Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Die Angst vor einer Schimäre

Bei der Arbeit an seinem neuen Roman „Welt der Angst“ konnte Michael Crichton noch nicht ahnen, welche Aktualität man seinem Thema schon bald beimessen würde. Seinen Wissenschaftsthriller hat der sechzigjährige Bestsellerautor diesmal mit ungewohntem Sendungsbewußtsein konstruiert: Er stellt eine Absage an die gängige Haltung von Umweltorganisationen und -wissenschaftlern zur Problematik des Klimawandels dar. Denn, daß es zu einem Klimawandel kommt, darüber herrscht heute weitreichender Konsens – so könnte man meinen. Crichton zieht allerdings in Zweifel, daß die Erderwärmung auf menschliche Einflüsse zurückgeht. Wer aber könnte Interesse daran haben, den Klimawandel als menschengemachtes Horrorszenario darzustellen, und mit welchen Mitteln? Das zu erörtern ist Crichtons Anliegen auf 608 Seiten, hinzu kommen Fußnoten, eine Bibliographie, ein Nachwort und zwei Anhänge. Nach dreijähriger Recherche ist das Buch in den USA mit einer Startauflage von zwei Millionen Exemplaren erschienen. Wie auch in den meisten seiner bisherigen Bücher extrapoliert Crichton in „Welt in Angst“ wissenschaftliche Fakten, um auf potentiell bedrohliche Entwicklungen hinzuweisen und unbekannte, überraschende Winkel der modernen Forschung auszuleuchten. Patrick Illinger geht in seiner Rezension des Romans sogar so weit, zu behaupten, in „Welt der Angst“ werde der aktuelle Stand der Wissenschaft negiert, verkehrt und zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Der Roman sei „eine reine Provokation“, bei der sowohl die Fakten als auch die Handlung unter dem missionarischen Eifer des Autors leiden. Die Geschichte ist schnell erzählt: In Paris arbeitet ein junger Physikdoktorand an Tsunami-Simulationen. Erst wird der Wissenschaftler dort von einer jungen Frau – die wie alle weiblichen Nebenfiguren „schön“ oder „hinreißend“ ist – verführt und schließlich ermordet. Dann wechselt der Schauplatz nach London in die „hippe Grafikagentur“ Design/Quest und landet schließlich in Island. Hinter den Aktionen steckt ein gewisser Nicholas Drake, Chef der Umweltschutzorganisation NERF. Da in diesen Zeiten das Interesse der Öffentlichkeit an Umweltproblemen nachzulassen scheint und sie mit einem Rückgang von Spenden zu kämpfen hat, beauftragt Drake Ökoterroristen, ein künstliches Seebeben auszulösen, um so die verheerenden Folgen von Klimakatastrophen vor Augen zu führen. Nicht zum ersten Mal informiert Crichton seine Leser auf unterhaltsame und intelligente Weise über ein aktuelles Thema: Mit den gentechnischen Monstervisionen in „Jurassic Park“, den Gefahren der modernen Luftfahrt in „Airframe“ und seinem Beitrag zur Debatte über die Gefahren der Nanotechnik in „Beute“ hat Crichton die wissenschaftlichen Fakten nicht ohne Sachverstand zugespitzt, gelegentlich aber auch übertrieben, wie zum Beispiel bei der Darstellung von Zeitreisen in dem Roman „Timeline“. In „Welt in Angst“ jedoch kehrt er das Prinzip um: Anstatt die Fakten zu überspitzen, konstruiert er ein obskures Verschwörungskomplott, wobei der Klimawandel auf ein psychologisches Konstrukt reduziert wird, um die Existenz von geldgierigen, mafiösen Umweltschutzorganisationen zu rechtfertigen. In Schwarzweiß-Manier verteilt Crichton diese in ein gutes und ein böses Lager: Da sind einmal die Menschenfresser und Ökoterroristen und zum anderen die aufgeklärten Klimawissenschaftler. Dabei sind die Charaktere sehr klischeehaft gezeichnet: George Morton, engagierter Millionenerbe und Umweltschützer; Peter Evans, schlauer, aber naiver Anwalt; John Kenner, allwissender Superheld; Nicholas Drake, besessener und skrupelloser Chef einer Umweltstiftung. Crichton durchsetzt seine wissenschaftlichen Darstellungen mit Action-Szenen, die bisweilen etwas befremdlich wirken und dem Roman etwas Reißerisches verleihen. So müssen der junge Anwalt und seine Begleiterin, nachdem sie sich aus einer Gletscherspalte im antarktischen Eis befreit haben, vor künstlich erzeugten Blitzen flüchten, mit denen Öko-Aktivisten sie in einem amerikanischen Nationalpark attackieren. Dabei sind die Inhalte der faktengesättigten Dialoge durchaus gut recherchiert: Crichton berücksichtigt Fachveröffentlichungen und fügt sogar Diagramme ein. Indem er Sachverhalte uminterpretiert und Erkenntnisse vereinfacht, deren Komplexität selbst gestandenen Klimaforschern zu schaffen macht, verzerrt er dabei jedoch nicht selten die tatsächliche Informationslage. So zeigen sich beispielsweise die Umweltaktivisten unglücklich über ein vermeintlich ausbleibendes Ansteigen des Meeresspiegels. Auch ist die Kritik einer seiner Protagonisten am Klimagremium der Vereinten Nationen, dem Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), zu harsch, indem er es als ein von Bürokraten und politischen Interessen beherrschtes bzw. kontrolliertes Organ bezeichnet. Überhaupt durchdringen sich Politik und Wissenschaft bei Crichton stark. Er hat eine Abneigung gegen symbolische Politik und nutzt die Erkenntnisse der Wissenschaft lediglich zu seiner Form der Weltdeutung. Doch warnt er vor einer von idealisierenden Prämissen ausgehenden Wissenschaft, da sie – auch wenn sie von (US-)Eliteuniversitäten stammt – keine exakte Beschreibung der Verhältnisse biete. Wiederholt stellt er in Zweifel, ob Forschung tatsächlich unabhängig sein kann, und unterstellt Forschern, sie lieferten – mitunter unbewußt – ihren Geldgebern die gewünschten Ergebnisse. Dies stellt nicht zuletzt einen gewagten Angriff auf die öffentlich finanzierte Klimaforschung dar, für die gerade Deutschland aufgrund ihrer Unabhängigkeit international anerkannt ist. Dabei mangelt es Crichtons Argumentation durchaus nicht an Plausibilität, wenn er im Anhang sein Credo kundtut: „Wir brauchen eine neue Umweltschutzbewegung mit neuen Zielen und neuen Organisationen. Wir brauchen mehr Menschen, die vor Ort arbeiten, draußen in der Natur, und weniger Menschen hinter Computerbildschirmen. Wir brauchen mehr Wissenschaftler und weniger Anwälte“. Den Roman kennzeichnet, daß die Spannung einerseits etwas zu sehr unter dem Belehrungs- und Enthüllungsdrang des Autors leidet und die Fakten andererseits zu verzerrt dargestellt und selektiv verwendet werden. Beim Leser kann so der Eindruck entstehen, als verkomme die Handlung zu einem Pausenfüller zwischen ebenso halbwissenschaftlichen wie bisweilen rechthaberischen Dialogen. Nicht unzutreffend hat Cord Riechelmann seinen Gesamteindruck von Crichton und seinem neuen Roman zusammengefaßt: „Im Unterschied zu dem Eindruck eines älteren weisen Mannes, den soviel nicht mehr in seinem Glück erschüttern kann, den Crichton öffentlich gern von sich gibt, sind Anhang und Bibliographie hochgradig nervös infiziert. Sie zeichnen das Bild eines unglücklichen Positivisten.“ Foto: Proteste gegen Klimaerwärmung, Hongkong 2005: „Mehr Wissenschaftler und weniger Anwälte“ Michael Crichton: Welt in Angst. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann. Blessing Verlag, München 2005, 608 Seiten, gebunden, 24,90 Euro

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