Superwahljahr

 

Prager Fassung

Die Dame ist aus Burgos wegund einem sehr leichtfertigen jungen Edelmann hinterhergelaufen. Nun steht sie da als Landstreicherin, verraten und verlassen, hin- und hergerissen zwischen Rachedurst und Mitleid mit dem Gottlosen, den himmlische oder irdische Gerechtigkeit zweifellos in Kürze zur Strecke bringen würden, je nachdem, welche schneller ist. Die Arie der Dame, ein Rondo, ist mit einer steten Achtelbewegung unterlegt, die nicht von der Stelle führen will und wenn, dann nur, um zu ihrem Anfang zurückzukehren. Doch in der Einspielung von Mozarts „Don Giovanni“ mit dem Radio-Sinfonieorchester Wien vom vorigen Jahr (BMG/Arte Nova 74321 98338 2) ist von der Achtelwanderung durch die Stimmen wenig zu hören. Der Dirigent Bertrand de Billy läßt im Allegro, statt im vorgeschriebenen Allegretto, über die Nummer hinwegwischen und musikalische Dynamik durch leere Entgegensetzungen von Schnell und Langsam, Laut und Leise ersetzen. Ohnehin ist das Seelengemälde der für die Sängerin der Wiener Aufführung von 1888, Caterina Cavalieri, eigens geschriebenen Arie mit vorhergehendem Rezitativ, welches Donna Elviras Entscheidung vorbereitet, in ein Kloster zu gehen, mit den gleichfalls nachkomponierten Nummern – der Arie Don Ottavios „Dalla sua pace“ und dem grimmigen Szenenkomplex, wo Leporello nur knapp seiner Kastration entkommt – auf eine separate CD verbannt. De Billy legt eine „gereinigte“ Fassung der Prager Uraufführung von 1887 vor, in welcher die episodische Zersplitterung des 2. Akts und die Vereinsamung aller Figuren zwar auch angelegt sind, jedoch von dem sich überschlagenden äußeren Geschehen leidlich überdeckt werden. Die Oper aller Opern, die zu komponieren nur in jenem Zeitfenster vor der Großen Revolution der Franzosen gelingen konnte, da feudale Libertinage und bürgerliche Tugend, höfisch-aristokratisches Nichtmehr und bürgerliches Nochnicht aufeinandertrafen und auch das Genie zur Stelle war, das in beiden Sphären verkehrte und in keiner heimisch war – die Oper aller Opern kommt hier als musikalischer Schwank herüber. Geht in Mozarts Dramma giacosa der Spaß dem Ernst voraus, so vertreibt de Billys musikalische Hemdsärmligkeit Ernst und Spaß aus der Partitur und ersetzt innere Spannung durch aufgeregte Geschäftigkeit, Aggressivität durch Lärmigkeit und Komik durch gutturales Kammersängergelächter. Vier Bässe (Don Giovanni: Kwangchul Youn, Leporello: Maurizio Muraro, Masetto: Reinhard Mayr, Commendatore: Reinhard Hagen) stehen dem Tenor (Don Ottavio: Jeffrey Francis) und drei Sopranen (Donna Anna: Regina Schörg, Donna Elvira: Heidi Brunner, Zerlina: Birgid Steinberger) gegenüber, so daß die Stimmen nicht ausreichend farblich kontrastieren. Selbstverständlich sind die Beteiligten keine unbeschriebenen Namen im Musikgeschäft mehr und liefern ihre Nummern und Ensembles routiniert und ohne Patzer ab, aber von dem Ensemblegeist, auf den noch jeder Dirigent seine Sänger – beim heiligen Fritz Busch und beim heiligen Bruno Walter – einzuschwören hat, soll seine Interpretation nicht zu den übrigen gelegt werden, lassen sie zu wenig spüren. Wo in jedem Moment gelebtes, ungelebtes und nicht mehr lebbares Leben zusammenschießen müßten, da sind auch stimmlich nur läppische Verwechslungsspielchen auszumachen. Wo keine Ecken sind, ist auch kein Anecken, wo aber kein Anecken ist, da ist auch Mozarts Geist nicht. Wir könnten unsere Interpretationen des „Don Giovanni“ letztlich nur auf die Partitur stützen, wird im Beiheft vollmundig versprochen. Aber einiges mehr von dem, was in der Partitur steht, hätten wir dann doch gern hören wollen.

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