Wechselspiel

Jeder von uns kennt das Phänomen: Man tippt einem scheinbar alten Bekannten freundlich von hinten auf die Schulter, um, sobald er sich umdreht, peinlich berührt feststellen zu müssen, daß es ein Fremder ist, dem man sich genähert hatte. Oder ein Unbekannter kommt grüßend auf uns zu, um dann zu bemerken: „Sie sind gar nicht Herr XY? Oh, Sie sehen ihm aber sehr ähnlich.“ Im Regelfall klären sich solche Verwechslungen schnell auf. Allerdings kann es auch seinen Reiz besitzen, das Spiel mit der anderen Identität eine Weile weiterzuspielen und auf diese Weise mehr vom Gegenüber zu erfahren. In Patrice Lecontes neuem Film ist es die unglückliche Anna (Sandrine Bonnaire), die einen Praxistermin bei dem Psychiater Dr. Monnier (Michel Duchaussoy) vereinbart hat, aber an der falschen Tür klingelt. Sie tritt versehentlich in das Nachbarbüro und hält den Steuerberater William Faber (Fabrice Luchini) für ihren neuen Therapeuten. Ehe der schüchterne Faber in der Lage ist, das Mißverständnis zu begreifen und aufzuklären, erzählt die schöne Fremde ihm schon intime Details aus ihrem Privatleben. Er erfährt von Annas arbeitslosem Ehemann, davon, daß dieser seit sechs Monaten nicht mehr mit ihr schlafe und daß sie verrückt zu werden glaubt. Erschrocken und fasziniert zugleich von diesem Einblick in das Leben einer fremden Frau, offenbart Faber seine Identität nicht, sondern akzeptiert einen weiteren Therapeutentermin. Ein seltsames Wechselspiel beginnt. An der schwachen Hilfesuchenden treten bisweilen sehr selbstbewußte Züge auf, und der seriöse Steuerberater gerät in Versuchung, aus dem selbstgebauten Käfig seines Daseins auszubrechen. Ein aggressiver Ehemann erscheint auf der Bildfläche, die Sekretärin wird mißtrauisch, die Ex-Frau wirkt belustigt. Bald scheint Faber selber einen Therapeuten nötig zu haben. Er spioniert der Fremden hinterher, unterhält sich mit dem altklugen und gerissenen Psychiater vom Nebenbüro über das Problem, das seines geworden scheint. Ist es die Fremde, die Faber therapiert, oder bedarf sie seiner Unterstützung? Ist er der Spielball in einer Eheintrige? Hat sie sich womöglich gar nicht in der Tür geirrt? Lecontes zwanzigster Spielfilm ist ein sehr langsam erzähltes psychologisches Drama. Keinesfalls kann er mit der kraftvollen Virtuosität von „Die Frau auf der Brücke“ (1999) verglichen werden. Eher erinnert der Film vom Erzählrhythmus an „Die Verlobung des Monsieur Hire“ (1989), ebenfalls mit Sandrine Bonnaire in der Hauptrolle. Dennoch ist „Intime Fremde“ ein durchaus hoffnungsfroh stimmendes Werk. Jede Therapie habe die Loslösung aus einer Bindung zum Ziel, wird dem Zuschauer einmal suggeriert. Dem kann auch widersprochen werden – vielleicht kann erst die Therapie eine neue Bindung überhaupt möglich machen. So sieht man zwei Fremde einander näherkommen, Distanz weicht Intimität. Ob die Verwechslung Zufall war oder Schicksal, bleibt offen. Ebenso die Frage, ob wir nicht immer bei der ersten Begegnung unser Gegenüber mit einem anderen verwechseln, dessen Bild wir aufgrund von Erinnerungen in uns tragen. Foto: William Faber (F. Luchini), Anna (S. Bonnaire): Schicksal?

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