Friede den Schlössern

Am 4. Juli 2002 hat der Bundestag mit großer Mehrheit den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses beschlossen. Doch noch immer erhebt sich auf dem historischen Areal in der Berliner Mitte der in den frühen siebziger Jahren im Auftrag der DDR-Regierung errichtete Palast der Republik, dessen Abriß bislang immer wieder verschoben wurde. In wenigen Wochen nun soll endgültig ein Unternehmen bestimmt werden, welches den Zuschlag für die Demontage des SED-Prestigeprojektes erhält. Der eigentliche Abriß soll dann noch in diesem Jahr beginnen. Allein dieses nahende Ereignis bot Anlaß genug, sich im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung mit der Auseinandersetzung um das Stadtschloß und dessen Bedeutung für die Berliner Identität intensiver zu beschäftigen. Rund einhundert Teilnehmer waren am Montag vergangener Woche einer Einladung des Fördervereins Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Stalinismus und des CDU-Kreisverbandes Berlin-Mitte gefolgt, Näheres hierzu von Christoph Stölzl, Vizepräsident des Berliner Abgeordnetenhauses, und Richard Schröder, Vorsitzender des Fördervereins Berliner Schloß, in den Räumen der Bibliothek gegenüber der Nikolaikirche zu erfahren. Beide Referenten stellten zu Beginn ihrer Vorträge heraus, daß die längere Zeitdauer, die seit dem Beschluß zur Wiedererrichtung des Schlosses bereits verstrichen ist, bei vielen Berlinern zu einer unübersehbaren Skepsis hinsichtlich der tatsächlichen Umsetzung des Projekts geführt hat. Selbst bei manchen Anhängern der ersten Stunde sei inzwischen eine gewisse Ermüdung über die lange und zähe Entwicklung festzustellen. Doch Schröder betonte, er sei davon überzeugt, daß sich diese Verunsicherung schnell wieder legen und in lebhafte Anteilnahme umschlagen würde, sobald die ersten Schritte in Richtung Baubeginn erfolgt seien. „Wenn die Leute sehen, daß etwas passiert“, hege er keine Zweifel, so Schröder, daß sich die Mehrzahl der Berliner schnell des Projektes annehme. Wie populär der Schloßbau immer noch sei, belegten aktuelle Umfragen, nach denen sich schon jeder dritte bis vierte Berliner dazu bereit erkläre, für diesen Zweck Geld zu spenden. Anschließend nahmen Schröder und Stölzl zu verschiedenen Meinungen gegen den Wiederaufbau Stellung. So betonte Schröder, daß er kein Verständnis für Bedenken habe, daß mit dem Wiederaufbau des Schlosses „schlechte Traditionen wieder hervortreten“ könnten. Der Blick auf andere europäische Metropolen wie Paris oder Wien belege das Gegenteil. Die dortige reichhaltige Schlösserlandschaft, teilweise auch aus den Trümmern stark beschädigter Komplexe wiedererrichtet, stehe heute bestenfalls am Rande für eventuelle nostalgische Rückblicke. Im Zentrum stünden heute vielmehr beste demokratische Traditionen: Bedeutende Kunstsammlungen – oft einst aus aller Welt zusammengetragen – können jederzeit besichtigt werden. Auch die gelegentlich vertretene Auffassung, daß zwischen der Zerstörung des Schlosses und dem nunmehrigen Bestreben um einen Wiederaufbau zu viel Zeit vergangen sei, was eine Identifizierung mit dem „alten“ Stadtbild erheblich erschwere, teilte Schröder nicht. Er erinnerte daran, daß vor allem in den baltischen Staaten in den letzten Jahren große Anstrengungen unternommen wurden, um in den historischen Kernen wichtige Akzente für die Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt zu ermöglichen. Ein besonders herausragendes Beispiel sei die Rekonstruktion des Schwarzhäupterhauses in Riga. Aber auch der Wiederaufbau des vollkommen zerstörten Stadtschlosses in Warschau und die Rekonstruktion der Danziger Innenstadt seien lebendige Beweise für den großen Beitrag zur Identitätsbildung und -stärkung. Zudem sei in diesem Ländern damit ein deutliches Zeichen gesetzt worden, sich mit Sprengungen und groben Veränderungen aus ideologischen Gründen nicht dauerhaft abzufinden. Dies solle nunmehr für die „Hinrichtung“ des Stadtschlosses durch SED-Chef Ulbricht gelten: „Wir sehen nicht ein, daß ein solcher Eingriff für immer erhalten bleibt“, so Schröder. Auf die großen Chancen einer solchen Rekonstruktion ging Stölzl am Beispiel der Münchner Residenz ein. Der Wiederaufbau des Komplexes, der im Zweiten Weltkrieg in großen Teilen zerstört wurde, sei in den Nachkriegsjahren noch weit kontroverser diskutiert worden als im letzten Jahrzehnt der des Berliner Stadtschlosses. Als in den fünfziger Jahren die ersten Schritte in Richtung Wiederaufbau unternommen wurden, habe in weiten Teilen von Politik und Gesellschaft immer noch eine große Skepsis geherrscht. Obwohl sich der Aufbau wegen des Geldmangels über nahezu dreißig Jahre hinzog, habe sich innerhalb weniger Monate die Stimmung nahezu vollkommen gewandelt. Heute sei die Wittelsbacher-Residenz eins der attraktivsten Anlaufziele für Einheimische wie für Touristen. Eine vergleichbare „Drehscheibe“ werde das Berliner Stadtschloß nach der Aufstellung der ersten Fassadenteile auch für die Berliner darstellen, gab sich Stölzl überzeugt. Dies sei besonders wichtig für eine Stadt, die sich aus so unterschiedlichen Strukturen und Milieus zusammensetze und zudem das Erbe einer nahezu einmalig tragischen und langen Teilungsgeschichte immer noch mit sich trage: Zum Zweck der „Aussöhnung“ zwischen Geschichte und Gegenwart, Ost und West, sei der Wiederaufbau des Stadtschlosses ideal geeignet. Stölzl erinnerte auch daran, daß sich die Rekonstruktion von Schlössern und anderen historischen Komplexen in Bayern wie auch in Polen und den baltischen Staaten als wahre „Jobmaschine“ erwiesen hätte: Die konkreten praktischen Ausführungen, die immer eine besondere Herausforderung darstellten, hätten zur Ausbildung von Spezialisten wie Gipsern und Stukkateuren beigetragen, die aufgrund ihres Spezialwissens anschließend gefragte Experten waren. Allein 800 Arbeitsplätze von Steinmetzen könnten damit über einen längeren Zeitraum gesichert werden. Auf die geplante Nutzung des Schloßkomplexes ging anschließend Schröder näher ein. Als öffentliche Dauerinstitutionen sei die Nutzung durch die Landes-/Stadtbibliothek, Zentrale der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und die Ethnologische Sammlung Dahlem geplant. Dazu kämen private Gastronomie-Einrichtungen. Insgesamt sei an eine Mischung zwischen drei Vierteln öffentlicher Nutzung und einem Viertel kommerziell-privater Nutzung gedacht. Stölzl sprach sich gegen eine bloße Nutzung als Museum aus, die ihm ebenso unpraktikabel erscheine wie eine rein kommerzielle Gestaltung. Zu den entstehenden Kosten gab Schröder an, daß im Augenblick ein Betrag von acht Millionen Euro bereits „abrufbar“ sei. Allein für die Schloßfassaden sei jedoch eine Gesamtsumme von geschätzten 90 Millionen Euro erforderlich, die langfristig durch Spenden – vergleichbar der Dresdner Frauenkirche – eingenommen werden soll. Foto: Neon-Buchstaben auf dem Dach des Palastes der Republik in Berlin-Mitte: Die Installation des Künstlers Lars Bamberg soll bis zum 10. Mai den Dialog um die Zukunft des Hauses anregen, mit dessen Abriß nun endlich noch in diesem Jahr begonnen werden soll.

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