Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Das Leben ist ein Roman

Eine Nobelpreisrede, die Skandal machte, steht nicht zu erwarten, einen Nobelpreis für Literatur wird Martin Walser nicht mehr bekommen. Von den lebenden Deutschen haben Grass und Jelinek einen, von den toten Thomas Mann und Böll. Kafka und der andere Walser, Robert, und Arno Schmidt hatten keinen und auch nicht Uwe Johnson. Elias Canetti, der Nichtdeutsche, immerhin hat den Preis erst spät erhalten. Nach Martin Walsers Besuch in Hampstead notierte Canetti: „W. fürchtet seine Selbstzufriedenheit, ein schöner Mensch; ein satterer Nizon, ruhmberuhigt, vier Töchter, von 19 bis 4 herunter; (…) kommt nicht weg vom Bodensee, an dem er geboren wurde; verbrachte in einer Wirtsstube seine Kindheit; (…) ist seit 10 Jahren mit Uwe Johnson befreundet, der ihn mit einem Brief aus New York über seine Anti-Vietnam-Tätigkeit gekränkt hat; arbeitet bei Tag, verlegt Besuche auf den Abend; lobt guten Wein; (…) versteht sich in München am besten mit Leuten aus der K.P.D.; ist selbst nicht in der Partei; schätzt die K.P.D.; (…) will wissen, ob ich politisch tätig war; gibt zu, daß man nicht weiß, wo irgendwas hinführt (Südamerika, China, alles, wofür man ist); verachtet Kritiker, sie wissen nichts und verstehen alles; (…) lädt mich ein, ihn in Nußdorf bei Überlingen zu besuchen, nimmt sich ‚Masse und Macht‘ mit, das er nicht kennt“. Das war 1973. Aber würden Canettis Wahrnehmungen, hätte er sie heute zu treffen, nach Paulskirchenrede und „Tod eines Kritikers“, soviel anders ausfallen? Canettis unverwandter Blick scheint auf einen Wesensverwandten gefallen, der gleich ihm das eigene Leben zum Material des Schreibens hernahm. Und doch waren sie Wesensfremde, der eine mit immer neuen Schreibblockaden und einem schmalen, wenngleich gewichtigen Werk, der andere ohne alle Schreibhemmungen, der, nach dem Wort des gehässigen Kritikerclowns, „die Worte nicht mehr halten“ könne, und mit einem umfangreichen Werk verschiedener Gattungen sowie einer Werkausgabe zu Lebzeiten. Und nun einer dickleibigen Biographie, gleichfalls zu Lebzeiten. Der Besuchte hat das widersprüchliche Bild, das er von seinem wohl unentwegt redenden Besucher gewonnen hatte, nicht harmonisiert, sondern die „Einzelbilder“, jedes für sich, lediglich durch Semikola voneinander getrennt, stehen lassen. Jörg Magenau widersteht zwar der Versuchung, die Einzelbilder zu einem „Unschärfebild“ übereinander zu projizieren, das „die Konstanten schärfer hervortreten ließe“, aber er unternimmt auch keinen Versuch, sie irgend zu schärfen. In Magenaus Martin-Walser-Biographie geht alles, Leben und Werk und Zeit, seinen positivistischen – man ist versucht zu schreiben: sozialistischen – Gang. Lebensgeschichte reiht Magenau zu einer chronologischen Abfolge von Ereignissen, Werkgeschichte zu einer Abfolge veröffentlichter Lebensgeschichte und Zeitgeschichte zu einer Abfolge von Anlässen für „die wechselnden Erregungszustände der Intellektuellen“. Die bundesrepublikanische Gesellschaft, in die der Sohn eines Gastwirts zwar nicht hineingeboren wurde, aber hineinwuchs und über die der Schriftsteller und politische Mensch Walser immer weiter hinauswuchs – diese Gesellschaft erscheint in Magenaus Darstellung wie eine abgefahrene Strecke im Rückspiegel: lang zurückliegendes Geschehen sehr fern, das jüngst Geschehene noch nah, aber doch nicht mehr allzugroß, und alles in rot-grünes Dämmerlicht getaucht. In 17 Kapiteln läßt Magenau die Lebens- und Schreibstationen seines Titelhelden am Leser vorüberziehen. Über viele war in dieser Gründlichkeit vorher noch nicht zu lesen: prägende Kindheitserfahrungen, Jugend- und Studienjahre, Karriere als Radioreporter und Fernsehjournalist, unerwiderte Liebe zu Lyrik, Theater und Kommunismus, Freundschaften wie die mit Uwe Johnson, die zur Feindschaft wurde, und die mit Siegfried Unseld, die sich über die Jahre erschöpft hatte. Über anderes, wie die Geschichte der Gruppe 47 oder die der „politisch unruhigen sechziger Jahre“ – als ob die 1950er oder die 1970er politisch ruhiger gewesen wären -, ist gründlicher gearbeitet und geschrieben worden. Magenau zeichnet die „Entwicklung der westdeutschen Öffentlichkeit“ und „Herausbildung einer literarischen Elite“ mit groben Strichen, die allenfalls ausreichen, die erwähnten „Erregungszustände“ zuzuordnen, nicht aber, sie zu erklären. Das Wort „Erregungszustände“ zumal ist eines von Magenaus vielen Kentaurenwörtern, deren Sinn sich nur überaus Worteinfühlungsbegnadeten erschließen dürfte. Walser selbst zeichnet Magenau als „einen engagierten Autor, der dem Engagement mißtraut, einen Gesellschaftskritiker, der sich der Lizenz zur Gesellschaftskritik verweigert, einen politischen Autor, der sich gar zu gern als unpolitisch bezeichnet, einen heimatverwurzelten Weltbürger, der sich schwer verorten läßt.“ Als ungedeutete jedoch erscheinen die Widersprüche, die Walser in sich, seiner Produktion, seinem Handeln, insbesondere in seinem politischen Handeln, austrägt, auf bloße Widersprüchlichkeiten heruntergeschraubt, die mit der persönlichen Konstitution des Schriftstellers halb und halb entschuldigt werden: ein schwieriger Mensch, ein auffahrender Charakter, der sich gleichwohl in wechselnden Zeiten immer treu geblieben ist. „Die gegensätzlichen Tendenzen“, die Magenau bereits in Martin Walsers Hörspielen ausmacht, den „Widerspruch zwischen Rückzugssehnsucht und Isolationsangst, dem Wunsch nach Einsamkeit und dem Bedürfnis nach gesellschaftlicher Zugehörigkeit“, finden ihr Äquivalent in dem „Rollenspiel, das er in seinen Romanen perfektionierte“ und „auch auf den verschiedenen Bühnen des Alltags“ betreibt: „hier der schüchterne Literat und dort der forsch auftretende Medienarbeiter. Hier das Leben als Familienvater mit Ehefrau und Tochter, dort die Gastrollen in der Gesellschaft und die Frauen.“ Und hier und dort der hilfsbereite Zuarbeiter seines Biographen, der sich in dem, was er von seinem Leben preiszugeben bereit ist, zugleich verstellt und enthüllt. Doch will sich hier ein Leben, dem alles zu denken gibt, zu keinem Leben fügen, das allen zu denken gibt, ja, im Grunde steht über das Leben Walsers nicht so viel mehr zu erfahren, als er in seinen Romanen bereits bekanntgegeben hat. Romane und Biographie illustrieren sich wechselseitig. Sollte da, wer Walsers Bücher gelesen hat, Magenaus Buch überhaupt noch lesen? Er sollte, denn es gibt Anhaltspunkte für ein neues Verständnis Walsers. Über Franz Kafka hat Walser promoviert, den verehrten Arno Schmidt hat er als Rundfunkredakteur zu protegieren versucht, gegen Uwe Johnson hat er konkurriert. Ihre Erfahrungshintergründe waren für den erklärten Kleinbürger ohne Hauptwerk ebensowenig einholbar wie die Thomas Manns und Bölls. Die Warenkritik einer Elfriede Jelinek ist dem Kritiker des Wirtschaftswunders ebenso wesensfremd geblieben wie Techniken des automatischen Schreibens. (Nein, einen Nobelpreis wird Walser nicht bekommen.) Und mag eine Fotografie von 1967, die Käthe und Martin Walser bei der Arbeit zeigt, noch so sehr dazu einladen, das „Aufschreibesystem“ Martin Walser/Katharina Neuner-Jehle mit den „Aufschreibesystemen“ Kafka/Felice Bauer oder Gottfried Benn/Herta von Wedemeyer engzuführen: Ein Damenopfer scheint der passionierte Schachspieler wohl nicht erbracht zu haben; dieser Orpheus hat mit dieser Eurydike außer dem Werk vier quicklebendige Töchter gezeugt. Wenigstens haben die geknöpften Gamaschen des würdevoll auftretenden älteren Hörspielautors Benn den jungen Hörspielautor Walser tief beeindruckt. Vielmehr könnte unserem Verständnis Walsers ein merkwürdiger Vergleich aufhelfen, den zuerst wohl Max Frisch in einem Brief von 1964 gezogen hat und den Magenau zitiert: „Es klingt paradox, daß zwei Originalitäten sich ähnlich sehen, aber das gibt es. Siehe die beiden Walser.“ Der andere Walser ist Robert Walser, der verschollene und wiederentdeckte Schweizer Dichter, dessen Werk heute zum Kanon der literarischen Moderne gehört. Wenn Giorgio Agambens Beobachtung richtig ist, daß in Robert Walsers Figuren bereits das planetarische Kleinbürgertum aufscheint, in dem sämtliche Klassen aufgegangen sind, dann repräsentieren Martin Walsers Romanfiguren allesamt ein nationales, ein bundesdeutsches Kleinbürgertum. Was jene bereits überwunden haben, erfahren diese als Mangel: das Uneigentliche und Unauthentische, den Verlust von Identität und Individualität. „Das Allgemeine und das Eigene, die Gattung und das Individuum“, heißt es bei Agamben, „sind gleichsam nichts anderes als Abhänge, die beiderseits des Höhenkamms der Beliebigkeit abfallen.“ In diesem Bild gehen die Figuren Robert Walsers auf dem Höhenkamm, während die Figuren Martin Walsers an den Abhängen laufen und stolpern und siedeln, ohne je den Kamm zu besteigen, ohne überhaupt von ihm zu wissen. Sie tragen all das noch in sich und mit sich herum, was Robert Walsers Tagediebe und Gehilfen längst unter sich gelassen haben. „Und warum sollten sie (die Figuren Robert Walsers, J.K.) sich helfend an dem beteiligen, was die Welt für ernst hält, wenn es doch in Wahrheit nur Wahnsinn ist? Da gehen sie lieber spazieren.“ Allein schon der Gedanke einer identitätslosen, beliebigen Singularität scheint Martin Walsers Figuren unfaßbar, faßbar nicht einmal im Augenblick der Liebe. Wo der eine Walser, Robert, „So“ sagt und das irreparable „So-Sein“ der Welt zur Sprache bringt, da sagt der andere Walser, Martin, „Also“, als eine Aufforderung zum Handeln, die Welt durch Sprache zu reparieren. Auch der Gedanke, daß ein Subjekt sich im Schreiben nicht selbst zum Ausdruck bringt, sondern vielmehr in dem Raum verschwindet, den sein Schreiben eröffnet, und daß das schreibende Subjekt anwesend nur im Werk ist, dieser Gedanke scheint für Walser, Martin, unerträglich. „Mikrogramme“ zu schreiben wie Walser, Robert, wäre seine Sache wohl nicht. Walser, Martin, will lesbar sein, erkennbar gleichermaßen als wirkliches Individuum und schreibendes Subjekt. Seine Romane – und seine Gedichte, Spiele, Aufsätze, Reden und Interviews – sollen sich zu dem Roman summieren, der nicht geschrieben werden kann. Sein Werk soll das Leben dessen vorstellen, der es geschrieben hat, sein öffentliches Agieren Lebensmaterial provozieren, das zur Sprache gebracht werden kann. Vielleicht, vielleicht auch nicht. „Denn nichts“ – und dieser schöne Walser-Satz soll denn auch hier nicht fehlen – „ist ohne sein Gegenteil wahr.“ „Was Sie da vorhaben, habe ich auch schon dreimal gemacht. Nur habe ich es immer ‚Roman‘ genannt“, soll Walser, Martin, seinem Eckermann an einem sonnigen, warmen Spätsommernachmittag, Anfang September 2002, auf geranienbestückter Hotelveranda oberhalb der Saale bei einem großen Glas Bier anvertraut haben. Jörg Magenaus Biographie liest sich wie ein Roman Martin Walsers, der davon handelt, wie ein Schriftsteller einen Kulturjournalisten seine Biographie schreiben läßt. Doch wen immer ihr suchet, Walser, Martin, ist es nicht! Diese Runde in dem „Entblößungs-Verbergungs-Spiel“, das Magenau mitspielen wollte, ohne ihm aufzusitzen, hat der Alte vom Bodensee, geübt ist geübt, gewonnen. Eine neue Runde wird im Herbst eingeläutet, da sollen die ersten Bände seiner schwarzen Notizbücher erscheinen. Jörg Magenau: Martin Walser. Eine Biographie. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2005, geb. mit SU, 624 Seiten, 24,90 Euro Martin Walser, 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren, debütierte 1955 mit einem Erzählband und veröffentlichte zwei Jahre später seinen ersten Roman, „Ehen in Philippsburg“. 1998 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles