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Staatsverbrechen

Im letzten Jahrpräsentierte die zentrale Gedenkstätte Deutsche Teilung am ehemaligen deutsch-deutschen Grenzpunkt in Marienborn eine Ausstellung über das Schicksal des am 30. April 1976 unmittelbar an der Demarkationslinie von einem Spezialkommando des Ministeriums für Staatssicherheit ermordeten Michael Gartenschläger. Die eindrucksvolle Darstellung, die unter dem Untertitel „Leben und Sterben zwischen Deutschland und Deutschland – Ein Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte“ gezeigt wurde, stieß beim Publikum auf großes Interesse. Jetzt kann die Ausstellung in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen besichtigt werden. Michael Gartenschläger steht stellvertretend für zahlreiche Jugendliche in der DDR, die sich ihre Lebensweise und Freizeitgestaltung nicht vom Staat vorschreiben lassen wollten. Aus einem zunächst kaum politischen, sondern vielmehr kulturellen Interesse – die Begeisterung für einen westlichen Pop-Star – wurden der Strausberger und seine Freunde in die Rolle von „Außenseitern“ gedrängt und kriminalisiert. Der Protest gegen den Bau der Berliner Mauer – in der Heimatstadt Gartenschlägers und der näheren Umgebung werden Parolen wie „Macht das Tor auf“ an Häusereingänge gemalt und als besonderes „Fanal“ eine leerstehende Feldscheune in Brand gesetzt – verschafft dem Staat die Möglichkeit, die Täter in einem zur Abschreckung potentieller Nachahmer gedachten Prozeß wegen „konterrevolutionärer Staatsverbrechen“ zu lebenslanger Haft zu verurteilen. Der zu diesem Zeitpunkt erst 17jährige Gartenschläger – den die SED-hörige Presse nach seiner Verurteilung im September 1961 als „Brandts Natterngezücht“ verunglimpft – wird zehn Jahre später nach drei gescheiterten Fluchtversuchen freigekauft und kann in die Bundesrepublik ausreisen. In seiner neuen Heimat verhilft er anschließend nicht nur zahlreichen Mitteldeutschen zur Flucht, sondern erringt einen hohen Bekanntheitsgrad, indem er zwei Selbstschußanlagen, mit denen die DDR die Flucht weiterer Bürger verhindern will, unmittelbar im Grenzbereich abbaut und damit auch ungläubigen westlichen Journalisten und Politikern den unverändert verbrecherischen Charakter des inzwischen mittels „Wandel durch Annäherung“ hofierten kommunistischen Regimes vor Augen führt. Beim dritten Versuch, im Grenzbereich eine Splittermine zu entfernen, gerät Gartenschläger in einen vom MfS bereits Tage zuvor erstellten Hinterhalt und wird mit 129 Schuß Dauerfeuer ermordet. Zur Eröffnung der Ausstellung in Hohenschönhausen am 11. August hob der Leiter der Gedenkstätte, Hubertus Knabe, in seiner Ansprache nicht nur die historischen Fakten hervor, sondern verwies zugleich auf die zahlreichen Bezüge der Präsentation zur aktuellen Situation von Opfern und Tätern. Hätten viele Verfolgte der kommunistischen Diktatur vor 1989 große Hoffnungen auf die Einführung rechtsstaatlicher Prinzipien gesetzt, so drohe ihnen dieser Rechtsstaat heute durch zahlreiche Urteile wie gegen die Verantwortlichen des Mordes an Gartenschläger „verleidet“ zu werden: Der Ende der neunziger Jahre eingeleitete Prozeß wegen Verdacht des Totschlages in mittelbarer Täterschaft endete für die Angeklagten mit Freisprüchen, da sie sich erfolgreich darauf berufen konnten, „nicht die geistigen Väter des Planes gewesen zu sein“ bzw. lediglich „nach Vorgaben auf ministerieller Ebene“ gehandelt zu haben. Um so mehr sei die heutige Gesellschaft darin gefordert, den Eindruck zu vermeiden, daß der Widerstand gegen die kommunistische Diktatur in Mitteldeutschland hinter demjenigen im Nationalsozialismus zweitrangig sei: „Michael Gartenschläger gehört genauso in die Schulbücher unserer Kinder wie die Geschwister Scholl“, so Knabe. Die Ausstellung „Michael Gartenschläger – Leben und Sterben zwischen Deutschland und Deutschland – Ein Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte“ ist bis zum 5. November in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Genslerstr. 66, 13055 Berlin. Tel. 030/98608230. Eine DVD zum Thema der Ausstellung wird gerade vorbereitet und soll im Frühjahr 2005 erscheinen.

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