Kopfkino

Seit nunmehr 15 Jahren meldet sich das österreichische Duo Attwenger immer erst dann wieder zu Wort, wenn ihnen etwas Neues eingefallen ist – notfalls nehmen Markus Binder und Hans-Peter Falkner dafür auch eine mehrjährige Pause in Kauf. Von ihrer aktuellen CD „Dog“ (Trikont/Indigo), der sechsten insgesamt, läßt sich dies nicht behaupten. Zwar ist das Konzept, Schlagzeug, Harmonika und naiv-dadaistischen Sprechgesang zusammenzubinden und gelegentlich durch elektronische Klangbasteleien aufzupeppen, keineswegs verbraucht. Um eine CD mit Hörenswertem zu befüllen, muß man es aber in veritable Lieder oder wie immer man dies in diesem Fall bezeichnen mag, umsetzen. Dazu hat es bei „Dog“ nicht gereicht. Hier ergeht sich Attwenger in einem uninspirierten Wiederkäuen bewährter Maschen, zumeist ist es weitaus weniger, eher eine Art Session, in der die Musiker voller Selbstvertrauen ihre Instrumente zur Hand nehmen und dahinplätschernd langweilen und scheitern. Ungewohnt und sogar ein bißchen enervierend ist das Sendungsbewußtsein, partout eine Botschaft an den Mann bringen zu wollen. Attwenger hat zwar seine Verachtung gegenüber dem nicht mit übermäßig viel Feinsinn karikierten Österreichertum nie verschwiegen, in der Regel aber doch den elitären Dünkel hinter einer provinziell polternden Wirtshausattitüde zu verstecken gewußt. Mitunter durfte der Hörer sogar das Gefühl haben, daß die volkstümelnde Ironie nicht nur auf den Haiderösterreicher als vermeintlichen Mehrheitstyp ziele, sondern auch die Musiker selbst nicht ungeschoren lasse. „Dog“ jedoch läßt keinen Zweifel mehr, was richtig und was falsch ist. Sogar das Zeigefingerchen zu den auch in unserem Nachbarland nicht unbekannten Lehren der Geschichte wird erhoben. Salbungsvolle Besinnungslyrik in Mundart im Attwenger-Arrangement: Dies sind Sternstunden der Komik, unfreiwilliger leider. „Das Leben ist kein Video – wer sollte es denn drehn?“ fragt Funny van Dannen. Wäre er ein Filmschaffender, läge diese Aufgabe bei ihm in guten Händen. Seit langen Jahren betätigt er sich als musikalischer Chronist des alltäglichen Lebens der Bundesrepublik, beschrieben aus der Perspektive eines teilnehmenden Beobachters, der nicht zu jenen gehört, von denen er täglich in den Medien erfährt, eines irgendwie durchschnittlichen Menschen, den es dazu drängt, allem, was ihm nah- oder auch fernsteht, einen Sinn beizumessen. In diesem Jahr war Funny van Dannen besonders mitteilsam: Nach der eher durchwachsenen CD „Nebelmaschine“ (Trikont/ Indigo) und dem kalauernden Hörbuch „Neues von Gott“ (Verlag Antje Kunstmann) im Frühjahr erschien nun soeben „Authentic Trip“ (Trikont/Indigo), das in der für ihn üblichen Mischung aus Unsinnpoesie, ironisch-sentimentalen Chansons und biographischen Stichproben aus dem urbanen Leben gleich mehrere Titel enthält, die seiner langen Liste von Liedern zur erleichterten, aber nicht unbedingt schmerzfreien Gesellschaftserkenntnis hinzuzufügen sind. Mit unschuldiger Unbeschwertheit, die an die Naivität evangelischer Kirchenlieder neuen Datums oder den zweckoptimistischen Primitivismus eines Rolf Zuckowski erinnert, stellt er das tatsächliche Kopfkino seiner Zeitgenossen dar, als handele es sich um eine satirische Zuspitzung. Funny van Dannen ertappt seine Hörer und bewahrt sie dadurch vor Überheblichkeit gegenüber den Figuren, deren Schicksale, Privatphilosophien und Handlungsrationalisierungen er besingt. Sie können in der nicht immer gelingenden Bewältigung ihres praktischen Lebens und auf ihren durch disparate Anstöße hin unternommenen Gedankenausflügen selbst gar nicht anders sein.

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