Paranoia auf allen Frequenzen

Noch nie in ihrer Geschichte waren die Amerikaner so deutlich nach parteipolitischen Linien gespalten wie heute, wie das bis zuletzt offene Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen US-Präsident George W. Bush und seinem Herausforderer John F. Kerry gezeigt hat. Wie konnte es dazu kommen? In den Diskussionen um die Bush-Administration wird viel zu wenig berücksichtigt, wie fundamental sich die Vermittlung von Nachrichten in den letzten zehn Jahren verändert hat. Ihren Anfang nahm die Medienrevolution 1988 mit einer neuen landesweit ausgestrahlten Radiosendung des 37jährigen ehemaligen Diskjockeys Rush Limbaugh. Limbaughs Innovation bestand darin, seinen Hörern Politik als Sportereignis nahezubringen. In seiner Darstellung standen sich zwei Mannschaften gegenüber, die finanzkräftigen Favoriten, die immer siegreich blieben, und die kampflustigen underdogs, die den Sieg verdienten. Er hatte begriffen, daß ein großes Publikum aus hauptsächlich weißen, konservativen Mittelschichtlern seine Meinungen und seine Weltsicht in den Mainstream-Medien nicht vertreten sah. Limbaugh selbst war bis dahin nicht politisch aktiv gewesen – hatte sich nicht einmal als Wähler registrieren lassen -, aber in seinem Studio in Sacramento, der Hauptstadt von Kalifornien, wurde ihm klar, daß die politischen Ansichten der einfachen Leute sich stark von denen der Elite unterschieden, die die Medienlandschaft dominierte. Indem er die Ängste und Ressentiments dieser Gruppe bezüglich Einwanderung, Abtreibung, staatlicher Wohlfahrt und nicht zuletzt der liberalen Medien selbst für seine Zwecke ausschlachtete, schuf Limbaugh sich einen profitablen Nischenmarkt. Sein Stil war aggressiv und parteiisch. Er gab gar nicht erst vor, eine objektive, ausgewogene Berichterstattung zu leisten, sondern bleute den Zuhörern seine Ansichten ein wie ein Boxer, der dem Gegner einen Aufwärtshaken nach dem anderen versetzt. Limbaughs Talkshow wurde vielfach kopiert Seine Sendung wurde viel beim Autofahren gehört, was ihm eine perfekte Zielgruppe verschaffte: junge Männer, die unter Testosteronüberschuß litten. Sie gaben Rush in fast allem recht und wurden bald als ditto-heads bezeichnet, weil sie in ihren Anrufen selten eine eigene Meinung äußerten, sondern immer nur „Ditto“ sagten („Sehe ich genauso“). Mittlerweile wird Limbaughs Show auf über 600 Frequenzen ausgestrahlt und jede Woche von schätzungsweise 14,5 Millionen Menschen gehört. Limbaughs rechte Radio-Talkshow ist aus zwei Gründen von großer Bedeutung. Zum einen wurde sie vielfach kopiert, so daß ein riesiges Netz von ähnlichen Sendungen entstand, die für Millionen Amerikaner zur wichtigsten Informationsquelle wurden. Später übernahm auch das Fernsehen das Format. Zum zweiten setzte Limbaugh in den USA einen Trend zu parteiischer Berichterstattung in Gang, wie man sie eher aus europäischen Boulevardblättern kennt. Im Zeitalter der Mainstream-Medien, von den 1950er bis zu den 1980er Jahren, galt Objektivität als Ideal: die strikte Trennung zwischen Fakten und Meinungen und der Versuch einer unparteiischen Berichterstattung. Sowohl die drei großen öffentlichen Fernsehgesellschaften NBC, CBS und ABC als auch die wichtigen Zeitungen des Landes brüsteten sich mit ihrer parteipolitischen Unabhängigkeit. Dies änderte sich erst, als Limbaugh begann, diese Neutralität als „liberalen Elitismus“ zu denunzieren, und sich und seine Hörer damit als bedrängte Minderheit darstellte, die gegen ein mächtiges Establishment anzukämpfen hatte. Welche Wirkung Limbaughs Kreuzzug inzwischen entfaltet hat, zeigt sich, wenn man einen vernachlässigten Aspekt der Debatten um die Invasion des Irak einer genaueren Betrachtung unterzieht, nämlich der Auftrieb, den sie diesem Sendeformat verschafft hat. Der große Sieger im Kampf um Zuschauerquoten war der australische Medienmogul Rupert Murdoch, dem Fox News gehört. Das Geheimnis des Erfolges war die extrem voreingenommene Berichterstattung, mit der Fox News die Anti-Kriegs-Rhetorik der Linken konterkarierte und eine offen patriotische und kriegsbefürwortende Position bezog. Hinter diesem Konzept steckt ein Mediengenie namens Roger Ailes, der den Geistesblitz hatte, die populistische radikal-konservative Rhetorik der „einfachen Leute“ aus dem Talk-Radio zu importieren. Bei den meisten linken Kommentatoren löste die Politisierung der Nachrichten auf Fox Entsetzen aus. Während das Fox-Motto verspricht: „We report, you decide“, schien die Devise in Wirklichkeit zu lauten: „Wir berichten, wir entscheiden“. Die Kritiker übersahen allerdings, daß in den amerikanischen Medien – anders als in Europa – Experten keinerlei Respekt gezollt wird, zumal diese in ihrer nahezu einstimmigen Ablehnung der Irak-Politik der Bush-Administration scheinheilig und selbstgerecht auftraten. Jeder stinknormale amerikanische Durchschnittsbürger hält es für sein gottgegebenes Recht, seine Meinung zu so gut wie jedem Thema zu äußern, ob sie sich nun auf Fakten stützt oder nicht, und erwartet, daß „sein“ Fernseh- oder Radiosender diese Meinung nicht nur teilt, sondern ihm obendrein Gelegenheit gibt, sie ab und zu im Äther zum besten zu geben. Würde Alexis de Tocqueville heutzutage die amerikanische Demokratie studieren, hätte er zweifellos dem Phänomen des Talk-Radio und dem neuen aggressiven Stil von Fox News ein Kapitel gewidmet. Für die Vorstellung, der Irak sei von den USA „befreit“ worden, hatten sowohl die europäischen wie die amerikanischen Kriegsgegner nichts als Verachtung übrig. Aus ihrer Sicht war der Krieg ein Paradebeispiel neo-imperialistischer Aggression. Dem Präsidenten wurden alle möglichen Motive unterstellt: familiäre Rache an Saddam, Sicherung der irakischen Erdölvorräte, Aufbau einer semi-permanenten militärischen Präsenz im Mittleren Osten. Ihr Problem bestand darin, zu erklären, warum die Amerikaner sich so hereinlegen ließen, daß sie diesen offensichtlich unmoralischen Krieg unterstützten. Die einfachste Antwort auf diese Frage lautete, die amerikanischen Medien seien vom patriotischen Trommelwirbel der Regierung mitgerissen worden und unfähig gewesen, die Kriegsvorbereitungen kritisch zu analysieren. Schlimmer noch, sie dienten sich dem Präsidenten als Cheerleader an! Diese Interpretation entsprang allerdings einem Verschwörungswahn, der sich nicht wesentlich von jenem unterschied, den Liberale immer den Konservativen vorgeworfen hatten. Dank Internet und Nachrichtensendungen rund um die Uhr hatten die Amerikaner in Wirklichkeit mehr Zugang zu Informationsquellen als je zuvor. Zum anderen berichteten auch große Zeitungen wie die New York Times oder die Los Angeles Times sowie viele Kommentatoren der „Jim Lehrer Newshour“ im öffentlichen Fernsehen sehr kritisch über den Krieg. Die drei „Großen“ – ABC, NBC und CBS – gaben sich alle Mühe, „objektiv“ zu sein und beide Seiten zu Wort kommen zu lassen. Ein Reporter der konservativen Zeitschrift National Review behauptete, fast alle Kriegsberichterstatter, die er im Irak traf, hätten keinen Hehl aus ihrer „Geringschätzung der Kriegsziele“ gemacht. Auch wenn man diese Angabe nicht für bare Münze nehmen sollte, stimmt es wohl, daß viele Journalisten die Motive der Bush-Administration mit Skepsis betrachteten. Jedoch verloren die liberalen Medien ihr Publikum an die Kriegsbefürworter bei Fox oder dessen Print-Äquivalent, der Washington Times. „Objektivität“ galt als langweilig, realitätsfern und elitär. Die ungeheure Massenwirkung von Talk-Radio und Fox TV ist den Linken nicht entgangen. Im vergangenen Jahr hoben die beiden Medienkonzerne Democracy Radio und Progress Radio gemeinsam Air America Radio aus der Taufe, ein liberales Pendant zu Limbaugh und Fox News. Als Moderatoren warben sie Prominente wie den Komiker Al Franken an. Eine immer größere Zahl von Afro-Amerikanern hört „urban radio“, eine Art Talk-Radio für desillusionierte Schwarze. Im Fernsehen erfreut sich Jon Stewarts Nachrichten-Satire „The Daily Show“ ungemeiner Beliebtheit, die der Bush-Regierung offene Feindseligkeit entgegenbringt. Für 40 Prozent der 18- bis 24jährigen stellt sie die wichtigste tagespolitische Informationsquelle dar. Der Riesenerfolg von Michael Moores neuem Film „Fahrenheit 9/11“ zeigt ebenfalls, daß die Linke entschlossen ist, die Rechten mit deren eigenen Waffen zu schlagen. Diesen Entwicklungen zum Trotz dominiert die Rechte die Medienlandschaft. Einer Studie zufolge, die Jason Zengerle in der Zeitschrift The New Republic zitiert („The Coming Rise of Liberal Talk Radio“, 16. Februar 2004), wird auf den 45 quotenstärksten AM-Kanälen zusammen wöchentlich 310 Stunden lang konservatives Talk-Radio gesendet, während liberale Talkshows lediglich etwa fünf Stunden Sendezeit in Anspruch nehmen. Ob die Popularität von Al Franken und Michael Moore auch nach der Präsidentschaftswahl anhält, steht in den Sternen. Das Problem politisierter Medien ist, daß sie die Gier ihres Publikum nach immer weiter eskalierender Rhetorik bedienen müssen, um ihre hohen Einschaltquoten beizubehalten. Vor fünfundzwanzig Jahren beschrieb der Politologe Richard Hofstadter den „paranoiden Stil der amerikanischen Politik“ als „Arena der Hitzköpfe“, wo „Übertreibung, Argwohn und Verschwörungsfantasien“ keinen Raum ließen für rationale Diskussion und ausgewogene Politik. Der eigene Sieg ist wichtiger als die Wahrheit Auf die heutige Zeit trifft seine Analyse erst recht zu: Linke wie Rechte sind sich darin einig, daß der eigene Sieg wichtiger ist als die Wahrheit. Der linken Verschwörungstheorie zufolge haben große Konzerne, reiche Spender und ein riesiges Netzwerk aus rechten Radio- und Fernsehsendern die amerikanische Demokratie gekapert und eine populistische, reaktionäre Politik an ihre Stelle gesetzt. In seinem Buch „The Republican Noise Machine“ ging David Brock so weit, diesen Prozeß als „Brownshirting“, sprich als Faschisierung der amerikanischen Politik zu bezeichnen. Die rechte Verschwörungstheorie lautet, die Liberalen seien antiamerikanische Pazifisten, moralische Feiglinge und gottlose Säkularisten. Diese extremen Vorstellungen sind ursächlich für den gegenseitigen Groll und die Gehässigkeit verantwortlich, die derzeit die amerikanische Politik kennzeichnen. Dabei vertreten die Bürger im allgemeinen viel gemäßigtere Ansichten, als man aus der polarisierten Medienlandschaft schließlich könnte. Den Mainstream-Medien ist es wahrscheinlich zum Verhängnis geworden, daß sie die Nachrichten zu präsentieren pflegten, als bestünde ein echter Konsens über die wichtigen tagespolitischen Fragen. Die Zeiten, als der vertrauenswürdigste Mann in Amerika, Walter Cronkite, seine Nachrichtensendung auf CBS mit den autoritativen Worten beenden konnte: „And that’s the way it was“, sind längst vorbei. Nicht zuletzt durch das Internet haben heute viele verschiedene Gruppen die Möglichkeit, das Establishment anzugreifen. Die Popularität von Talk-Radio und Fox News ist bloß ein weiteres Kapitel im Wandel der amerikanischen Demokratie, die aus den Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen Elite und widerspenstiger Masse noch jedesmal gestärkt hervorgegangen ist. Fotos: Rush Limbaugh: „Wie ein Boxer, der dem Gegner einen Aufwärtshaken nach dem anderen verpaßt“, Fernsehsender Fox News: Parteiische Berichterstattung Elliot Neaman , Jahrgang 1957, ist Professor für Neuere europäische Geschichte an der University of San Francisco.

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