Joachim Kuhs

 

Streitbarer Armeeführer

Der Rezensent hat 1961 gern den ersten Großen Zapfenstreich kommandiert, mit dem Feldmarschall Erich von Manstein, neben Rommel der bekannteste deutsche Heerführer des Zweiten Weltkrieges, geehrt wurde. Der Verfasser des anzuzeigenden Buches hätte dieser Ehrung nicht zugestimmt. Sein Manstein-Buch ist nicht als eine alle Lebensabschnitte umfassende Biographie, sondern als Porträt angelegt; vor allem vom Leben Mansteins bis 1935 bringt seine Studie kaum mehr als eine Skizze. Man kann das bedauern, denn der Verfasser, in Deutschland geborener Israeli, schreibt fesselnd, ist ein bewundernswerter Kenner der deutschen Militärgeschichte und ist bereits durch wertvolle Studien über den Feldmarschall Walter Model und über die österreichischen Offiziere, die als Generale 1938-1945 in der Wehrmacht dienten, hervorgetreten. Durch den Verzicht auf eine jedes Detail berichtende Biographie gewinnt der Verfasser den Raum, bei den wichtigsten Ereignissen im Leben des Feldmarschalls in die Tiefe zu gehen. Das belegen weit über tausend Fußnoten, die zudem die intensive Archivforschung des Verfassers bezeugen. Das Kapitel „Manstein und der Kommissarbefehl“ umfaßt 35, „Manstein und der 20. Juli“ vierzig Seiten. Das längste Kapitel stellt das Morden der Einsatzgruppe D im Bereich von Mansteins 11. Armee auf der Krim dar – dem der Feldmarschall nicht entgegentrat. Um so bemerkenswerter und unvoreingenommener ist das Urteil des Verfassers: Manstein war weder Nationalsozialist noch Antisemit – er hat jedoch bei mancher Gelegenheit und vor allem auf der Krim menschlich und charakterlich versagt. So zeichnet der Verfasser Manstein als Januskopf, als Menschen, der wie jener römische Gott ein doppeltes Gesicht trug, oder ebenso treffend: Er gleicht dem im Buch abgebildeten Grabstein Chruschtschows. Der Grabstein ist aus zwei ineinander verschränkten Hälften gestaltet. Die Hälfte aus schwarzem Stein schildert Chruschtschow als einen der Vollstrecker stalinistischen Terrors, die andere, aus weißem Stein bestehende Hälfte bezeugt die unter Chruschtschow beginnende Entstalinisierung und Liberalisierung. Bei Manstein steht auf der hellen Seite der preußische Edelmann, steht der beim Generalobersten und Chef des Generalstabes Beck gegen die Entlassung der jüdischen Offiziere aus der Wehrmacht protestierende und so seine Laufbahn riskierende „kleine“ Oberst, steht der geniale Heerführer, der auch vor Hitler nicht kuschende General, der zu Unrecht wegen Anwendung des Kommissarbefehls verurteilte und der russischen Bevölkerung helfende Heerführer – auf der anderen Seite stehen bedeutende charakterliche Schwächen vor allem 1941/42 auf der Krim, die der Verfasser überzeugend belegt. Der Rezensent kann nicht allen Urteilen des Verfassers folgen. Das betrifft vor allem Mansteins Versagen beim Versuch, die Stalingrader 6. Armee entgegen Hitlers Befehl durch „Führen unter der Hand“ (Manstein) zum Ausbruch zu veranlassen. Doch stets legt der Verfasser dem Leser die Urteilsgrundlagen vollständig vor, hier den entscheidenden Befehl Mansteins vom 19. Dezember 1942, der mit Hitlers Haltbefehl wohl nicht zu vereinbaren war. So kann der Leser selbst urteilen, ob er dem Verfasser folgen sollte. Insgesamt eine wichtige, verdienstvolle und mit immenser Kenntnis geschriebene Studie. Foto: General Ullrich de Maiziere (r.) gratuliert v. Manstein 1967 zu dessen 80. Geburtstag: Der Januskopf Marcel Stein: Der Januskopf. Feldmarschall von Manstein – Eine Neubewertung. Biblio-Verlag, Bissendorf 2004, 504 Seiten, gebunden, 36 Euro Dr. Franz Uhle-Wettler , Generalleutnant a.D., veröffentlichte 2004 das Buch „Kreta und Arnheim. Die größten Luftlandeoperationen des Zweiten Weltkriegs“ im Leopold Stocker Verlag.

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