Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

„Seelsorger und Patriot“

Herr Professor Kuropka, die CDU /CSU befindet sich nach der verlorenen Bundestagswahl in einer Identitätskrise. Immer weiter hat sich die Partei von ihren christlich-konservativen Wurzeln entfernt, während mit Papst Johannes Paul II. und Benedikt XVI. zwei konservative Christen in der Öffentlichkeit derzeit hoch im Kurs stehen. Kuropka: Die CDU muß meines Erachtens aufpassen, nicht eine geglättete Form der Sozialdemokratie zu werden, denn dann würde sie in der Tat in Zukunft nicht mehr in der Lage sein, aus eigener Kraft Wahlen zu gewinnen. Derzeit kann man in den Feuilletons verschiedenster Zeitungen die Debatte um die Profilprobleme der Union verfolgen. Ob die Parteiführung allerdings wahrnimmt, daß hier eines ihrer strategischen Arsenale leersteht, und sich darüber Gedanken macht, vermag ich nicht zu beurteilen. Am 9. Oktober wird Clemens August Kardinal von Galen seliggesprochen. Ebenfalls ein betont konservativer Katholik, der außerdem in der Zwischenkriegszeit Mitglied der Zentrumspartei, einer der Vorläuferinnen der Union, war. Wird die Partei die „Gelegenheit“ der Seligsprechung für sich nutzen? Kuropka: Ich möchte nicht empfehlen, eine Seligsprechung politisch zu „nutzen“. Doch ist es eine Gelegenheit der Besinnung auf die Werte, die Kardinal von Galen öffentlich vertreten und eingefordert hat, deren Gültigkeit bis heute unbestritten ist und an deren Umsetzung sich schließlich Konflikte entzündeten. Ein Dilemma, das Galen in den zwanziger Jahren hinsichtlich des Zentrums bereits formuliert hat, wenn er forderte, man müsse „von Worten zu Taten“ kommen. Allerdings würde gerade das Vorbild Kardinal von Galens die christlich-konservativen Defizite der Union um so deutlicher sichtbar machen. Kuropka: Was Galen zum Verständnis von Familie, zu Fragen von gesellschaftlicher Sitte und Anstand, zum modernen Individualismus oder gar zum Schutz des Lebens gesagt hat, wird heute von vielen – auch in der Union – nicht mehr gern gehört. Allerdings fällt ein solcher Bezug in den Bereich der Politik, ich aber bin Historiker. Kardinal Meisner hat die Union bekanntlich bereits aufgefordert, ihr „C“ abzugeben. Kuropka: Auch wenn ich selbst etwa das Akzeptieren der „Homo-Ehe“ und den Abtreibungskompromiß durch die Union für einen Fehler halte – so einfach kann man es sich nicht machen. Es stimmt aber, daß Kardinal Galen am ehesten dort zu positionieren wäre, wo heute Kardinal Meisner, Papst Johannes Paul II. oder Papst Benedikt XVI. stehen. Allerdings möchte ich mich nicht auf Ihre Gedankenspiele einlassen, denn als Wissenschaftler halte ich mich an Fakten und wissenschaftliche Methoden, und dazu gehört gewiß nicht, mit dem Denken einer Person einer anderen Epoche die Gegenwart auszumessen. „Beten für die Juden, predigen gegen die Kollektivschuldthese“ Kardinal von Galen galt nach dem Krieg lange unbestritten als der mutige „Löwe von Münster“, der aus christlicher Überzeugung den Nationalsozialisten die Stirn geboten hatte. Im Zuge der Achtundsechziger-Bewegung begann jedoch der Versuch, ihn – ebenso wie den übrigen christlichen und auch nationalkonservativen Widerstand gegen Hitler – als den Nationalsozialisten mehr oder weniger geistig nahestehend zu desavouieren. Kuropka: Diese Linie läßt sich bis heute verfolgen, man weiß nicht immer, ob mit Absicht oder auch aus Unkenntnis. Jüngstes Beispiel ist der Film „Nicht Lob noch Furcht“ – Galens Wahlspruch – des Landesmedienzentrums des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. In diesem Film wird zum Beispiel behauptet, die deutschen katholischen Bischöfe – auch Galen – hätten den Rußlandkrieg unterstützt. Als Beleg wird dann aus einem Hirtenbrief angeblich entsprechend zitiert. Ich habe lange gesucht, bis ich darauf gestoßen bin, daß es sich um einen Hirtenbrief aus dem Jahr 1936 handelt! Der Rußlandfeldzug, zu dem der Text im Film in Bezug gesetzt wird, begann aber 1941. Tatsächlich bezieht sich der Brief auf den Spanischen Bürgerkrieg und eine NS-Kampagne gegen die Kirche, die der Zusammenarbeit mit dem Bolschewismus bezichtigt wurde. Doch als ob das noch nicht genug wäre, finden sich im Anschluß an die im Film zitierte Passage – die, wie gesagt, die Unterstützung eines Krieges beweisen soll – folgende Sätze, die die Filmemacher unter den Tisch haben fallen lassen, in denen es sinngemäß heißt: Den Bischöfen liegt es aber ferne … zu einem neuen Krieg aufzurufen. Wir sind und bleiben Sendboten des Friedens und kämpfen mit den Waffen der Kirche, dem Glauben, dem Wort, dem Gebet und der Sühne. Wer sieht diesen Film? Kuropka: Der Film ist nicht nur von einer öffentlichen Einrichtung produziert worden, er ist in erster Linie für die Vorführung an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen gedacht. Einrichtungen also, denen die Bürger eine besonders hohe Wissenskompetenz zuschreiben. „38.000 NS-Maßnahmen gegen katholische Geistliche“ Kann diese Analyse der Kritik an Kardinal von Galen als symptomatisch für eine bestimmte Art von Kritik an den Kirchen überhaupt betrachtet werden? Kuropka: Es ist nicht selten, daß aus äußerlichen Erscheinungen tiefgreifende Schlüsse gezogen werden. Noch einmal am Beispiel Galen: Da wird etwa behauptet, der Kardinal habe zunächst ein enges Verhältnis zum NS-Regime gehabt oder gar mit diesem kooperiert, was nachweislich nicht der Fall war. Zum „Beweis“ wird darauf verwiesen, daß die SA bei seiner Bischofsweihe auf dem Domplatz Spalier stand und Parteifunktionäre ihm gratuliert haben. Oder es werden bestimmte Denk- oder Verhaltensweisen wie selbstverständlich in einen einschlägigen Zusammenhang gestellt, obwohl diejenigen, die sich so geäußert oder gehandelt haben, ganz andere Gründe dafür gehabt hatten. Galen hat selbst mehrfach formuliert, wie schwer doch die Entscheidung sei, „zu reden oder zu schweigen“. Man denke etwa an den Protest der holländischen Bischöfe gegen die Deportation der Juden ab 1942, der zu noch radikaleren Maßnahmen geführt hat. Es wurde also auch geschwiegen, aus Sorge vor noch mehr Opfern, nicht aber aus Desinteresse am Schicksal der Menschen. Einen ähnlichen Vorgang finden wir übrigens auch im Fall Galen: 1938 kamen Vertreter der Jüdischen Gemeinde zu ihm und baten ihn, auch für sie auf die Kanzel zu steigen. Er willigt ein, gab aber zu bedenken, ob die Situation für sie hinterher nicht schlimmer sein würde als zuvor. Das leuchtete den Männern offenbar ein, denn sie baten ihn dann, doch Abstand davon zu nehmen. Was tat Galen konkret gegen die Diskriminierung, später gegen die Verfolgung der Juden? Kuropka: Zum Beispiel gab es im Sommer 1938 im Bistum Münster eine Aufklärungs-Aktion über die katholische Position zum Antisemitismus. Dabei wurde den Gläubigen erläutert, daß alle Menschen Kinder Gottes sind, allen stehen grundlegende Rechte zu. Galen setzte sich außerdem für den inhaftierten Rabbiner in Münster ein, verschaffte in einzelnen Fällen Juden fingierte Taufscheine – und es wurde in den Kirchen des Bistums Münster für die Juden gebetet, wofür ich erst neuerdings einen Beleg von seiten des Sicherheitsdienstes der SS gefunden habe. Für wie seriös gilt die Kritik an Galen in Fachkreisen? Kuropka: Ich will nicht sagen, es gäbe am Verhalten der Kirche, ebenso wie an dem Galens, grundsätzlich nichts zu kritisieren. Aber wer kritisch sein will, möge sich der historisch-kritischen Methode bedienen und sich an der wissenschaftlichen Diskussion beteiligen! Diese spielt sich in Zeitschriften, Buchbeiträgen und Rezensionen ab. Da ist es schon einfacher, einen Film zu drehen. Ein anderes Beispiel für diese Art der Auseinandersetzung ist die Serie, die einmal Rudolf Augstein im Spiegel über „Kirche und Nationalsozialismus“ verfaßt hat. Allein ich habe darin über sechzig Fehler gefunden! Ein weiteres bevorzugtes Grundmuster der „Kritik“ an Vertretern der Kirche wie auch des bürgerlichen Konservatismus ist der Vorwurf, „man hätte doch mehr tun können“. Natürlich kann man immer mehr tun. Und natürlich hat es tatsächlich viele fatale Versäumnisse gegeben. Manche Betroffene, so auch Kardinal von Galen, haben später Gewissensbisse gehabt. Man sollte jedoch davor Respekt zeigen und dies nicht einfach als Vorlage einer Anklage nutzen. Häufig wird nicht realisiert, daß sich die damals Beteiligten in einer ungeheuer komplexen Situation befunden haben, vor allem, daß es sich beim NS-Staat um ein Terrorregime gehandelt hat. Eine seiner stärksten Waffen war die Willkür, es konnte um Leib und Leben gehen, es konnte aber auch noch einmal gutgehen. Der zeitgenössische bittere Witz hat dies formuliert mit der Frage: „Kennen Sie schon den neuen deutschen Gruß? Es ist der Finger vor dem Mund!“ „Hätte der NS-Staat das gleiche Schicksal wie die DDR erlebt?“ In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die katholische Kirche eher als etwas Widerständiges wahrgenommen. Heute steht sie für viele eher im Geruch der Kollaboration. Kuropka: Man muß sich doch einmal fragen: Warum waren die Nationalsozialisten eigentlich so gegen die Kirche? Warum gingen sie gegen den Klerus vor? 38.000 Maßnahmen gegen katholische Geistliche, über 400 im KZ – allein aus dem Bistum Münster 36 -, nicht wenige dieser KZ-Insassen überlebten die Haft nicht. Der Grund liegt darin, daß die Kirche an den Zehn Geboten festhielt und damit der „Umwertung der Werte“ entgegentrat, die das NS-Regime vor allem in der Jugend herbeizuführen suchte. Wer Personal für einen „Rassekrieg“ braucht, wer Juden erschießen und Geisteskranke vergasen will, der kann keine Institution dulden, die den Leuten beibringt, daß das Sünde ist. Kardinal Galen, ein Widerstandskämpfer? Kuropka: Zumindest verstehe ich nicht, daß er nicht allgemein zum Widerstand gezählt wird. Denn tatsächlich blieb doch der gesamte „offizielle“ Widerstand gegen Hitler – ob studentisch, militärisch oder kommunistisch – letztlich wirkungslos und hätte nach einem „Endsieg“ wohl erst recht keine Chance mehr gehabt. Die katholische Kirche stellt eine völlig andere Art von Widerstand dar: Statt die Nationalsozialisten anzugreifen, untergrub sie allein durch ihr Selbstverständnis in gewisser Hinsicht die Legitimität der Machthaber. Wohin so etwas führen und wie erfolgreich es sein kann, zeigt das Beispiel der Opposition gegen den Kommunismus in Osteuropa. Natürlich kann niemand nachträglich „voraussagen“, daß es dem Dritten Reich nach vierzig oder x Jahren gegangen wäre wie der DDR. Aber daß diese Art von Resistenz möglicherweise eine zwar viel langfristigere, aber wirksame Art von Widerstand ist als das, was wir sonst darunter subsumieren, wird heute nicht beachtet. Könnte man sagen, Galen bekämpfte in der Gestalt des Nationalsozialismus die Moderne? Kuropka: Wenn wir heute von Moderne sprechen, meinen wir ja etwas völlig anderes als den Nationalsozialismus. Insofern halte ich diese Formulierung für zu mißverständlich. Andererseits sah Galen zum Beispiel die Ursachen des deutschen Niederganges durch Krieg und Revolution 1918 im „preußischen Staatsgott“ begründet, im Staatsabsolutismus, der alles und jedes regeln will, der dem Einzelnen die Freiheit nimmt, durch Einheitsstaat, Einheitsschule, Einheitsversorgung und irgendwann auch noch durch Einheitskost und Einheitsreligion. Galen schrieb damals: „Und dann ist das deutsche Haus ein Zuchthaus.“ Damit hatte er nicht nur den Nationalsozialismus recht zutreffend beschrieben, sondern auch eine der Moderne innewohnende Tendenz. Gibt es einen gemeinsamen Punkt der Ablehnung von Weimarer Republik und Nationalsozialismus, eben weil ihm als Konservativen beide wie zwei Seiten der gleichen modernen Welt waren? Kuropka: Das war für ihn völlig unvergleichbar. Das NS-Regime stellte in seinen Augen ein „Staatsallmachtregime“ dar, während in der Weimarer Republik für die christlichen Grundsätze eingetreten und diese zur Wirkung gebracht werden konnten, wenn auch nicht in der ihm wünschenswert erscheinenden Klarheit. Dennoch hat er diejenigen Zentrumspolitiker in Schutz genommen, die etwa in den Koalitionen mit den Sozialdemokraten immerhin das größere Übel verhindern konnten. An der Weimarer Reichsverfassung hat er kritisiert, daß dort davon die Rede war, daß „alle Macht vom Volke ausgeht“. Der eigentliche Kritikpunkt war aber, daß dies als „unbegrenzte“ Macht mißverstanden werden konnte. Galen schrieb, natürlich sei die Nationalversammlung berechtigt, Gesetze zu erlassen. Aber im Rahmen des von Gott gegebenen Naturrechts. Galen lehnte in der Tat den Anspruch totaler Verfügungsgewalt über den Menschen ab. Der Vater Galens zum Beispiel hat politisch gegen Bismarcks Sozialversicherung gekämpft, nicht weil er gegen das segensreiche Wirken dieser Einrichtung war, sondern weil er die Abhängigkeit vom Staat fürchtete, die dadurch entstehen würde. In der Tat hat diese Abhängigkeit vom Staat zugenommen und wurde von totalitären Regimen wie dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus perfektioniert und brutal genutzt. Für eine Verzerrung der Realität sorgen aber nicht nur einige der Kritiker Galens, sondern auch einige seiner Lobredner. Droht auch hier, wie schon beim 20. Juli 1944, daß der Widerstand lediglich auf eine Art „Antifaschismus“ verkürzt wird? Schließlich betrieb Galen tatsächlich, was Stauffenberg nur ankündigen konnte: Widerstand auch gegen die alliierten Besatzungsmächte. Kuropka: Tatsache ist, daß Galen bei den alliierten Kommandeuren vor Ort gegen das Unwesen marodierender Soldaten und Zwangsarbeiter ankämpfte, er setzte sich für die deutschen Kriegsgefangenen ein und sprach sich gegen die Annexion der deutschen Ostprovinzen aus. Er geißelte die Vertreibung und predigte von der Kanzel gegen die Kollektivschuldthese, womit er sich den Zorn der Besatzungsbehörden zuzog. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine Form von politischem Widerstand, sondern um einen Ausdruck der Tatsache, daß Galen als Seelsorger und Patriot mit dem Volke fühlte. Sein Blick war jedoch auf die Zukunft gerichtet, in seiner letzten Predigt nach der Rückkehr von der Kardinalserhebung in Rom äußerte er die Hoffnung, daß nun auf christlichen Fundamenten ein neues Deutschland aufgebaut werde. Prof. Dr. Joachim Kuropka gilt als einer der führenden „Galenforscher“ Deutschlands. Der Historiker lehrt Katholizismusforschung an der Universität Vechta. Geboren wurde er 1941 in Namslau in Schlesien. Wichtigste Veröffentlichungen: „Clemens A. Graf von Galen. Neue Forschung zum Leben und Wirken“ (Regensberg, 1992), „Clemens A. Graf von Galen. Leben und Wirken in Bildern und Dokumenten“ (Runge, 1992). „Clemens A. Graf von Galen. Menschenrechte, Widerstand“ (Regensberg, 1998), „Geistliche und Gestapo“ (Lit, 2004) Clemens August Kardinal Graf von Galen: Am 9. Oktober wird der wegen seines Widerstandes gegen den Nationalsozialismus als „Löwe von Münster“ bekanntgewordene Galen in Rom seliggesprochen. Geboren 1878 in Dinklage, wurde der Kämpfer gegen Nazismus, Sozialismus und Liberalismus 1933 zum Bischof von Münster geweiht. Er bekämpfte NS-Rassenlehre und Antisemitismus. Seine Predigten bewirkten gar zeitweilig die Unterbrechung des Euthanasie-Programms. Bormann erwog, ihn hängen zu lassen, doch Goebbels wollte keinen „katholischen Märtyrer“ schaffen. Galen hatte Kontakte zum Kreis der Männer des 20. Juli 1944, und seine Predigten regten junge Studenten zur Gründung der Widerstandsgruppe Weiße Rose an. Nach Ende des Krieges kämpfte Galen ebenso couragiert gegen Kollektiv-schuldthese und Besatzungswillkür und erklärte, die Alliierten als Feinde zu betrachten. Die Briten qualifizierten ihn als einen „Aristokraten von Eichenholz und deutschen Nationalisten durch und durch“. Galen starb 1946 in Münster. Kardinal Galen: „Mit den Waffen der Kirche gegen den Nationalsozialismus“ weitere Interview-Partner der JF

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