AFD Sachsen Wir Frauen brauchen keine Quote!

 

Töten, was wir lieben

Bruce Springsteen, dieses Klischee darf in keiner Rezension eines neuen Albums fehlen, hat den Soundtrack unserer Generation mitgestaltet, Lebensgefühl und Stimmungslagen besungen und beeinflußt wie kaum ein zweiter Musiker, ohne dabei seinerseits das Klischee zu scheuen. Knüpfte „The Rising“ (2002) zuletzt an die bombastische Emphase, wenn auch nicht die Euphorie der „Born in the U.S.A.“-Zeiten an, steht die jüngst erschienene Platte „Devils & Dust“ (Sony) in einer anderen Traditionslinie, die von „Nebraska“ (1982) über „The Ghost of Tom Joad“ (1995) führt. Bereits zum Erscheinen von „The River“ (1980) beklagte der Rolling Stone-Autor Paul Nelson mit jenem Pathos, dem Springsteen-Exegeten bisweilen verfallen, die zunehmende Düsternis seiner Musik: „Werden wir nie wieder den Frühling und Sommer von ‚Thunder Road‘ und ‚Born to Run‘ hören? … Müssen noch die sonnigsten Tage in herbstliche Töne und Winterlicht getaucht werden?“ Auf „Devils & Dust“ gibt er den „Antiboß“, wie ein Rezensent in Anspielung auf Springsteens alten Spitznamen kalauerte. Die beiliegende DVD inszeniert ihn auf seinem Anwesen in New Jersey vor schäbiger Kulisse als „Kerl mit Akustikgitarre“, der wehmütig an seine brotlosen Jahre als Kneipenklampfer zurückdenkt. Doch scheint ihn weniger – wie noch auf „Tom Joad“ – das schlechte Gewissen des Millionärs zu plagen als der anhaltende Schock des 11. September und wohl auch seines vergeblichen Engagements für die Abwahl George W. Bushs im vergangenen Jahr. Beschwor er dereinst die Allmacht des Hungers, ist nun Furcht der Beweggrund des auf „Devils & Dust“ versammelten Personenreigens. Daß die „gefährdete Seele“, die er hier blanklegt, gar nicht die eigene ist, mag der Künstler so oft betonen, wie er will: Wer mit dem Kauf seiner Platten einen privilegierten Einblick in des Idols Innenleben erworben zu haben meint, vernimmt es ungern. Nachdem Springsteen zuletzt für „The Rising“ noch einmal die bewährte legendäre E-Street-Band zusammentrommelte und alles aufbot, was er und seine Mannen den Kräften der Finsternis musikalisch entgegenzusetzen hatten – Pauken und Trompeten im Stadion, von Pfeifen im Walde konnte keine Rede sein -, schlägt er nun leisere Töne an, besinnt sich nuschelnd wie Dylan auf die Wurzeln des Rock, ohne daß ihm die Lust am Geschichtenerzählen je vergangen wäre. Was wir tun, um zu überleben, tötet das, was wir lieben, und den Versprechen einer Hure sollte man nicht glauben: alles Binsenweisheiten, die dennoch Schauer über den Rücken zu jagen vermögen. Der Gott seines katholischen Elternhauses, den der Ich-Erzähler des Titelstücks, ein Soldat im Irak- oder jedem anderen Krieg, „an meiner Seite“ weiß, oder Marias Sohn mit seiner populistischen Spiritualität („Jesus Was An Only Son“) dagegen ist eine wenn nicht ganz neue, so doch gewöhnungsbedürftige Präsenz in diesen Stücken. Elemente aus bodenständigen Musiktraditionen vom klassischen Country über Cajun bis zum mexikanischen Mariachi – Hörner, Streicher, Westerngitarre – erden das Album, ohne die Stücke allzusehr zu überfrachten. Fast wünschte man sich weniger Instrumente, weniger kunstvolle Arrangements, einen noch nackteren Klang, kurz gesagt: ein zweites „Nebraska“ statt eines halbherzigen Versuchs, auch die Fans seiner Mitgröl-Hits nicht zu verprellen. Herausragend unter den zwölf Stücken eines insgesamt ausgewogenen Albums das in brüchigem Falsett gesungene „All I’m Thinkin‘ About“ als gelungenes Experiment mit einem völlig anderen Sound, der eher an The Band als an die E-Street-Band erinnert. Hier stimmt einfach alles, und der Background-Gesang – auf manchen der anderen Nummern eher störend – sorgt für atmosphärische Dichte. Und nicht zu vergessen „Reno“, jene wunderschön todtraurige, so lyrische wie melodische Ballade über käuflichen Sex, um deretwillen „Devils & Dust“ in den USA mit einem Aufkleber versehen ist, der vor jugendgefährdenden Texten warnt. Mittlerweile hat sich ausgerechnet die Cafékette Starbucks – sozusagen McDonald’s für Latteschlürfer – zum Hüter der öffentlichen Moral aufgeschwungen und die CD aus dem in ihren Filialen vertriebenen Musiksortiment genommen. Armes Amerika! „Reno“ endet mit dem nüchternen Fazit: „It wasn’t the best I ever had, not even close“. So reicht auch dieses Album nicht an Springsteens Sternstunden heran – sein bestes Werk seit langem ist es allemal. Wie gut es aber hätte sein können, zeigen die entschnörkelten Versionen von „Devils & Dust“, dem hymnischen „Long Time Comin'“, „Reno“, „All I’m Thinkin‘ About“, „Reno“ und „Matamoros Banks“ auf der DVD. Karten für Springsteens ausverkauften Deutschlandkonzerte im Juni werden im Internet zu 200 Euro und mehr gehandelt. „Unsere Preise basieren Angebot und Nachfrage und liegen für gewöhnlich über dem Nennwert des Produkts“, heißt es dazu lapidar auf der Netzseite der niederländischen Agentur Budgettickets. Daß Träume umsonst sind und ihre Erfüllung unerschwinglich teuer, wußte man als Springsteen-Fan aber sowieso. Springsteen-Konzerte: Hamburg, Color Line Arena (11. Juni), Berlin, ICC (12.), München, Olympiahalle (13.), Frankfurt/Main, Festhalle (15.), Düsseldorf, Philipshalle (16.) Bruce Springsteen: Obwohl er auf seinem neuen Album leisere Töne anschlägt, ist ihm die Lust am Geschichtenerzählen nicht vergangen

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles