbar“ bezeichnet. Schnell wurde gegen den Maler sogar der Vorwurf erhoben, er sei auf dem Wege zu einer „geistigen Umnachtung“, da überhaupt keine „Nähe zur Erscheinungswelt“ mehr erkennbar sei. Allerdings hielt diese massive Kritik nicht lange an: Wesentlich positiver war das Echo bereits auf die Gemälde „Düne IV“ (1909) und „Meer bei Sonnenuntergang“ (1909), obwohl die dabei verwendeten Farben eine weitere Fortentwicklung des „Mühle“-Gemäldes darstellten. Mondrians Kunstauffassung wird seit dieser Zeit zunehmend von seiner Anhängerschaft an die Theosophie Rudolf Steiners geprägt, der eine intensive Beschäftigung mit Philosophie folgt. 1909 tritt er der Niederländischen Theosophischen Gesellschaft bei, deren Thesen zur „Klarheit der Gedanken“ durch „Klarheit der Technik“ zur Lebensmaxime Mondrians werden. 1911 entsteht das „Stilleben mit Ingwertopf 1 „, bei dem neben der grundsätzlichen Nähe zu Werken Cezannes bereits die strikte Geometrie der einzelnen Formen auffällt, deren Anordnung nunmehr austauschbar zu werden scheint. Ende 1911 zieht Mondrian nach Paris, wo er engen Kontakt zu einigen Vertretern des Frühkubismus knüpft. Die daraus resultierende künstlerische Befruchtung schlägt sich unverkennbar in der Weiterentwicklung „Stilleben mit Ingwertopf 2“ nieder, in dem die geometrische Anordnung des Gesamtwerkes, welches sich in jede einzelne Form zerlegen läßt, noch augenscheinlicher wird. Eine weitere Vereinfachung der noch komplexen Gitterstruktur nimmt Mondrian im „Blühenden Apfelbaum“ (1912) vor, welcher nahezu nichts mehr mit seinen Landschaftszeichnungen der früheren Schaffensjahre gemein hat. Endgültig trennt sich Mondrian jedoch erst mit seinen Kompositionen des Jahres 1913 von dem Ansatz, nach den Vorlagen belebter Natur zu zeichnen. Die Vorlagen liefern jetzt großstädtische Architekturelemente wie Giebel und Wände. Das Raster, welches durch strenge horizontale und vertikale Linien erzeugt wird, wirkt dadurch noch strenger. Die Ursprungsform ist für den Betrachter nunmehr nahezu unmöglich zu erkennen. Den letzten Schritt zur rein abstrakten Kunst vollzog Mondrian 1916 nach einer Begegnung mit dem Künstler Bart van der Leck. Mit seiner „Komposition mit farbigen Flächen 1“ von 1917 sind zum ersten Mal die so charakteristischen Weißflächen vorhanden, die Mondrian nach dem Krieg häufig als Ausgangsmaterial seiner Ölbilder wählen wird. Die Zuwendung zu der nach dem Krieg rasch an Bedeutung gewinnenden Richtung der „Neuen Gestaltung“ kommt in Mondrians gesamtem Nachkriegsschaffen ebenso zum Ausdruck wie seine Beschäftigung mit Dada und den Dadaisten, über deren Ansätze er erstmals 1920 ausführliche Artikel verfaßt. Bereits zu Beginn der zwanziger Jahre entstehen die heute für die klassische Moderne so berühmten Werke wie „Komposition mit Gelb, Rot, Schwarz, Blau und Grau“ (1920) sowie „Komposition mit Rot, Schwarz, Gelb, Blau und Grau“ (1921), die durch immer neue Varianten bis zum Ende der zwanziger Jahre fortgesetzt werden. Noch radikaler im Hinblick auf die zunehmende Reduzierung der Farben wirken die zu Beginn der dreißiger Jahre entstandenen Rautenkompositionen sowie die „Komposition mit Doppellinie und Blau“ (1935). Mehrere Werke in der Ausstellung „Entartete Kunst“ Seit Mitte der dreißiger Jahre hindern Mondrian körperliche Beschwerden zunehmend am Arbeiten. 1937 werden mehrere Werke aus den zwanziger Jahren im Rahmen der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. Sie werden allerdings wenig später wieder entfernt, da Mondrian der einzige vertretene „Nichtdeutsche“ ist. In der Folge setzt er sich mehrfach mit dem „repressiven Geist“ der Kunst in nationalsozialistischen und kommunistischen Systemen auseinander. 1938 verläßt er nach der Besetzung des Sudetenlandes durch Deutschland die Niederlande und emigriert auf Rat von Freunden nach London, wenige Monate später dann nach New York, wo er am 1. Februar 1944 an einer Lungenentzündung stirbt. Wie groß das Interesse an einer intensiven Auseinandersetzung mit dem vielseitigen Künstler ist, unterstreicht das hohe Besucheraufkommen der Wiener Mondrian-Präsentation. Schnellentschlossenen ist die Stippvisite in der Donaumetropole bis spätestens 19. Juni unbedingt zu empfehlen. Dort erwartet sie eine aufregende Zeitreise über viele Entwicklungsschritte vom Maler „nach der Natur“ zum Naturalisten, der über den Weg impressionistischer und symbolistischer Einflüsse schließlich zu einem der führenden Kubisten wurde. Piet Mondrian, „Der Rote Baum“ (Öl auf Leinwand, 1908/10) : Die Bilder beginnen sich zu zergliedern Die Ausstellung läuft noch bis zum 19. Juni in der Wiener Albertina, Albertinaplatz 1. Täglich 10 bis 18 Uhr; mittwochs 10 bis 21 Uhr. Tel. 00 43 / 1 / 5 34 83-0., Internet: www.albertina.at Zur Ausstellung ist im Prestel-Verlag ein reich bebilderter Katalog erschienen, der 223 Seiten umfaßt und 29 Euro kostet.

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