Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Legenden um Kolberg

Unter den ostdeutschen Heimatkreisen ist der Kolberger wohl der lebendigste. Seine Schriftenreihe zur Geschichte der Stadt und des umliegenden Kreises Kolberg-Körlin umfaßt bereits dreißig Bände. Der neueste: „Heinrich George – Anfang und Ende in Kolberg“ von Ulrich Gehrke widmet sich einem Giganten der deutschen Bühne. Seine künstlerische Karriere hatte der gebürtige Stettiner 1912 am Kolberger Stadttheater begonnen. Sie endete 1944 mit Veit Harlans „Kolberg“-Film, in dem er die Rolle des Nettelbeck übernahm. Nicht ganz freiwillig, wie Gehrke zeigt, lieber hätte er sich der Hauptrolle im „König Lear“ gewidmet. Auch privat blieb George der Kolberger Gegend verbunden. In dem kleinen Dorf Sorenbohm an der Ostsee befand sich sein Sommerhaus. Gehrke hat zahlreiche Informationen zusammengetragen, die ohne seine Nachforschungen und Befragungen von Zeitzeugen wohl für alle Zeiten verloren gewesen wären. Von besonderem Interesse sind die Schilderungen der Dreharbeiten des „Kolberg“-Films. Die von Harlan verbreitete und seitdem oft repetierte Legende, es seien 187.000 Soldaten von der nahenden Front dafür abgezogen worden, wird gründlich korrigiert. Gehrke hat sogar das Tagebuch der Wehrmacht durchforstet und keinerlei Vermerke über entsprechende Truppenbewegungen gefunden. Widerlegt wird auch die Behauptung, Kolberg sei nach dem Tilsiter Friedensschluß 1807 doch noch von französischen Truppen besetzt worden, der Widerstand gegen Napoleon also sinnlos gewesen. In Wahrheit blieb Kolberg, wie im Friedensabkommen ausdrücklich festgelegt wurde, von der Besetzung ausgenommen und der einzige freie Hafen Preußens. Damit konnte die Stadt zum Stützpunkt des antinapoleonischen Widerstands werden, der 1813 offen losbrechen sollte. In einem Anhang zur Rezeption des Films setzt der Autor sich kritisch mit dem Bewältigungsjournalismus nach 1945 auseinander, in dem Kenntnisarmut und Meinungsstärke in einem proportionalen Verhältnis zueinander stehen. Die Broschüre enthält außerdem seltenes Bildmaterial. Ulrich Gehrke: Heinrich George – Anfang und Ende in Kolberg. Verlag Peter Jancke, Hamburg 2005, 87 Seiten, broschiert, 15 Euro

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