„Er steht auf unserer Seite“

Denn er ist unser: Friedrich Schiller“. Das Zitat stammt von Johannes Robert Becher und grenzt an Vermessenheit! Ausgesprochen hat es der damalige Minister für Kultur am 9. Mai 1955, dem 150. Todestag des Dichters, in seiner Festrede im Weimarer Nationaltheater. Der Ausspruch war Goethes „Epilog auf Schillers Glocke“ entlehnt. Während aber Goethe 1805 den Tod seines Dichterfreundes betrauerte: „Denn er war unser! Mag das stolze Wort den lauten Schmerz gewaltig übertönen!“, nahm der dichtende Minister fast sechs Jahre nach der DDR-Gründung am 7. Oktober 1949 den Klassiker in staatliche Dienste: „So bietet uns die Deutsche Demokratische Republik auch die beste Möglichkeit, unter Verzicht auf jedwede gewaltsame Konstruktion, ein Bild Friedrich Schillers zu entwerfen, wie es der historischen Wirklichkeit gemäß ist.“ Diese entschieden politische Rede des Ministers ist der erste DDR-Versuch, sich der Weimarer Klassik zu bemächtigen, um sie dem sozialistischen Staat verfügbar zu machen. Zwei Jahre zuvor waren in Thüringen die Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar gegründet worden, wo das „nationale Kulturerbe“ zwischen 1750 und 1848 marxistisch aufbereitet werden sollte. Becher, der als Minister die Forschungsplanung seinen Staates kannte und mitbestimmte, wußte, wovon er sprach, wenn er in Weimar verkündete: „Die Französische Revolution, das war das Gesetz, nach dem die deutsche Klassik angetreten war, das sie zu erfüllen hatte in der Vermittlung des Geistes der Aufklärung …, um dadurch eine bürgerliche Revolution vorzubereiten, welche in der Einigung aller Deutschen … ihre historische Sendung zu verwirklichen hatte.“ Es war erstaunlich, was der Weimarer Klassik an historischer Leistung, die sie zu erbringen hatte, abverlangt wurde, zumal dem Werk Friedrich Schillers, damit genügend ideologische Munition daraus für den „Klassenkampf“ verfertigt werden konnte. Den SED-Funktionären kam dabei zugute, daß ihnen durch eine Laune der Geschichte das Land Thüringen mit Jena und Weimar als den Entstehungsorten deutscher Klassik zugefallen war. Geführt werden mußte dieser „Klassenkampf“ seit 1949 gegen den „westdeutschen Separatstaat“ Adenauers, der sich der „historischen Sendung“, die Becher von der deutschen Klassik einforderte, wirkungsvoll widersetzte, den anzugreifen der Minister 1955 aber seinem Ministerpräsidenten überließ. Schiller als Vorkämpfer der klassenlosen Gesellschaft Otto Grotewohl hatte bereits am 3. April 1955 in Weimar über Friedrich Schiller gesprochen und den Klassiker zum „Dichter der Nation“ und damit zum Vorkämpfer der deutschen Einheit gegen die westdeutsche „Spalterpolitik“ erklärt. Als er an die im Schauspiel „Kabale und Liebe“ (1784) beschriebene Praxis deutscher Fürsten erinnerte, Soldaten in die Vereinigten Staaten zu verkaufen, ließ er sich zu wüsten Beschimpfungen verleiten: „Machen Adenauer und seine Helfer … mit Westdeutschlands Jugend nicht das gleiche wie die Landesfürsten zu Schillers Zeiten? Wollen sie nicht Millionen junge Deutsche … verschachern, um sie in aller Welt unter amerikanischem Oberbefehl als Kanonenfutter zu mißbrauchen?“ Als Gegenbild zum „verfaulenden Kapitalismus“ in Westdeutschland beschwor er ein wirklichkeitsfremdes Bild seines Staates, wo nicht die „Kapitalisten“ herrschten, sondern die „Werktätigen“: „Bei uns in der Deutschen Demokratischen Republik gehören ihnen die volkseigenen Betriebe, der Grund und Boden, die Universitäten, die Theater, die Klubhäuser … Hier, bei uns also, herrscht in Wirklichkeit der Geist des großen Humanisten Schiller. Jawohl, so steht es heute um Schillers Erbe und die deutsche Nation. Er steht auf unserer Seite.“ Der dritte Wortführer im Bund der sozialistischen Literaturideologen war Alexander Abusch, Bechers späterer Nachfolger im Amt des Kulturministers, dem freilich angerechnet werden mußte, daß er die Werke dessen, den er feierte und für seinen Staat reklamierte, gelesen hatte. So war er nicht nur Herausgeber und Vorwortverfasser einer achtbändigen Werkausgabe 1955 im Berliner Aufbau-Verlag, sondern auch Autor des Buches „Schiller. Größe und Tragik eines deutschen Genius“ (1955). Er sprach am 8. Mai, am „Tag der Befreiung“, über Friedrich Schiller, „Dichter der Freiheit – Dichter der Nation“. Auch für ihn wurde der Klassiker zum Vorkämpfer einer „neuen harmonischen Gesellschaft ohne Klassenspaltung“, zum Wegweiser in den politischen Tageskämpfen: „In dem gespaltenen Deutschland der Gegenwart erlebt unser Volk Friedrich Schiller als den volkstümlichen Dichter deutscher Freiheit, den Dichter der Nation.“ Die ideologisch fixierte DDR-Schiller-Forschung wurde in den Gedenkjahren 1955 und 1959 begründet. Aber das Schiller-Jahr 1955 war nicht nur das Jahr der Ideologen und SED-Politiker, die das Werk des Klassikers zur Selbstfeier und zum Kampf gegen Westdeutschland einzusetzen suchten, es gab auch eine Reihe von Veröffentlichungen, die Beachtung verdienten, wo sie neue Akzente setzten. Es gab zum Beispiel die Schiller-Ehrung im Volkshaus Jena vom 12. Mai 1955, in der Stadt also, in welcher der Dichter 1789/99 gelebt und an deren Universität er als Geschichtsprofessor gewirkt hatte. Als Rektor der Universität hielt damals der Medizinprofessor Josef Hämel die Festrede, die, so nachzulesen in der Wissenschaftlichen Zeitschrift der Universität Jena, den schlichten Titel trug „Friedrich Schiller“ und die eine genaue Untersuchung war sowohl der an der Hohen Karlsschule in Stuttgart verfertigten medizinischen Schriften des Dichters als auch seiner Krankheiten. Geehrt, gefeiert und interpretiert wurde Friedrich Schiller 1955 auch anderswo in der Republik. In Halle sprach der Jenenser Germanist Joachim Müller über „Bürgerfreiheit, Nationalbewußtsein und Menschenwürde im Werk Friedrich Schillers“ und in Leipzig Hans Mayer am 10. Mai 1955 über „Das Ideal und das Leben“. Diese beiden Reden und der von Ernst Bloch in der Literaturzeitschrift Sinn und Form veröffentlichte Essay „Schiller und Weimar als seine Abweichung und seine Höhe“ waren für den aufmerksamen Beobachter der eigentliche Höhepunkt der Auseinandersetzungen mit dem Klassiker 150 Jahre nach seinem Tod. Auch in Ost-Berlin wurde 1955 viel über Friedrich Schiller geredet und geschrieben. In der Einheit. Zeitschrift für Theorie und Praxis des wissenschaftlichen Sozialismus machte der junge Germanist Hans Kaufmann auf sich aufmerksam. Unter dem richtigen Goethe-Zitat „Denn er war unser!“ interpretierte er sämtliche Dramen („erfüllt von weltgeschichtlichem Optimismus“) und kam zu dem Ergebnis: „Die Bedingungen unseres Kampfes sind von den damaligen sehr verschieden. Den kämpferischen Optimismus aber, die humanistische Überzeugung, daß die Menschheit in der Lage ist, das Elend der Ausbeutergesellschaft zu überwinden und sich eine bessere Zukunft zu schaffen, sowie das politische Streben nach Einheit und Freiheit des Vaterlandes teilen wir mit Schiller … In unserem gegenwärtigen Kampf begleiten, ermutigen und stärken uns die Gestalten und Gedanken Friedrich Schillers.“ Blickt man zurück auf das Gedenkjahr 1955 mit den Politikerreden in Weimar und Ost-Berlin, mit den verkrampft wirkenden Versuchen, Friedrich Schiller trotz seiner Einwände gegen die Französische Revolution 1789 zum Vorkämpfer des DDR-Sozialismus zu erklären, so muß man feststellen, daß die Atmosphäre damals weltoffener war als vier Jahre später zum 200. Geburtstag. Der noch im Jahr 1955 erschienene Sammelband des Volksverlags Weimar „Schiller in unserer Zeit“ enthielt nicht nur Thomas Manns Rede, sondern auch die Beiträge Ernst Blochs, Hans Mayers und Joachim Müllers sowie Aufsätze westdeutscher Schiller-Forscher wie Reinhard Buchwald, Bernhard Zeller und des französischen Germanisten Pierre Grappin. Nicht die Arbeiter waren es, die sich um Schiller bemühten Im Jahr 1959 sah das alles anders aus: Unter den Referenten der von Helmut Holtzhauer, dem Direktor der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten in Weimar, geleiteten „Wissenschaftlichen Konferenz über das Schaffen Friedrich Schillers“ gab es nur einen aus Westeuropa, einen englischen Kommunisten. Die Liste nämlich der mehr als 40 Referenten und Berichterstatter in Weimar sollte dem Betrachter den Eindruck vermitteln: In den vier Jahren seit 1955 sei ein marxistisches Schiller-Bild erarbeitet worden, das zu vertiefen weder westdeutsche Germanisten noch einheimische „Revisionisten“ nötig und nützlich seien! In Weimar waren die Reihen fest geschlossen, damit man sich nur aus DDR-Sicht und ohne ideologische Störversuche mit dem Werk Friedrich Schillers auseinandersetzen konnte. Man hatte sich damals schon, zwei Jahre vor dem 13. August 1961, ideologisch eingemauert. Und schließlich hatte die DDR-Germanistik zwischenzeitlich entdeckt, daß es bereits im 19. Jahrhundert nicht nur eine linksbürgerliche Schiller-Verehrung, sondern auch, mit dem Erstarken der Arbeiterklasse, Ansätze einer marxistischen Schiller-Forschung gegeben hatte. Die Namen, die genannt wurden, waren der des Leipziger Buchhändlers Robert Blum (1807-1848), der ein Schiller-Komitee gegründet und in der einstigen Wohnung des Dichters in Gohlis eine Gedenkstätte eingerichtet hatte, und der des Parteitheoretikers Franz Mehring (1846-1919), der 1905 das Buch „Schiller – ein Lebensbild für deutsche Arbeiter“ veröffentlicht hatte. Im Sammelband „Der Menschheit Würde“ (1959) sind alle diese „Dokumente zum Schiller-Bild der deutschen Arbeiterklasse“ vereint, ausgewählt und eingeleitet von Günther Dahlke. Es gab dann 1988, als Fortschreibung sozusagen, einen weiteren Band „Schiller-Debatte 1905“ mit 27 Aufsätzen, an deren Titeln mitunter zu erkennen ist, daß die marxistische Ideologisierung des Werkes von Friedrich Schiller, die dann im SED-Staat ihren Höhepunkt fand, bereits vier Jahrzehnte vor dem Kriegsende 1945 einsetzte. Nicht die Arbeiter waren es, die sich um Friedrich Schiller bemühten, sondern die Theoretiker und Funktionäre der Arbeiterbewegung, die den „Klassenkampf“ im Kaiserreich unter Berufung auf den Klassiker historisch legitimieren wollten. Im zweiten Schillerjahr 1959 veröffentlichte Johanna Rudolph in der Zeitschrift Einheit einen Aufsatz „Um die Aneignung unseres nationalen Kulturerbes. Wo stehen wir im Schillerjahr 1959?“ Ausführlich kam sie auf das thüringische Dorf Bauerbach zu sprechen, wo Friedrich Schiller 1782 Zuflucht gefunden hatte, und erwähnte, daß es dort schon seit 1931/34 eine Gedenkstätte gegeben habe, die 1955 umgestaltet und wiedereröffnet worden sei. Vier Jahre später wurden in Berlin nicht nur die „Arbeiterfestspiele“ gegründet, sondern auch das „Arbeiter- und Bauerntheater Friedrich Schiller“ in Bauerbach, das bis 1989 insgesamt 13 Stücke des Dichters aufführen sollte. Rudolph zeigte sich 1959 begeistert über die Aufführung des Stücks „Wilhelm Tell“ in Bauerbach: „Die Aufführung wirkte auch deshalb so stark, weil die Darsteller um die Aktualität des Stoffes wissen, darum, daß im Westen ihrer Heimat die deutschen Militaristen, unterstützt von den amerikanischen Besatzern, alle Freiheitsbestrebungen der werktätigen Menschen noch immer unterdrücken.“ Zweifellos aber wurde 1959 auch ernste Forschung am Werk Friedrich Schillers betrieben. Die Weimarer Konferenz, die einen Tag vor dem 200. Geburtstag des Dichters (10. November) endete, war von Helmut Holtzhauer eröffnet worden. Der einstige Minister für Volksbildung in Sachsen 1951/53 legte den ideologischen Rahmen fest, innerhalb dessen diskutiert werden sollte: „Was die Konferenz anstrebt, ist, einen Beitrag zu einem wissenschaftlich begründeten Schillerbild zu leisten … Was in Westdeutschland an Schiller gefährlich zu sein scheint, sind die Ideen der Aufklärung, des nationalen Befreiungskampfes und des Dichters konsequent antifeudale Haltung, die, wie alle fortschrittlichen Gedanken des 18. Jahrhunderts, vom heutigen Bonner Staat als unbequem und gegen seine politischen Absichten gerichtet empfunden werden.“ „Er verstand nicht die Berechtigung der Diktatur“ Am 10. November auf dem Festakt zur Schiller-Ehrung in Weimar hielt Alexander Abusch die offizielle DDR-Rede mit dem Titel „Wir bewahren Schillers humanistisches Erbe für die ganze Nation“, wobei es immer wieder zu Ausfällen gegen die westdeutsche Nachkriegspolitik und zu Ausblicken auf die DDR-Gegenwart kam: „In unserem Arbeiter- und Bauernstaat vollzieht sich die Einswerdung aller humanistischen Überlieferungen der deutschen klassischen Dichtung und Philosophie mit den neuen Ideen des sozialistischen Humanismus in der Wirklichkeit des Lebens, unsere Republik spricht in dieser Schiller-Feier für die ganze Nation, weil sie auch der starke Rückhalt und der zuverlässige Freund aller Deutschen ist, die sich im Westen der deutschen Lande für eine humanistische Kultur unserer Nation einsetzen … Wir sind für die ganze deutsche Nation die Kämpfer für die edlen Freiheitsgedanken dieses großen humanen Patrioten.“ Wer in den frühen DDR-Jahren wissenschaftlich über Friedrich Schiller arbeiten wollte, der war um 1955 auf lediglich drei Werkausgaben angewiesen: auf die wenigen Bände der 1943 von Julius Petersen begonnenen, aber längst noch nicht abgeschlossenen „Nationalausgabe“, auf Alexander Abuschs achtbändige Ausgabe „Gesammelte Werke“ (1955) und auf Joachim Müllers fünfbändige Werkausgabe (1955) im Volksverlag Weimar. Die Einleitung Müllers, die einen strengen Überblick über Leben und Werk vermittelte, überzeugte durch ihren sachlichen Stil und verzichtete auf ideologische Verzerrungen. Voller Absicht politisch ausgerichtet war dagegen die Einleitung, die Alexander Abusch seiner Ausgabe voranstellte, und zwar sowohl, was das 18. Jahrhundert, als auch, was die DDR-Gegenwart betraf. Das Verhältnis zur Französischen Revolution wurde ausführlich behandelt, wobei sich Friedrich Schiller auch Kritik durch den SED-Kulturfunktionär, der zwei Jahrhunderte später selbstverständlich den „gesetzmäßigen Verlauf“ der Geschichte kannte, gefallen lassen mußte: „Er (Schiller) verstand nicht die Berechtigung der Diktatur der Jakobiner, die ihre revolutionären Ziele mit revolutionären Mitteln zu erreichen strebten.“ Im Jahr 1980 begann im Aufbau-Verlag die „Berliner Ausgabe“ der „Sämtlichen Werke“ in zehn Bänden zu erscheinen, herausgegeben von Hans-Günther Thalheim und einem „Kollektiv von Mitarbeitern“. Erschienen sind bis 1987 lediglich vier Bände, ein fünfter 1990: ein Band mit den Gedichten, bearbeitet von Jochen Golz, und drei Bände mit den Dramen. Danach ging diese Ausgabe in den Wirren der Jahre nach 1989/90 unter. Diese zehnbändige Ausgabe erschien dieses Jahr im April noch einmal, mit neuen Mitarbeitern für die noch ausstehenden Bände. Foto: Schiller-Denkmal von Reinhold Begas auf dem Gendarmenmarkt in Berlin: „Ideologisch fixiert“ Dr. Jörg Bernhard Bilke , Jahrgang 1937, war von 1983 bis 2000 Chefredakteur der „Kulturpolitischen Korrespondenz“ der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat.

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