Hartherzig, verwildert, entartet

In den Medien ist ein bißchen viel von „einem Marsch auf Berlin“ die Rede, ein Begriff, der eine Machtergreifung à la Mussolini an die Wand malt. Es gibt Gelüste, einen neuen „Aufstand der Anständigen“ auszurufen. Und das alles, weil zwei Kleinparteien, die eine rechtspopulistisch, die andere extrem rechts, ein Wahlbündnis geschlossen und zwei NPD-Landtagsabgeordnete in Dresden die Regeln deutscher Geschichtspolitik verletzt haben. Dieser Auftritt war gezielt provozierend und verletzend, aber das waren die der Grünen in den achtziger Jahren, als sie den staatlichen Futtertrögen erst noch zustrebten, ebenfalls. Ihre fernsehgerechte Plazierung in der Mitte des Plenums nutzten sie, um mit Plakaten, Transparenten, provokanten Gesten und lautstarken Sprüchen auf sich aufmerksam zu machen. Unvergessen bleibt der Ausruf: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!“ des gegenwärtigen Außenministers. Und dieser Außenminister hat, wie man weiß, in seinem bewegten Leben nicht nur mit verbalen Brandsätzen um sich geworfen. Auch deswegen wirkt es lachhaft, wenn dieselben Fernsehanstalten und Zeitungen, die Fischer heute als Superstar abfeiern, es zum Skandal ausrufen, daß ein NPD-Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein mit Steinen geworfen hat: auf Gegendemonstranten – man denke! -, die auf wundersame Weise vom Tagungsort eines Parteigremiums erfahren hatten. Und die todesmutig-investigativen „Panorama“-Reporter standen hart an der Frontlinie. Trotz geschickter Schnitte ließ sich nicht ganz vertuschen, daß die Gegendemonstranten die ersten waren, von denen physische Gewalt ausgegangen war. Sie hatten nur nicht damit gerechnet, daß die Angegriffenen zur Gegenattacke antreten, die Verfolgung aufnehmen und sie in die Flucht schlagen würden. Der Alarmismus der – eingebetteten? – Journalisten erinnert ein bißchen an das Vorgehen der englischen Suffragetten aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die mit Bomben schmissen und dann, als man sie einlochte, zeterten: Man martert Frauen! Und nun zu den Reden der NPD-Abgeordneten Holger Apfel und Jürgen W. Gansel (siehe Dokumentation auf Seite 20). Gäbe es Politiker und Journalisten, die zu mehr fähig wären als zu Pawlowschen Reflexen, dann würden sie, nachdem sie den Provokationsgehalt konstatiert und kritisiert haben, feststellen: Die alliierten Bomberpiloten sind nicht bloß von den Eingeschlossenen in den Bombenkellern verflucht worden, nicht bloß Goebbels, Apfel und Gansel haben sie als „Massenmörder“ bezeichnet, sondern auch der Historiker Golo Mann, der von „nächtlichen Massenmorden“ an der Zivilbevölkerung schrieb, die logischerweise von Massenmördern begangen worden sind. „Die Überzeugung war weit verbreitet, daß gegen (…) dieses Volk jedes Mittel recht sei“. Dazu fallen Golo Mann harsche Worte ein wie: hartherzig, zynisch, Verwilderung, Entartung! Die von Gansel vorgetragenen Churchill-Zitate („Dieser Krieg ist ein englischer Krieg, und sein Ziel ist die Vernichtung Deutschlands“; „Wir werden Deutschland zu einer Wüste machen, ja zu einer Wüste“, „Es gibt knapp 70 Millionen bösartige Hunnen, die einen sind heilbar und die anderen zum Schlachten“) passen dazu wie die Faust aufs Auge. Die meisten Politiker und Journalisten, gut bundesrepublikanisch erzogen und geschichtsgebildet, kennen diese Fakten nicht, ihr historisches Wissen reicht über eine primitive Dialektik von der Sorte „Coventry-Dresden“ nicht hinaus. Dahinter beginnt ein tabuisiertes, angstbesetztes Feld. Im Grunde können sie einem leid tun, erinnern sie doch an die alten, braven SED-Genossen, die bis 1989 an Honecker „geglaubt“ hatten und dann fassungslos den Offenbarungseid kommentierten: Es kann doch nicht alles falsch gewesen sein! Wenn der SPD-Abgeordnete Cornelius Weiss politisch korrekt argumentiert, mit dem Dresdner Feuersturm sei nun eben auf Deutschland zurückgeschlagen, was von ihm ausgegangen sei, dann wird man ihm – siehe die Churchill-Zitate – erstens ein historisches Halbwissen, zweitens eine nachträgliche Moralisierung der Geschichte und drittens die Perpetuierung einer von Golo Mann als hartherzig, zynisch, verwildert und entartet angeprangerten Logik vorhalten müssen. Zum Wort „Bomben-Holocaust“: Mit dem Begriff „Holocaust“ wird umgangsprachlich der Judenmord bezeichnet, etymologisch verweist er auf ein religiöses Brandopfer. Deshalb lehnen viele Juden das Wort ab und sprechen von „Shoa“ (Zerstörung, Katastrophe). Als geschichtspolitischer Kampfbegriff ist „Holocaust“ jedoch fest etabliert. Auf dieser Ebene haben sich auch die NPD-Redner bewegt. Ob sie damit den Bombenopfern gerecht geworden sind, sei dahingestellt. Wer in diesem Zusammenhang von „Mißbrauch“ spricht, muß aber hinzufügen, daß er eine spiegelbildliche Vorgeschichte hat. Gerd Koenen, der die heutigen Großmoralisten bereits kannte, als sie noch ganz klein waren, erinnerte daran, daß die APO-Aktivisten sich gern als „neue Juden“ bezeichneten. Das sei viel mehr gewesen „als eine verquere historische Analogie“, nämlich eine „neue Ambition“ und ein „narzißtisch übersteuerter Versuch“, der „mit moralischen Avantgardismen und politischen Großraumphantasien jeder Art schwanger“ ging. Reden wir also über die Früchte dieser Schwangerschaft, über das inflationierte Auschwitz-Argument im Für und Wider der Nachrüstung, von zwei Irak-und Balkan-Kriegen und der deutschen Wiedervereinigung. Reden wir darüber, wie APO-Narzißten unter Berufung auf den Holocaust Karriere machten und sich daraus aktuell sehr persönliche Interessen ergeben. Und reden wir dann auch von der Moral, vor der die Presse und Politiker mit Blick auf die NPD nur so triefen, und erinnern an die beiden acht und elf Jahre alten Kinder des Lehrers Andreas Molau, die von der Waldorf-Schule gewiesen wurden, nachdem ihr Vater dort gekündigt hatte, um bei der NPD-Fraktion im sächsischen Landtag zu arbeiten. In einem „Panorama“-Beitrag, der verhältnismäßig fair war, trat eine Elternvertreterin auf, die sich um den Rausschmiß der Kinder verdient gemacht hat. Ihre Rede war sanft, ihr Blick gütig, ihre Gesten drückten Betroffenheit aus – jedes Detail entsprach dem Klischee der „guten, anständigen Deutschen“, die immerzu „aufstehen“ muß. Man tue das ja auch den Kindern zuliebe, um ihnen unlösbare Konflikte zu ersparen, sagte sie. Tatsächlich, diese Kinderquälerin beanspruchte Mitleid für sich und ihre pharisäerhaft vorgeschobene Gewissensnot. Kinder zu quälen, gilt in jeder Kultur als verwerflich. Eine Gesellschaft, die über diese Perversion hinwegsieht, weil es sich um ein Mittel für den guten Zweck handele, hat es verdient, daß die NPD sogar in Presse- und Fernsehräte einzieht.

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