Tagespolitik links liegenlassen

Seit einem guten Jahr erscheint nun die vom Institut für Staatspolitik (IfS) herausgegebene Zeitschrift Sezession, und bereits jetzt kann die Gründung von Wolfgang Dvorak-Stocker (Stocker-Verlag, Graz), Götz Kubitschek (Edition Antaios, Schnellroda) und Karlheinz Weißmann (Göttingen) auf große Erfolge verweisen. In kürzester Zeit ist es gelungen, einen hohen Bekanntheitsgrad zu erlangen und die Publikation zu etablieren. Dem Verlag zufolge ist die als Zwischenziel angepeilte Abonnentenzahl längst erreicht. Jedes Heft der Zeitschrift wird in einer Auflage von 3.500 Exemplaren gedruckt und verbreitet. Erstaunlich ist dieser Erfolg keineswegs, wenn auch sein Ausmaß weit über die ersten Erwartungen hinausgeht. Ziel der Gründung war und ist es, eine publizistische Lücke zu schließen. Nach drei Jahrzehnten wurde die Zeitschrift Criticón ihrer einst so bedeutenden Rolle für die intellektuelle Rechte in Deutschland immer weniger gerecht, so daß ein regelrechtes Vakuum entstand. So versteht sich die Sezession explizit als Nachfolgeprojekt des alten Criticón mit dezidiert konservativer bzw. rechter Ausrichtung. In jeder zweiten Ausgabe behandelt die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift, für deren Inhalt Götz Kubitschek verantwortlich zeichnet, ein Thema grundlegend und umfassend. Dazwischen liegt jeweils ein offenes Heft, in dem Fragen aus verschiedenen Gebieten einer Klärung zugeführt werden. Die Zeitschrift zielt dabei nicht auf unmittelbar tagespolitische Wirksamkeit ab, sondern verfolgt ein metapolitisches Interesse. Sie will auf grundsätzliche Fragen grundsätzliche Antworten geben. Diese werden nicht im Stil eines Angebotes vorgetragen, sondern kategorisch im Sinne einer bewußten Wertesetzung. Daß sie diesem hohen Anspruch gerecht wird, zeigen die beiden letzten Themenhefte der Sezession zu den Begriffen „Rechts“ und „Links“ (Heft 3/Oktober 2003 sowie Heft 5/April 2004). In der Zusammenschau bieten diese Ausgaben einen Einblick in die Diskussion der Sommerakademie des IfS im September 2003 und der Winterakademie im März 2004 in Eisenach. Im Zentrum stand dabei die Frage, inwiefern die Unterscheidung von rechten und linken Positionen heute noch an Relevanz besitzt, wird doch immer häufiger die These vertreten, es sei notwendig, von diesem klassischen Unterscheidungsraster Abschied zu nehmen. So erkennt auch der einst als Vordenker einer „Neuen Rechten“ bekannt gewordene französische Philosoph Alain de Benoist die zentrale politische Frontstellung der Gegenwart nicht mehr in der Rechts-Links-Dichotomie, sondern im Gegeneinander kommunitaristischer und globalistischer Orientierungen. Eine sicherlich treffende Beschreibung der heutigen Situation. Ob es deshalb allerdings angebracht ist, die klassischen Kategorien für gänzlich obsolet zu erklären, kann – der Realität und Notwendigkeit von Synthesen zum Trotz – mit guten Gründen bestritten werden. Für den Historiker Karlheinz Weißmann, der die zentralen Grundlagenbeiträge der beiden Zeitschriftenausgaben zur Klärung der Begriffe „Rechts“ und „Links“ verfaßt hat, bestehen wesentliche Unterschiede fort, die diese Differenzierung nach wie vor sinnvoll erscheinen lassen. Diese seien so fundamental, daß es falsch wäre, auf sie zu verzichten. Den Kern der Differenz zwischen dem rechten und dem linken Prinzip macht er im Menschenbild und Gerechtigkeitsverständnis aus. Für eine rechte Grundhaltung seien vor allem ein skeptisches Menschenbild, das den problematischen Charakter des Menschen anerkenne und deshalb den Wert von Erziehung betone, sowie ein an Leistung und Verdiensten orientierter Gerechtigkeitsbegriff („jedem das Seine“) kennzeichnend, für eine linke hingegen die optimistische Annahme, der Mensch sei von Natur aus gut und habe das Potential, zum „neuen Menschen“ zu werden, sowie ein Verständnis von Gerechtigkeit als Gleichheit in den Ergebnissen („jedem das Gleiche“). Weitere Differenzen sieht er in der Vergangenheits- gegenüber der Zukunftsorientierung, der Theorieskepsis gegenüber der Theorielust sowie der Affinität zum Mythos gegenüber dem Utopischen. Hierhin gehört auch die Betonung des konstitutiven Charakters von Kultur im Gegensatz zur Vorstellung ihrer quasi beliebigen Verfügbarkeit. Durch eine Reihe anderer Autoren wird der enorme Facettenreichtum rechter Positionen verdeutlicht. Von Till Kinzels Autorenporträt des kolumbianischen Geistesaristokraten Nicolás Gómez Dávila zur Illustration der Position des Reaktionärs, über einen Beitrag des britischen Philosophieprofessors Roger Scruton zur Aktualität des Urkonservativen Edmund Burke und einen brillanten Aufsatz zu den Ursprüngen des Faschismus von Eberhard Straub wird im Themenheft „Rechts“ der Bogen bis hin zum Thema des Populismus gespannt, dessen Geschichte und Perspektiven der Politologe Martin Hoschützky analysiert, und die ganze Bandbreite des Spektrums exemplarisch ausgeleuchtet. Das Themenheft „Links“, das unter anderem mit einem Beitrag von Eberhard Straub über den französischen Frühsozialisten Pierre-Joseph Proudhon aufwartet, ist mindestens ebenso informativ. So trägt der unlängst wegen eines in der Zeitschrift Deutschland Archiv veröffentlichten Aufsatzes in die Schlagzeilen gekommene Politikprofessor Konrad Löw (JF berichtete) seine ebenso überzeugende wie berechtigte Kritik der nach wie vor verbreiteten unkritischen Marxverehrung vor, erliegt jedoch ausgangs der Versuchung einer stark vereinfachenden und allzu polemischen Psychologisierung der Marxschen Gesellschaftsanalyse. Interessante Einblicke in die Entwicklung der 68er-Bewegung und der RAF gewährt Bernd Rabehl, einstiger Freund und Weggefährte Rudi Dutschkes, in seinem Beitrag über die Rolle der Gewalt innerhalb der Neuen Linken. Abgerundet wird die Ausgabe durch einen Aufsatz von Winfried Knörzer, der sich mit der Kulturkritik Adornos befaßt, wobei er die verheerendste Wirkung der Frankfurter Schule in der Primitivisierung des wissenschaftlich gebildeten Diskurses erkennt, eine kritische Auseinandersetzung des JF-Autors Michael Wiesberg mit der neomarxistischen Bibel der Antiglobalisierungsbewegung „Empire. Die neue Weltordnung“ (Hardt/Negri, Frankfurt 2003) sowie eine äußerst aufschlußreiche Analyse des Antifaschismus in seiner Entwicklung vom linksradikalen Kampfbegriff zum mittlerweile staatstragenden Axiom von Thomas Drescher. Die inhaltlichen Planungen der Sezession für dieses Jahr sind bereits weitgehend abgeschlossen. So wird sich Heft 7 (Oktober 2004), das nächste Themenheft, mit dem Thema Religion befassen. Für Heft 6 (Juli 2004) ist ein Schwerpunkt auf den 60. Jahrestag des 20. Juli 1944 vorgesehen. Daneben sind Grundlagenartikel zur „Infantilen Gesellschaft“, zur „Demographischen Frage“, zum „Fall Löw“ und zu „Terrorismus und Krieg“ sowie ein Autorenporträt über Edgar Julius Jung geplant. Die „Sezession“ erscheint vierteljährlich und umfaßt 64 bis 72 Seiten. Der Preis für das Einzelheft beträgt 8 Euro zzgl. Versandkosten. Das Jahresabonnement kostet 30 Euro, ermäßigt (Wehrpflichtige, Schüler, Studenten usf.) 20 Euro, inklusive Versand. Kontakt: Rittergut Schnellroda, 06268 Albersroda.

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