Alles konstruiert

Viele Debütfilme eines bestimmten Genres erkennt man an ihrem emotionalen Schwelgen in letztlich langweiligen Szenerien. Dadurch versuchen Filmhochschulabsolventen ihre unausgegorenen Gefühlslagen zu verarbeiten. Die Streifen drehen sich meist um persönliche Liebesdinge, um Trennung, Verlassenwerden und Einsamkeit, und sie interessieren das Gros der Zuschauer meist herzlich wenig. Stéphane Vuillet hat einen solchen Film abgeliefert. Darin flüchtet sich die zur Abschiebung gesuchte ukrainische Touristin Sonia (Ingeborga Dapkunaite) in der Nähe des Flughafens Brüssel ins Auto eines alleinerziehenden Vaters. Der schützt sie nach einem kleinen Streitgespräch vor der Polizei, nimmt sie mit nach Hause, kleidet sie ein, stellt sie seiner Tochter und seiner Mutter vor. Zu viert machen sie sich dann auf die Suche nach Sonias irgendwo in Belgien lebendem Ehemann, finden ihn schließlich bei einer anderen Frau. Hier ist alles konstruiert. Der überforderte Vater, der sich sonst einen Dreck um seine Mitmenschen schert, seinen Vermieter betrügt, seine Arbeitgeber hintergeht und seine Kunden schlecht behandelt, nimmt einfach selbstlos eine Fremde auf und kutschiert sie in der Gegend herum. Die erst sehr skeptische Mutter des Mannes entwickelt auf einmal ein sensationsgieriges Interesse am Schicksal der ihr völlig fremden Frau. Zwischendurch läuft die Tochter ständig weg, und es kommt zu völlig unglaubwürdigen Knutschereien zwischen dem Alleinerziehenden und der angeblich auf ihren ukrainischen Mann fixierten Slawin. Und das Tablett mit Teeservice fällt auch mit Ankündigung scheppernd auf den Boden. Regisseur Vuillet hatte erst Mathematik studiert, wurde dann Mitglied einer erfolglosen Musikband, machte schließlich die Aufnahmeprüfung an der Filmschule INSAS. Doch statt sich vorzubereiten, feierte er drei Wochen lang Parties und bestand die Prüfung nicht. Sein Projekt hatte er ursprünglich der Filmförderungskommission als Kurzfilm vorgelegt. Die signalisierte generell Interesse, riet aber dazu, die schlecht konzipierte Rolle der unerwünschten ukrainischen Besucherin zu streichen. Vuillet zeigte sich starrsinnig und bestand auf der Figur. Das hätte er nicht tun sollen. Heraus kam deshalb nicht eine dank guter schauspielerischer Handlung halbwegs akzeptabel gelöste Behandlung des Themas Trennung und Entfremdung, sondern ein inakzeptabel zusammengestoppeltes Rührstück voller Konstruktion. Ärgerlich ist zudem der scheinbar die ganze westliche Welt umspannende kranke Selbsthaß. Natürlich muß mal wieder Immigranten-Schmalz in das Geschehen eingerührt werden. Fast glaubt man, es sei nicht möglich, von der Ukraine mit einem Touristenvisum ins festungsartig abgeschottete Belgien legal einzureisen. Als Sonias Mann schließlich gefunden wird, erzählt dieser seine Odyssee: davon, wie er sich verstecken mußte, wie er von Einheimischen finanziell ausgebeutet und betrogen wurde und daß er schließlich eine ungeliebte belgische Frau heiraten mußte, um bleiben zu können. Der bemitleidenswerte Migrant also, wie er immer wieder im Kino vorgeführt wird. Da versteht es sich nahezu von selbst, daß die anderen positiv besetzten Hauptfiguren selber Ausländer sind, Spanier mit internationalistischer Solidarität. Autochthone treten hingegen nur auf als düstere Polizisten, vor denen man sich retten muß, als bornierte Sozialinspektoren, die einem die Schwarzarbeit vermiesen wollen, als betrügerische, grinsende Altersheimleiter und cholerische Vermieter, überhaupt eigentlich nur als üble kryptofaschistische Spießer. Dieses abgeschmackte „multikulturelle“ Weltbild wird durch die Fassade eines drittklassigen Liebesfilms nur geringfügig verdeckt. Weshalb es übrigens an diesem 12. Januar in Brüssel, an dem die Handlung spielt, ausgerechnet 25 Grad plus sein muß, um für die Handlung irgendeine Relevanz zu haben, wird Vuillets Geheimnis bleiben. Womöglich suchte er nur nach einem interessant klingenden Filmtitel. Das wäre dann aber auch das einzig Interessante an diesem Film. Foto: Miquel (J. Gamblin) und Laura (R. Molinier)

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