Superwahljahr

 

Woolworth und die Welfen

Die Stadt Braunschweig wird eine Rekonstruktion des 1960 abgerissenen Schlosses erhalten, mit deren Bau bereits im kommenden Herbst begonnen werden soll. So sieht es ein Beschluß des Stadtrates vor, der am 5. Juli mit denkbar knapper Mehrheit gefaßt wurde. Das Patt zwischen den Befürwortern bei CDU und FDP einerseits und den Gegnern bei SPD, Grünen und PDS andererseits konnte nur die Stimme von Oberbürgermeister Gert Hoffmann (CDU) auflösen, der als einer der streitbarsten Verfechter der Wiedererrichtung gilt. Weil jedoch die Kassenlage der Stadt klamm ist, muß als finanzstarker Bauherr der Hamburger Versandriese Otto einspringen. Dessen Tochterfirma ECE Projektmanagement, Betreiberin von 66 Einkaufszentren in Deutschland, soll nach derzeitigem Planungsstand das 40.000 Quadratmeter große Areal für 35 Millionen Euro von der Stadt erwerben. Insgesamt 200 Millionen Euro will ECE dann in eine „Shopping-Mall“ investieren, die an die wiederzuerrichtende Schloßfassade grenzt. Der Entwurf eines in Berlin und Zürich ansässigen Architekturbüros, der im Dezember vergangenen Jahres in einem Wettbewerb den Zuschlag der Jury erhielt, sieht dazu einen in Keile gegliederten Glasbau vor. Damit wird im Innern das neue Schloß nur in Annäherungen an die frühere Struktur bestehen, das historische Gebäude solle „in Fragmenten ablesbar“ sein, heißt es seitens des Stadtbaurats. Die originalgetreue Rekonstruktion der Schloßfassade steht allerdings unter einem finanziellen Vorbehalt: Sollte das Geld nicht reichen, so das zuständige Bauingenieur-Büro, werde es zu „Vereinfachungen“ kommen. In den „historischen“ Teil des geplanten Neubaus sollen nach dem Willen der Ratsmehrheit öffentliche Einrichtungen wie Stadtarchiv, Stadtbücherei und Kulturinstitute einziehen. Deren Räumlichkeiten muß die Stadt dann von der Eigentümerin ECE mieten. Eine der größten städtebaulichen Fehlentscheidungen, die Ende der fünfziger Jahre getroffen worden war, könnte auf diese Weise zwar nicht rückgängig gemacht, ihre negativen Auswirkungen auf das urbane Erscheinungsbild nach dem Willen der Ratsmehrheit jedoch gemildert werden. Die Grundsteinlegung des Schlosses erfolgte im Jahre 1833, nachdem drei Jahre zuvor die ältere Residenz im sogenannten „Braunschweiger Aufruhr“ niedergebrannt worden war. Unter Leitung des Schinkel-Schülers Carl Ottmer entstand ein dreiflügeliger Bau auf U-förmigem Grundriß, dessen Fassade sich an Vorbilder des französischen und preußischen Hochbarocks anlehnte, diese jedoch im Sinne des damals vorherrschenden Klassizismus stark vereinfachte. In der Mitte der Hauptfront befand sich ein mächtiger Portikus, den Mitteltrakt krönte eine Quadriga mit der Schutzpatronin Brunonia. Nur zwei welfische Herzöge bewohnten das Schloß: der Erbauer Herzog Wilhelm bis zu seinem Tod 1884 und schließlich – nach einer längeren Thronvakanz wegen des preußisch-welfischen Konfliktes – ab 1913 Herzog Ernst-August gemeinsam mit seiner Frau, der Kaiser-Tochter Viktoria-Luise, bis zur Abdankung im Jahre 1918. Nunmehr im Besitz des neuen „Freistaates Braunschweig“, diente die ehemalige Residenz als Theater und Museum. Ihr weiteres Schicksal läuteten die schweren Luftangriffe ein, denen Braunschweig insbesondere ab Oktober 1944 ausgesetzt war; das im Stadtzentrum gelegene Schloß brannte aus, dennoch waren fast 70 Prozent des Gebäudes bei Kriegsende erhalten geblieben. „Die Sprengung des Braunschweiger Schlosses nach 1960 ist ein würdiges Gegenstück zur Beseitigung des Berliner Stadtschlosses durch Ulbricht“, resümierte der Schriftsteller Walter Kempowski in seinem Tagebuch „Sirius“. Zu Recht: Denn wie im Falle der Hohenzollernresidenz waren es auch hier vorrangig ideologische Gründe, die die politisch Verantwortlichen zu Sprengstoff und Abrißbirne greifen ließen. In den Jahren 1952 und 1959 scheiterten alle öffentlichen und privaten Pläne, die Ruine zu konservieren und beispielsweise einer Nutzung durch die Technische Hochschule zugänglich zu machen. Am 21. Dezember 1959 beschloß der Rat der Stadt mit zwei Stimmen Mehrheit den Abbruch der Schloßruine; die Abrißarbeiten erfolgten von März bis Juli des folgenden Jahres. Auch Proteste aus der Bevölkerung und der Einspruch des Leiters des Amtes für Denkmalpflege konnten die regierenden Sozialdemokraten mit der damaligen Oberbürgermeisterin Martha Fuchs an der Spitze nicht von dem Vorhaben abbringen. Ein Protestschreiben sämtlicher Direktoren der Museen und Archive Braunschweigs an das Kultusministerium der SPD-geführten Landesregierung in Hannover blieb unbeantwortet. Das verbissene Festhalten an der Beseitigung der Schloßruine trug Züge einer geschichtspolitischen Auseinandersetzung. Der damals dominierende linke Flügel der Braunschweiger Sozialdemokratie vollzog damit – wie Ulbricht und seine SED-Genossen – die symbolische Abrechnung mit der verhaßten ehemaligen Landesherrschaft, deren bauliches Erbe für immer eliminiert werden sollte. Ganz im Sinne der verqueren Logik hypermotivierter Vergangenheitsbewältiger sollte die Welfenresidenz für die politischen Verfehlungen des bürgerlichen Braunschweig büßen: Waren hier doch bereits 1930 die Nationalsozialisten an der Landesregierung beteiligt, die zwei Jahre später Adolf Hitler zum deutschen Staatsbürger naturalisierte und so den Weg an die Macht ebnete. Und schließlich diente diesem das Schloß 1931 als Kulisse zu einem der größten Aufmärsche seiner Anhänger, als er davor eine Parade von 100.000 SA-Männern abnahm. Nicht zuletzt weil es ab 1935 zur SS-Junkerschule umfunktioniert worden war, galt den Genossen das Gebäude als „verseucht“. 1963 übergab man der Öffentlichkeit einen an Stelle des Schlosses angelegten Park, der jedoch über die Jahre mehr und mehr dem öffentlichen Konsum alkoholischer Getränke dient, sei es anläßlich von Zeugnisfeten der umliegenden Schulen, sei es durch sogenannte „Nichtseßhafte“. Obwohl kaum ein Politiker (egal welcher Couleur) heute noch die Entscheidung zum Abriß gutheißen möchte, ist die Zahl der Kritiker an der Neufassung der Schloß-Rekonstruktion nicht unerheblich, und sie speist sich aus unterschiedlichsten Interessengruppen. Die Ratsopposition führt neben grundsätzlichen Erwägungen vor allem finanzielle Motive an; weil die Anmietung von Räumen im Schloß durch die Stadt viel zu teuer sei, wandten sich die Grünen schon an die Haushaltsaufsicht in der Bezirksregierung und an den Bund der Steuerzahler. Die Vertreter des Einzelhandels sehen ihre ohnehin schlechte Lage durch ein neues Einkaufszentrum bedroht, und der Niedersächsische Heimatbund beklagt, daß der Neubau lediglich kommerziellen, nicht denkmalpflegerischen Zwecken diene. Konservative wie Modernisten mokieren sich gleichermaßen über die „Kulissenarchitektur“, über das „groteske“ Nebeneinander von Dynastischem und Deichmann-Geschäft. Doch Oberbürgermeister Hoffmann sieht gerade in diesem „Abwägungsprozeß“ den einzig gangbaren Weg, den Wiederaufbau zu ermöglichen. Zustimmung erfährt das Projekt trotz der kommerziellen Beigabe von seiten des ehemals regierenden Welfenhauses. „Langfristig positiv“ werde sich die Wiedererrichtung der dreiseitigen Schloßfassade auf die Stadt auswirken, kommentierte Heinrich Prinz von Hannover die aktuellen Pläne gegenüber der JUNGEN FREIHEIT. Die Rekonstruktion werde den dortigen, bisher verödeten Teil der Innenstadt aufwerten und daher auch mehr Menschen anziehen, so der Enkel des letzten Herzogs. Foto: Computersimulation der rekonstruierten Schloßfassade mit dem angrenzenden gläsernen Einkaufszentrum: „Kulissenarchitektur“

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