Ein Glücksfall für Deutschland

Am 14. Oktober 1904 wurde das Kaiser-Friedrich-Museum am Berliner Kupfergraben festlich eröffnet. Da blickte sein allmächtiger Chef Wilhelm Bode, der „Napoleon der Kunstgeschichte“, von der Galerie aus wie von einem Feldherrenhügel auf das Geschehen, sah den Kaiser mit glänzendem Gefolge das riesige Vestibül betreten. Wilhelm II. eilte nach oben, seinem Direktor zu gratulieren. Dann begab man sich in die Basilika, Herzstück des Museums, gemeinsam den Gottesdienst zu feiern. Hier nun fand gut hundert Jahre danach, am 28. November, im Beisein zahlreicher Ehrengäste die zweite Schlüsselübergabe des Bodemuseums statt, so sein Name seit 1956. Gleich der ursprünglichen Bauzeit dauerte jetzt die Totalsanierung fast sechs Jahre. Mit ihrem erfolgreichen Abschluß nimmt die leidvolle Nachkriegsgeschichte des Museums ein glückliches Ende, das Zerstörungstrauma ist gebannt: Segen und Geschenk zum 175. Geburtstag der Staatlichen Museen. Gleich zu Beginn pointierte Klaus-Dieter Lehmann, Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, enthusiastisch: „Das Wunder ist die grandiose Architektur mit der eindrucksvollen Formensprache der Renaissance und des Barock, mit herrlichen Raumfolgen, originalen Einbauten, wechselnden Farb- und Materialeindrücken (…) reich ausgekleideten Wänden, Böden, Treppen und Portalen – ein Auftritt so prachtvoll und elegant wie 1904.“ Die lange Kette staatstragender Grußadressen gipfelte rhetorisch in der pathosgeladenen Rede des Hausherrn, Generaldirektor Schusters – einer funkelnden Eloge auf „das kunstsinnige wilhelminische Kaiserreich“. Schroff wies er alle polemisch unterstellte „Geschmacksunsicherheit“ ab, pries hingegen den Bau als „Kunstschloß“, „ästhetische Kirche“, als „Museumswunder“ gar und rühmte seinen genialen Vorgänger in einer wahren Apotheose als „Bismarck der Berliner Museen“. Der rechte Mann zur rechten Zeit Wilhelm Bode (1845-1929), ein Glücksfall für Deutschland und die Hauptstadt, war der rechte Mann zur rechten Zeit. Er führte die Berliner Museen im neuen Reich zu ihrer Weltgeltung. Seit 1872 vor Ort, wurde Bode 1883 Direktor der Skulpturensammlung, 1890 Chef der Gemäldegalerie und 1905 Generaldirektor der Berliner Museen. 1914 in den Adelsstand erhoben, schied er erst 1920 mit 75 Jahren aus. Den Rückstand Berlins gegenüber prominenten Standorten wie Dresden, Madrid, Paris, Petersburg kompensierte der promovierte Kunsthistoriker durch regelrechte „Erwerbungsfeldzüge“ im Ausland, vor allem im Süden. Seine Leidenschaft galt der italienischen Renaissance, die ihm – in der Nachfolge Jacob Burckhardts – zum großen ästhetischen Paradigma wurde. Dieser Kult der schönen Form bezeichnet neben seinem analytischen Sachverstand und dem eminenten Organisationstalent die dritte Komponente seines gründerzeitlichen „Heldencharakters“. Als sagenhafter Kenner in ganz Europa geschätzt, als Konkurrent gefürchtet, mit nie „aussetzender stählerner Elastizität wie ein Feldherr“ (Clemen) seine Projekte vorantreibend, erfüllte sich Bode in den 1890ern den Traum vom Renaissance-Museum. Das sollte nicht bloß Schrein der gewaltig angewachsenen Kollektion werden, sondern mit „integrierten Präsentationen“ das sterile „Gattungsmuseum“ überwinden. Dessen trockene Systematik qua Isolierung der Einzelobjekte lösten nun sorgfältig komponierte, ganzheitliche Stilräume aus Bildern, Plastik, Möbeln und Gobelins ab. Dieser kulturgeschichtlichen Anmutung kam die Architektur entgegen, indem sie Spolien: originale Brunnen, Kamine, Türfassungen, Decken, Fresken baulich einschmolz, ja die große Passage als Komplexfolge symbolischer Raumgestalten festlich inszenierte. Hofarchitekt Ernst von Ihne (1848-1917), seinerzeit des Kaisers Favorit, später viel geschmäht, heute rehabilitiert (in Berlin noch präsent durch Marstall und Staatsbibliothek), schuf so am „Bug“ der Museumsinsel einen neubarocken, wasserumspülten Palast (1898-1904). Der um fünf Höfe gruppierte Bau hat in der durchlaufenden „Goldenen Achse“ sein Zentrum: zwei Kuppelsäle mit ausschwingenden Prunkstiegen, Galerie und Basilika. In west-östlicher Richtung erschließt diese Passage das Bauwerk. Festlicher Auftakt: die riesige Eingangshalle im barocken Reichsstil, unter der gewaltigen Kuppel (30×40 Meter) Schlüters Reiterstandbild des Großen Kurfürsten; östlich abschließend: das elegante Treppenhaus im friderizianischen Rokoko, umfangen von einer Nischenrotunde mit den Figuren des Musenkönigs und seiner Generäle. Leier und Schwert, weiße Blüten und Stahl: Die Rolle der Hohenzollern schillert auch hier, im marmornen Bildprogramm. Dazwischen freilich triumphiert als baulicher Höhepunkt: die Renaissance-Basilika – der Sakralraum des Museums nach florentinischem Vorbild. Burckhardt und Bode hatten vom Urbild respektvoll vermerkt, daß in seiner „absoluten Schmucklosigkeit die reinen Verhältnisse ernst und bedeutend hervortreten“. So auch hier. Der Kirchenraum zeigt sich noch heute als klassischer Wurf, als „Clou“ des Gebäudes und Huldigung der Medici. Bodes Basilika wurde so zum architektonischen Ausdruck der humanistisch-romantischen Kunstreligion des bürgerlichen Zeitalters. Nun durchzieht die Achse die Räume der zwei Hauptetagen und führt abwärts ins Sockelgeschoß. Hier liegt das schon 2004 wiedereröffnete Münzkabinett. Das Parterre faßte Islam-Museum und Byzanz, darüber lagen die Oberlichtsäle von Gemäldegalerie und Skulpturensammlung, insgesamt siebzig Räume auf 25.000 Quadratmetern. Im Krieg halb zerstört, dann zum Abbruch bestimmt, retteten engagierte Bürger 1949 ihr Museum. Notdürftig repariert, hielt es die DDR seit 1954 bis 1987 instand, bis nach der Wende umfassende Baubefunde den desolaten Zustand offenbarten und eine Generalsanierung erzwangen. Die führten seit 1998 die Architekten Heinz Tesar (Wien) und Christoph Fischer (Berlin) durch, im vorgegebenen Zeitrahmen und mit einem Volumen von 152 Millionen Euro. Dabei ist der historische Bau behutsam restauriert und gleichzeitig – kaum sichtbar – zur Technikmaschine aufgerüstet worden. Wie Denkmalpflege zu leisten und der in seiner Innenkonstruktion verrottete Bau statisch zu erneuern war, erscheint als Architekturkrimi (architektur + bauphysik 06). Neu entstanden ist nicht bloß ein Erschließungsbau in Hof 4, sondern der Ausbau des Sockelgeschosses und die Tieferlegung des östlichen Treppenhauses als Anschluß für die geplante archäologische Promenade, die vier Museen künftig unterirdisch verbinden wird. Rückbesinnung auf Kanon, Geist und Form Neben dem Münzkabinett und einer neuen Kindergalerie werden jetzt vor allem Byzantinistik und Renaissanceplastik ihren Glanz entfalten. Zeit dafür ist es, verstauben doch die Kostbarkeiten: erlesene Goldschmiedekunst, Elfenbein und Ikonen, allesamt von Weltrang, seit sage und schreibe 13 Jahren im Depot! Generell will man die Epochenräume mit ihrer malerischen Ensemblewirkung rekonstruieren. Die Erwartung ist groß. Für den Sommer 2006, Termin zur Publikumsöffnung, wird ein Besucheransturm erwartet. Mit dem Bodemuseum ist nach der Sanierung der Nationalgalerie (2001) der zweite Abschnitt des auf 2015 angelegten Masterplans für die Museumsinsel (total ca. eine Milliarde Euro) erfolgreich beendet. Zunächst soll bis 2008 der Wiederaufbau des Neuen Museums abgeschlossen werden. Bereits 1999 wurde das gesamte Bauensemble der Museumsinsel in die Weltkulturerbeliste der Unesco aufgenommen. Als der Kaiser abdankte und auch Bode 1920 seinen Chefsessel räumte, begann die Verteufelung einer überaus reichen Kunstperiode, ihre modernistische Verachtung als „Unwert“. Die Häutungen des Jahrhunderts haben indes auch diesen Fortschrittsmythos mitsamt seinem ästhetischen Dünkel entzaubert. Zu Recht bemerkt der Berliner Tagesspiegel: „Die starre Frontstellung zwischen beharrendem Wilhelminismus und vorwärts drängender Moderne, wie sie jahrzehntelang und nicht zuletzt zur Legitimation aller Avantgarden nachgebetet wurde, ist hinfällig. Davon kündet das renovierte Bodemuseum.“ Der rasante Verschleiß unzähliger Modernismen provoziert den Gegenimpuls zur Hochkultur: Rückbesinnung auf Kanon, Geist und große Form, ein Plädoyer für die Heiligkeit der Kunst. Der prächtige Rahmen steht nun, sie können wieder einziehen – die Werke, ewige Gestalten und Zeichen der Götter. Info: Bodemuseum Berlin, Bodestraße 1-3, Museumsinsel, 10178 Berlin Fotos: Blick von der Spree auf das Bodemuseum: Segen und Geschenk, Treppenhaus im Bodemuseum: Leier und Schwert, Blüten und Stahl

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