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Großstadtwild, bitte streicheln!

Das Bedürfnis zu kuscheln ist ein ebenso zeitgenössisches Phänomen wie die mangelnde Gelegenheit dazu. Die Großelterngeneration hätte ob solcher Gefühlsduselei verständnislos den Kopf geschüttelt, die der Eltern eine Abhandlung zur regressiven Repression libidinöser Gelüste produziert. Hätten sie ihn aber verspürt, sie hätten ihren Kuscheltrieb nach Herzenslust ausleben können: im Schoß der Familie, der Kommune oder zumindest der Arbeitsgruppe. Der heutige Großstadtmensch aber – vereinsamter, lichtscheuer Streuner im urbanen Dschungel, der er allen Statistiken und Zeitgeistartikeln in den Wochenendbeilagen zufolge ist, um nicht gleich zu sagen: armer Tropf – weiß nicht mehr, wohin mit seinen Sehnsüchten nach menschlicher Wärme und Geborgenheit. Was liegt da näher, als die Marktlücke mit einem Dienstleistungsangebot zu schließen? Die Idee kommt aus New York, erfreute sich in der Folge des Traumas vom 11. September 2001 wachsender Beliebtheit, und weil Berlin, um als Metropole mitzuhalten, jeden Trend nachäffen muß, den man uns am Hudson vormacht, veranstaltet ein Kreuzberger Meditationsstudio seit neuestem regelmäßige Kuschelpartys. Zehn Euro kostet der Spaß, wenn es denn einer ist, sich von Wildfremden zärtlich in die Arme nehmen zu lassen. Sexueller Kontakt ist verboten, Ablehnung ausdrücklich erlaubt, der Rechtsweg wohl – Antidiskriminierungsgesetz hin oder her – ausgeschlossen, und eine Geld-zurück-Garantie für Ungekuschelte gibt es genausowenig wie im richtigen Leben. Das Konzept ist sicherlich ausbaufähig, und der Staat sollte sich hier durchaus Impulse aus der Privatwirtschaft holen. Der Ein-Euro-Job als Vorkuschler wäre sicherlich jedem Hartz-IV-Empfänger ohne weiteres zumutbar. Damit das Ganze nicht allzu beliebig gerät, sollte man sich allerdings genau überlegen, wer mitkuscheln darf und wer nicht. Öffentlichkeitswirksame Mottos wie „Kuscheln gegen Rechts“ oder aber auch „Kuscheln statt ausgrenzen“ trügen gewiß mehr zur Lösung manches akuten gesellschaftlichen Problems bei als alle Demonstrationsverbote und Integrationsprojekte.

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