Als Schund schick war

Vor nunmehr 33 Jahren drehte der ehemalige Friseur Gerard Damiano in Miami für 25.000 Dollar einen schlüpfrigen Streifen über einen Arzt (Harry Reems), der seiner Patientin (Linda Lovelace) Oralsex verordnet. Die Dreharbeiten dauerten ganze sechs Tage, das Ergebnis war von so schlechter Produktionsqualität, daß Damiano selbst es „einen Witz“ nannte, spielte 600 Millionen Dollar ein und wurde damit zum profitabelsten Film aller Zeiten. In ihrer so unterhaltsamen wie informativen Dokumentation „Inside Deep Throat“ rekonstruieren Fenton Bailey und Randy Barbato die Geschichte des kulturellen Phänomens „Deep Throat“ anhand von altem und neuem Filmmaterial (die Interviews mit Damiano und Reems alleine sind den Preis einer Kinokarte wert), Ausschnitten aus einschlägigen Filmen und einem Voiceover-Kommentar, dem Dennis Hopper seine Stimme leiht. Bailey und Barbato lassen beide Seiten zu Wort kommen: die Schriftsteller Norman Mailer, Erica Jong und Gore Vidal, Playboy-Herausgeber Hugh Heffner, Staatsanwalt Larry Parish und Charles Keating jr. als Vertreter der Lobbyorganisation Citizens for Decent Literature („Bürger für anständige Literatur“) schildern, wie dieser am Rande des kriminellen Milieus gedrehte Schund eine Debatte um Zensur und das in der Bill of Rights garantierte Recht auf freie Meinungsäußerung lostrat. Die Nixon-Regierung meinte an ihm ein Exempel statuieren zu müssen und verpflichtete sich zu einer „neuen moralischen Führung“ gegen Pornographie. (Daß der erst jüngst enttarnte Watergate-Informant, FBI-Vizedirektor Mark Felt, den Decknamen „Deep Throat“ trug, gehört zu den Ironien der Geschichte.) Im Zuge aufsehenerregender Gerichtsverfahren wurde der Film in 23 Bundesstaaten verboten, Kopien in einer Stadt nach der anderen beschlagnahmt. Ihren Höhepunkt erreichte die Kampagne, als Harry Reems sich 1976 gemeinsam mit sechs Mitgliedern der Mafiasippe Colombo auf der Anklagebank wiederfand. Damiano und Lovelace erhielten als Kronzeugen Immunität. Reems wurde zu einer fünfjährigen Haftstrafe für die Herstellung und Verteilung obszönen Materials verurteilt. Seinen Freispruch im Berufungsverfahren ein Jahr später verdankte er nicht zuletzt prominenten Fürsprechern wie den Hollywood-Stars Henry Fonda, Jack Nicholson und Warren Beatty sowie dem Regierungswechsel in Washington nach dem Wahlsieg des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Jimmy Carter. Wie PR-Profis wissen, ist jede Werbung gute Werbung – plötzlich war Pornographie respektabel und „Deep Throat“ das Kulturereignis des Jahres, für das die ehrwürdige New York Times eigens die Gattungsbezeichnung „Porno-Schick“ erfand. Sämtlicher Profit floß in die nimmersatte Kehle der Mafia, die den Film finanzierte. Damiano entsinnt sich, wie seine „Partner“ ihn „überredeten“, sich von „Deep Throat“ zu distanzieren, sobald die Kassen zu klingeln begannen. Eine urkomische Passage zeigt den einstigen Betreiber eines Filmverleihs, dessen Frau ihm jedesmal ins Wort fällt, kaum daß er die mafiöse Verbindung erwähnt. Die Stars des Films jedenfalls hatten herzlich wenig von seinem Erfolg. Nach der Haftentlassung verfiel Reems dem Suff und war jahrelang obdachlos. Heute lebt er als bekennender Christ und Immobilienmakler in Park City, Utah, wo alljährlich das Sundance Film Festival stattfindet, auf dem „Inside Deep Throat“ seine Erstaufführung erlebte. Lovelace mauserte sich von der Verfechterin sexueller Enthemmung zur glühenden Feministin, die behauptete, sie sei vor laufender Kamera geradezu vergewaltigt worden. Am Ende zwang Geldmangel sie, zu ihrem alten Beruf zurückzukehren. Interviews mit Lovelaces Schwester, Tochter und Schulfreundinnen rücken die berüchtigte Pornodiva als Opfer des schizoiden Zeitgeistes in ein überaus sympathisches Licht. Tatsächlich plante „Inside Deep Throat“-Produzent Brian Grazer ursprünglich, einen biographischen Film über Lovelace und ihren Ehemann, Manager und Zuhälter Chuck Traynor zu drehen – beide starben kurz vor Beginn der Dreharbeiten. Ein wunderbar eklektischer Pop-Soundtrack und ein bunter Reigen exzentrischer Charaktere lassen „Inside Deep Throat“ zu einem echten Kinovergnügen werden, das zugleich Einblicke in eine Schattenindustrie bietet und die enorme gesellschaftliche Wirkung eines an für sich völlig unbedeutenden Films beleuchtet – wie Gerard Damiano schon 1974 in einem Interview sagte: „Hätte die Zensur nicht die Neugier der Menschen geweckt, das Ganze wäre vor sechs Monaten vorbei gewesen.“ Foto: Harry Reems: Vom Pornodarsteller zum bekennenden Christen

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