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Jeder Winkel eine geballte Ladung Kulturgeschichte

Das Biblische Haus auf der Neißstraße in der historischen Altstadt von Görlitz zählt zu den bedeutendsten Objekten der an Denkmalen ohnehin nicht armen niederschlesischen Stadt. Einzigartig, rätselhaft und doch eingebettet in den Kontext des spätmittelalterlichen Bürgersinns dieser einst blühenden Handelsstadt, gehört es heute zu den bedeutenden Bürgerhäusern der Renaissance in Deutschland. Nach mehrjähriger Sanierung ist das prächtige Gebäude jetzt wieder für die Öffentlichkeit geöffnet. Weithin bekannt ist es vor allem wegen seiner reichen Fassadengliederung zur Straßenseite, die über drei Jahrhunderte erhalten blieb. Die einst farbigen Sandsteinreliefs zeigen Szenen aus dem Alten und Neuen Testament. Sie wurden 1570 im Auftrag des Waidhändlers Hans Heinze geschaffen und gaben dem Gebäude seinen Namen. Die Reliefs sollten wohl die Vorübereilenden auffordern zum Innehalten und waren gleichzeitig eine Visitenkarte dessen, der in diesem Haus lebte und arbeitete. „Die Konzeption und Gediegenheit seiner Bildwerke läßt das Biblische Haus zu einer Kostbarkeit mit europäischer Bedeutung werden“, heißt es in der im vergangenen Jahr erschienenen Görlitzer Bilderbibel. Als Denkmal bedeutend ist das Haus aber auch aus anderen Gründen. Es ist das Görlitzer Hallenhaus mit der wohl schönsten, malerischsten und romantischsten Haushalle mit ihren Treppenläufen und Galerien. Von einem „herausragenden Unikat“ schwärmt Bauhistoriker Frank-Ernest Nitzsche, der hier bereits Anfang der 1990er Jahre baugeschichtliche Untersuchungen vorgenommen hat. „Enorme Schätze“ steckten im Inneren des Hauses: „Jeder Winkel ist eine geballte Ladung Kulturgeschichte.“ Die Entstehung des Hauses geht in das 16. Jahrhundert zurück, eine Zeit, als Görlitz internationaler Marktplatz und Stadt der Tuchweber war. Nach italienischem Vorbild und in der Tradition schlesischer Hallenhäuser erbaut, stellt es einen speziellen Bautypus dar, in dem textile Produktion und Handel ihren kulturellen Ausdruck fanden. Die Kernsubstanz des Gebäudes ist aber wie bei vielen Görlitzer Gebäuden wesentlich älter. Sie stammt aus der Spätromanik oder der Frühgotik. „Die Biographie des Gebäudes wurde von den alten Bauherren einfach weitergeschrieben“, sagt Nitzsche.
Dieses Anliegen hat sich auch die Stiftung Wüstenrot Ludwigsdorf auf die Fahne geschrieben, die 1999 gemeinsam mit der Stadt Görlitz eine Bauherrengemeinschaft bildete, um das äußerst sanierungsbedürftige Biblische Haus vor dem Verfall zu retten. Als ihr damals das Haus gezeigt wurde, habe sie sofort Stiftungs-Geschäftsführer Georg Adlberg animiert, in das Projekt einzusteigen, erinnert sich Sabine Schmidt-Rösel: „Das ist ein Riesending, aber es lohnt sich.“ Heute spricht die seit 15 Jahren für die Stiftung tätige Architektin von einer „schönen Aufgabe“, bei der man oft „mit heißer Nadel gesessen und gestrickt“ habe. Schließlich enthüllte das Gebäude während der Bauarbeiten immer wieder neue, überraschende Details. „Wir wußten ja nicht, was uns erwartet, mußten immer wieder nach neuen Befunden umplanen“, sagt Nitzsche. Zur Seite stand den Architekten dabei ein wissenschaftlicher Beirat, der eine denkmalpflegerische Konzeption erarbeitete – die Grundlage für alle Planungen und baulichen Maßnahmen. Die zentralen Aufgaben konzentrierten sich auf die statisch-konstruktive Sicherung des Gebäudes, die Restaurierung der Straßenfassade mit den Bildreliefs und die Wiederherstellung der Hoffassade sowie auf die „Revitalisierung“ der baulichen Substanz des Hauses im Inneren, insbesondere auf die Rückgewinnung der historischen Fassung des im Obergeschoß liegenden bedeutenden Renaissancesaales. Dabei konnten über neuentwickelte Lasertechniken ursprüngliche Farbbefunde an der Renaissance-Holzbalkendecke gesichert werden. Oberstes Ziel sei es gewesen, ein Maximum der originalen Architektur des Hauses auch unter Berücksichtigung der Spuren der langen Bau- und Nutzungsgeschichte zu erhalten und das Baudenkmal insgesamt wieder behutsam „funktionstüchtig“ zu machen, sagt Schmidt-Rösel. Zahlreiche seiner Geheimnisse hat das Biblische Haus im Zuge der Sanierung preisgegeben, aber längst nicht alle. So wurde bewußt darauf verzichtet, zahlreiche noch vorhandene Holzbalkendecken freizulegen, um die später eingebauten Stuckdecken nicht zu zerstören. Insgesamt hätte das Haus eine Dimension, die nur mit Experten zu bewältigen war, sagt Nitzsche. Deswegen sei er froh, daß sich in den vergangenen vier Jahren die Zusammenarbeit von Stadt Görlitz und Wüstenrotstiftung so wunderbar ergänzt haben. Auch Sachsens Innenminister Horst Rasch (CDU) würdigte bei der Übergabe des Hauses am 8. September die Sanierung „als gelungenes Beispiel“ einer Partnerschaft von öffentlicher Hand und Spendern wie der beteiligten Wüstenrotstiftung. Letztere trug 1,2 Millionen Euro zur Finanzierung des insgesamt 3,15 Millionen Euro teuren Vorhabens bei. Künftig wird das Biblische Haus öffentlich zugänglich sein.
Die Untere Denkmalschutzbehörde der Stadt sowie die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften werden hier ihr Domizil finden. Der Renaissancesaal im ersten Obergeschoß und ein Ein-Stützen-Saal von hohem denkmalpflegerischem Wert können für Veranstaltungen bzw. Ausstellungen genutzt werden. Foto: Sandsteinrelief über dem EIngang zum Biblischen Haus: „Das ist ein Riesending, aber es lohnt sich“

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