Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Vom Verschwinden des Demos

Die Demographie ist unser Schicksal. Schon im achtzehnten Jahrhundert, als mancher Fürst und König über menschenleere Landstriche klagte, wurde die Bevölkerungsmasse als Machtfaktor erkannt. Durch gezielte „Peuplierungspolitik“ sollten das Herrschaftsgebiet dichter besiedelt und die Steuerkassen gefüllt werden. Im Zeitalter der Industrialisierung erlebte Europa schließlich eine Bevölkerungsexplosion epochalen Ausmaßes. Innerhalb von nur hundert Jahren nach den Napoleonischen Kriegen verdoppelte sich die Zahl der Deutschen von dreißig auf sechzig Millionen. Westlich des Rheins dagegen kam die Geburtenzahl nicht vom Fleck, sehr zum Bedauern der Pariser Regierung, die mittels einer aktiven Bevölkerungspolitik bestrebt war, die Geburtenrate französischer Frauen nach oben zu treiben. Die gesamte westliche Welt durchläuft derzeit erneut einen Prozeß dramatischer demographischer Verschiebungen. In Deutschland brach die Zahl der Geburten seit den späten sechziger Jahren besonders dramatisch ein. Aktuell liegt Deutschland mit einem in der Geschichte bislang ungekannt niedrigem Wert von 1,2 Kinder pro Frau auf dem 180. Platz der Weltliste. Um eine gesunde Bevölkerungsstruktur zu erhalten, wären mindestens zwei Geburten pro Frau vonnöten. Dabei liegt der Kern des Problems, wie der Bielefelder Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg wiederholt dargelegt hat, weniger im oft beklagten, angeblichen Trend zur Ein-Kind-Familie, sondern im Totalverzicht, der Totalverweigerung breiter Bevölkerungsgruppen. Fast jede dritte deutsche Frau bleibt heute kinderlos, bei Akademikerinnen ist es bald jede zweite. Die langfristigen Folgen des Geburtenabsturzes sind erst in Anfängen sichtbar. Mittlerweile hat sich die einstige breite Bevölkerungspyramide zu einem zerzausten Tannenbaum mit dünnem Stamm verformt, schließlich wird sie die Form einer kopflastigen Urne annehmen. Diese Transformation streckt sich über viele Legislaturperioden und übersteigt so den Horizont vieler Politiker. Inzwischen zwingt aber die Erkenntnis einer beschleunigten Überalterung den Blick auf das kommende Schrumpfen der Bevölkerung. Fehlt auch nur eine halbe Generation, so gewinnt der einmal eingeschlagene Abwärtskurs exponentiell an Fahrt und wird unumkehrbar. Auf schwache Jahrgänge folgen so immer schwächere, bis nach Ablauf eines Menschenalters der demographische Boden erreicht ist und die Bevölkerung sich auf niedrigstem Niveau stabilisiert. Nicht nur die umlagefinanzierten Sozial- und Rentenversicherung sind betroffen, deren finanzieller Kollaps für das Ende der Dekade zu erwarten steht. Angesichts des zunehmend multiethnischen Charakters der Gesellschaften Europas und Nordamerikas gewinnen Fragen der Bevölkerungsverschiebung zusätzlich an Brisanz. Unterschiedliche Geburtenraten verschiedener ethnischer Gruppen innerhalb eines Staates verschieben auf längere Frist die ethnischen Gewichte und kippen die Identität eines Landes. Beispiele für solche Überlagerungsprozesse kennt die Geschichte, meist endeten sie in bürgerkriegsähnlichen Konflikten. Im Kosovo etwa verdrängte seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die anfangs kleine muslimische Minderheit dank ihrer Geburtenfreudigkeit die historische Mehrheit der Serben. Das Ende vom Lied ist bekannt. Einwanderung findet an der Grenze wie auch im Kreißsaal statt. Die daraus resultierenden demographischen Überlagerungsprozesse sind überall in der westlichen Welt zu beobachten. Den Süden der Vereinigten Staaten übernehmen „Hispanics“, wobei vermutlich diese sogenannten Hispanics weniger spanische als indianische Vorfahren haben. Aufgrund weiterhin kaum gebremster Einwanderungsströme und der Geburtendynamik der Neuankömmlinge ist absehbar, daß US-Amerikaner europäischer Abstammung in etwa dreißig Jahren gegenüber Hispanics, Schwarzen und Asiaten in eine relative Minderheitenposition geraten werden. Für ein verhältnismäßig junges Land wie die USA mit ihren erprobten Integrations- und Assimilationskräften mag ein solcher Wandel nicht zwangsläufig als Verdrängungsprozeß bitter enden. Auf die alten Kulturvölker Europas, in ihren Räumen seit vielen Jahrhunderten fest verwurzelt, wirkt die ethnisch-demographische Überlagerung besonders ihrer Innenstädte bedrohlich. Maghrebinische Einwanderer mit ihren zahlreichen Nachkommen prägen zunehmend das Bild des französischen Südens und verdrängen die angestammte Bevölkerung. In den vier größten Städten der Niederlande werden nach offiziellen Studien schon Ende dieses Jahrzehnts Holländer eine Minderheit stellen. Die Zukunft deutscher Metropolen ist kaum anders: Geburtenfreudige Ausländergruppen ersetzen die vergreisende deutsche Ur-Bevölkerung. Dem SPD-Politiker Vural Öger ist es zu verdanken, die schleichende demographische Überlagerung ungewollt ins Gespräch gebracht zu haben. Im Jahr 2100 werde es nur noch 20 Millionen Deutsche in Deutschland geben, denen 35 Millionen Nachkommen von Zuwanderern, vornehmlich Türken, gegenüberstünden, scherzte der Reiseunternehmer im Kreise befreundeter türkischer Unternehmer (JF 24/04 berichtete). Ögers Prognosen sind nicht unrealistisch. Nach Studien des Instituts für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik (IBS) der Universität Bielefeld wird die Zahl der autochthonen Deutschen bis 2080 auf knapp 30 Millionen absinken. Dagegen könnte die Zahl der Zuwanderer und ihrer Nachkommen bei einem mittleren jährlichen Zustrom von 200.000 Menschen auf 23 Millionen zunehmen. Ögers Freude über die „gebärfreudigen Türkinnen“ trifft einen empfindlichen Nerv, denn das ethnische Umkippen vieler deutscher Innenstädte birgt sozialen wie politischen Sprengstoff. Diese Gefahren scheinen Sozialdemokraten und Grünen vernachlässigbar, sie denken strategisch an neue Wählerpotentiale: Mit Hilfe eingebürgerter Türken, so die Hoffnung, ließe sich auf lange Sicht eine strukturelle Mehrheit für die Linke zementieren. Dazu paßt, daß der erfahrene SPD-Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose zwar mit fünf Millionen türkischen Einwanderern im Falle eines EU-Beitritts der Türkei rechnet, diese Erwartung aber nur ein einziges Mal öffentlich erklärte und seitdem den Mund hält. Der Unterschied zwischen fürstlicher „Peuplierungspolitik“ des achtzehnten und linker Einwanderungspolitik des 20. und 21. Jahrhunderts ist offensichtlich. War damals das Ziel, durch Anwerbung möglichst qualifizierter Neubürger den Reichtum des Landes zu mehren, so steht im „demokratischen“ Zeitalter die Sicherung parteipolitischer Macht durch Austausch des Demos im Vordergrund.

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