Schandfleck Schandmauer

In der U-Bahnstation weist wenigstens die Beschilderung auf ein „Mauermuseum“ hin, einmal ans Licht gekommen, bleibt der willige Besucher allein auf seinen Orientierungssinn verwiesen. Über die aufgerissene Bernauer Straße oder gleich auf dem überwachsenen Stück Grenzstreifen nähert er sich der Kapelle der Versöhnung von leichter Anhöhe herab, vorbei an „Asia-Snack“, „Connys Container“, Müllhalde und vergammelndem Aldi-Einkaufswagen, und selbstverständlich darf auch hier ein Plakat der unaufhörlichsten Offtheater-Produktion, die Berlin zu bieten hat, „Ich bin’s nicht, Adolf Hitler ist es gewesen“, nicht fehlen. Die alte Versöhnungskirche, die auf dem Todesstreifen stand, wurde 1985 von den Grenztruppen der DDR gesprengt, um freies Schußfeld zu bekommen. Auf ihren Fundamenten steht heute die Kapelle der Versöhnung, ein moderner Stampflehmbau. Das architektonische Ensemble überzeugt, weil es die Zeiten zusammenbringt, die dem Ort ihre Male einprägten. Eine an dem Metallzaun angebrachte Dorfwandzeitung, die Geschichte und Gegenwart des Ortes dokumentieren will, ist peinliches Provisorium. Blitzsauber und funktional wirkt das zu einem „Dokumentationszentrum Berliner Mauer“ umgebaute Gemeindehaus der Versöhnungsgemeinde auf der anderen Straßenseite. Die Präsentation „Berlin, 13. August 1961“ mit Film-, Hör-, Archivdokumenten, einem Modell der Grenzanlagen und gruselig ausgelegtem Stacheldraht schaut denn doch allzusehr nach vereinsüblicher Hobby- und Lobbyarbeit aus. Was das Gedenken an die Berliner Mauer betrifft, ist es aber mit dem Üblichen nicht getan. Die Berliner Mauer gibt es nicht mehr. Ihre Reste stehen, bemalt und unbemalt, in Berlin und in aller Welt. In den Souvenirläden gibt es Mauerstücke für gutgläubige Touristen, die Preise nach Größe gestaffelt. Am Reichstagsufer gibt es weiße Mahnkreuze zur Kranzablage, am Bahnhof Friedrichstraße den „Tränenpalast“, an der Mühlenstraße die „Eastside Gallery“. Es gibt ein Mahnmal für Peter Fechter, der 1962 an der Mauer verblutet ist, und es wird ab dem 4. November eine Tafel an den Unteroffizier Egon Schultz erinnern, den 1964 während eines Schußwechsels mit Fluchthelfern die Kugel des Genossen getroffen hat. Es gibt das 1963 von Rainer Hildebrandt gegründete Museum am „Checkpoint Charlie“, und es gibt das Gedenkstätten-Ensemble an der Bernauer Straße. Allerlei kleine Konzepte und peinliche Provisorien Es gibt Bürger und Gemeindemitglieder, Vereine und Initiativen, Fachleute und Laien, Opfer – und auch Täter! -, welche die Erinnerung an den 13. August unermüdlich wachhalten, es gibt freiwillige Helfer mit Schubkarre und Spaten. Wäre in dieser einzigartigen Angelegenheit Lea Rosh initiativ geworden, dann stünde die Berliner Mauer wohl längst komplett rekonstruiert, originaler denn je zuvor, aber Deutschlands größte lebende Betroffenheitsdarstellerin verwendet ihre Zeit eben ausschließlich für den Aufbau des umstrittenen Holocaust-Mahnmals. Kränze von Bundeskanzler und Regierendem Bürgermeister gibt es pünktlich. Es gibt viele kleine Konzepte. Aber ein Gesamtkonzept, wie die deutsche Hauptstadt mit diesem zentralen Datum der deutschen Geschichte umgehen könnte, das gibt es bisher nicht. Der Teil der Grenzanlage, der in der Bernauer Straße wieder steht, verfremdet und künstlerisch überformt, die eigentliche Gedenkstätte, ist nicht zu betreten und total nur von der Aussichtsplattform des Hauses zu überblicken. Von dort oben geht der Blick weit über das ganze Areal, das – von dem erhaltenen Wachturm am Invalidenfriedhof bis hin zum Mauerpark an der Eberswalder Straße – ein Gesamtkonzept für eine würdige Nationale Gedenk- und Forschungsstätte „Berliner Mauer“ einzubegreifen hätte. Soll diese bis zum 50. Jahrestag des Mauerbaus Gestalt annehmen, dann wäre die schmerzhafte Auseinandersetzung um seine Geschichte und Vorgeschichte und um die Vorgeschichte der Vorgeschichte neu aufzunehmen. Die letzten Urteile in den sogenannten Politbüroprozessen sind gefallen und deutsche Politiker erstmals nicht nur für ihre Tätigkeit, sondern auch für ihre Untätigkeit zur Verantwortung gezogen – ein Rechtsverständnis, hinter das die deutsche Justiz nicht mehr zurückfallen sollte! Nun könnte endlich anfangen, was im Rückblick einmal den Namen Aufarbeitung auch verdiente. Wessen sollte der Besucher gedenken, wenn er der „Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft“ gedenken soll: des Grenzers, der seinen Postengang zur „Republikflucht“ nutzen wollte, oder des Postenführers, dem der Kamerad eine Ladung Blei in den Rücken jagte, um mitsamt seiner Kalaschnikow Mauer und Stacheldraht den Rücken zu kehren? Sind Täter keine Opfer und Opfer keine Täter? „Wie soll der Horatier genannt werden der Nachwelt?“ fragte Heiner Müller 1968. Und wessen sollte der Besucher eingedenk sein? Ist der „antifaschistische Schutzwall“ dem antimexikanischen der USA oder dem antipalästinensischen des Staates Israel gleichzusetzen? Diese sollen die Unerwünschten draußen, jener sollte die eigene Bevölkerung bei der Fahnenstange halten. Fluchthilfe und Schleusen immerhin war von jeher ein lohnendes Geschäft. Ist das Modell des Benthamschen „Panopticon“ – Architektur geworden in den Zucht-Häusern der europäischen Moderne, in Schule, Kaserne, Betrieb und Anstalt, flächendeckend auf ein ganzes Staatsterritorium angewandt -, ist dieses Modell denn gebannt? Das Denken, das die Berliner Mauer hervorbrachte und Mauern überall hervorbringt, verliert von seinem Schrecken, wenn es benannt wird, heiße es Überwachen und Strafen oder Fördern und Fordern. Die ganze Wahrheit über die Berliner Mauer zu denken, sollten jene nicht fürchten, die sie geschleift haben. „Wir bauen für Sie“ auf dem Todesstreifen Entlang der Bernauer Straße in die andere Richtung gegangen, gen Osten, verstellen Zäune und schweres Gerät den Weg. „Wir bauen für Sie“ auf dem Todesstreifen. Eingangs der Swinemünder Straße fordert eine vergessene Holztafel: „Bedingungslose Rückgabe der geraubten Mauergrundstücke“. Dort, wo der Wedding auf dem Prenzlauer Berg trifft, rechterhand von „Kohlengrube“, beginnt der Mauerpark. Der gemeine Berliner picknickt, joggt oder kickt oder brutzelt in der Augustsonne vor sich hin. „Deutschland freut sich!“ plakatiert die Deutsche Post. Unversehens treten die Schuhe auf eine vergessene Gedenkplatte, in den Fußsteig eingelassen, einem Maueropfer gewidmet, die verwitterte Inschrift kaum, ein Datum gerade noch zu entziffern, der 22. August 1961. Da habe ich schon gelebt. Lesen Sie hierzu auch die Seite 20 Adressen: Dokumentationszentrum Berliner Mauer, Bernauer Straße 111, 13355 Berlin, Tel. 030 / 4 64 10 30 Mauermuseum Haus am Checkpoint Charlie, Friedrichstraße 43/45, 10989 Berlin, Infotelefon: 030 / 25 29 62 45

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