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Fernab vom Banlieue

Es hat lange genug gedauert, bis dieser Film endlich in die deutschen Kinos kam. Italienische und französische Zuschauer jedenfalls waren begeistert von Patrice Lecontes zwanzigstem Spielfilm, der bereits 2002 den Publikumspreis des Filmfestivals Venedig und 2003 den Prix Lumière gewann und im letzten Jahr auch in den USA recht erfolgreich anlief. Der einsame Mann, der sich als Zaungast wiederfindet in einer Welt, die seine Leidenschaften zügelt und seine Träume scheitern läßt, ist eine vertraute Figur aus Leconte-Filmen wie „Die Verlobung des Monsieur Hire“ (1989) oder „Die Frau auf der Brücke“ (1998). In der einfachen Geschichte, die „Das zweite Leben des Monsieur Manesquier“ in stimmungsvoll-getragenen Bildern erzählt, treffen zwei von ihnen in einer Kleinstadt weitab von den unmenschlichen Betonwüsten aufeinander, die momentan unser Frankreichbild beherrschen. Einer ist pensionierter Lehrer, dem anderen fehlt nur das Pferd zum alternden Desperado aus tausendundeinem Western. Beiden bleiben drei Tage bis zu ihrem Rendezvous mit dem Schicksal: Dem einen steht eine Herzoperation bevor, der andere plant einen Überfall auf die Bank des Städtchens. Sehenswert macht diesen Film vor allem die kongeniale Besetzung der beiden Hauptrollen. Die Leinwandpräsenz Jean Rocheforts, dieses großen alten Mannes des französischen Kinos und Theaters, verleiht Manesquier Eleganz und Charme. Seinen Widerpart Milan spielt der französische Rockstar Johnny Halliday mit Gesichtszügen wie in Stein gemeißelt und dem Ruch des harten Mannes, halb Clint Eastwood, halb James Stewart. In schwarzer Lederjacke mit Fransen, drei Selbstladepistolen im Gepäck steigt der Fremde aus dem Zug, als das Provinznest gerade seine Bürgersteige hochklappt. Einzig die Apotheke hat noch offen, und wie der Zufall oder auch das Drehbuch von Claude Klotz es will, trifft er dort auf Manesquier, der ihn auf ein Glas Wasser für sein Aspirin einlädt. Sein Zuhause erweist sich als heruntergekommenes Herrenhaus, und aus dem Glas Wasser wird eine dreitägige Gastfreundschaft. Daß Milan nicht der guten Landluft oder der beschaulichen Lebensqualität wegen in die Kleinstadt gekommen ist, bleibt dem älteren Mann nicht verborgen, beflügelt aber nur seine Phantasie. In des Banditen Lederjacke posiert er als Revolverheld vor dem Spiegel und knurrt: „My name is Earp, Wyatt Earp.“ Später überredet er Milan sogar, ihn mit einer seiner Pistolen auf Blechdosen schießen zu lassen. Im Gegenzug erhält der Bankräuber ein Paar Pantoffeln und Unterweisung in der Kunst, sie stilgerecht zu tragen. Beide Männer stehen im Herbst ihres Lebens, und unter dem dusteren Novemberhimmel gerät die Stimmung immer wehmütiger. Manesquier hat sein ganzes Leben im selben Ort verbracht und seine Mutter bis zu ihrem Tod gepflegt, statt mit seiner langjährigen Geliebten Viviane (Isabelle Petit-Jacques) eine eigene Familie zu gründen. Wie er Milan auf einem nächtlichen Spaziergang im Garten anvertraut: „Ich habe aufgehört zu leben, bevor ich alt wurde.“ Dabei wünscht sich jener nichts sehnlicher, als sein vogelfreies Dasein gegen einen friedlichen Ruhestand einzutauschen. Und obwohl beide Männer aus ihrer kurzen Bekanntschaft etwas gewinnen, lassen sich die Weichen des jeweiligen Lebenswegs nicht mehr verstellen. Ohne Klotz‘ sicheres Gespür für die richtige Mischung aus Sprachwitz und Situationskomik, ohne sein Vertrauen auf die erzählerische Magie der Kamera wäre aus dieser schlichten Handlung allzu leicht ein allerdings hervorragend inszeniertes Kammerspiel für die große Leinwand geworden. In einer verlassenen Lagerhalle trifft sich Milan mit seinen Bankräuberkollegen – einer von ihnen ein clownesker Unhold, der jeden Tag um Punkt zehn einen Satz sagt und sich den Rest der Zeit schweigend auf diesen großen Moment vorbereitet. Seine einzige Textzeile lautet reichlich kryptisch: „Rache ist die Gerechtigkeit des Unglücks.“ Nicht nur solcher Skurrilitäten wegen geht dieser ganz unspektakuläre Film über eine Männerfreundschaft, die ohne Verfolgungsjagden, Action- und Sexszenen auskommt, gewaltig unter die Haut. Foto: Manesquier (Jean Rochefort), Milan (Johnny Halliday)

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