Pankraz, Valerie Hudson und die kahlen Äste von Asien

Andere Länder, andere Sorgen. Während im "alten Europa" die Leute überhaupt keine Kinder mehr kriegen (wollen), dringen aus Asien, speziell aus China und Indien, Alarmrufe über die dortige dramatische Geschlechter-Schieflage bei den Geburtenraten nach außen. Drastisch abgespiegelt findet sich das in einem neuen Buch zweier Bevölkerungswissenschaftlerinnen von der amerikanischen Brigham Young Universität: "Bare Branches" ("Kahle Äste") von Valerie M. Hudson und Andrea M. den Boer (MIT Press 2004).

"Asiens Männerüberschuß und seine sozialen Folgen", lautet der Untertitel, und die Zahlen, die mitgeteilt werden, sind wahrlich zum Fürchten. In China werden zur Zeit fast 25 Prozent mehr Jungen geboren als Mädchen, während sich vor zwanzig Jahren das Jungen-Mädchen-Verhältnis noch etwa die Waage hielt. In Indien stehen die Dinge kaum besser, auch hier gibt es einen ständig steigenden Jungenüberschuß.

Schuld daran ist in erster Linie eine unheilvolle Verquickung von staatlicher Bevölkerungspolitik und moderner vorgeburtlicher Diagnostik. Um seiner Übervölkerung Herr zu werden, hat China strengste Geburtenregelungen erlassen: Die "Ein-Kind-Familie" ist die Norm, und wer sich nicht daran hält, muß mit scharfen staatlichen Sanktionen rechnen. Andererseits können die Eltern schon sehr früh sehen, ob ihr Kind ein Junge oder ein Mädchen wird, und da die Abtreibung freigegeben ist und man sich, entsprechend der jahrtausendealten patriarchalischen Tradition, zuerst einen Jungen wünscht, werden vor allem Mädchen abgetrieben.

Vor dreitausend Jahren hieß es in einem berühmten chinesischen "Buch der Lieder": "Wenn dir ein Sohn geboren wird, / Laß ihn im Bett schlafen, / Hülle ihn in feinste Seide / Und gebe ihm Jade zum Spielen // Wenn dir eine Tochter geboren wird, / Lege sie auf den Fußboden, / Hülle sie in Lumpen / Und gebe ihr zerbrochenes Werkzeug zum Spielen". Heute ist die Befolgung dieser poetischen Regel gar nicht mehr nötig. In der Ein-Kind-Familie werden zur Zeit beinahe nur noch Söhne geboren.

In früheren Zeiten wurde der Männerüberschuß gleichsam auf "natürliche" Weise reguliert. In den vielen Kriegen, die der Kaiser oder regionale Kriegsherren führten, kamen die jungen Männer zu Tausenden ums Leben, und die Mädchen daheim mußten froh sein, wenn überhaupt noch einige Überlebende gesund und unversehrt nach Hause zurückfanden und den Heiratsmarkt belebten. Heute ist China eine friedliche Weltmacht, es führt keine Kriege mehr, droht höchstens noch mit ihnen, und sein Männerüberschuß wächst und wächst.

In Rußlands Fernem Osten geht schon seit langem die Angst um. Auch Rußland gehört ja zum "alten Europa", die Geburtenrate der Russen sinkt, ihr Ferner Osten ist ein faktisch menschenleeres Land, und an seinen Grenzen zu China ballt sich auf der anderen Seite eine brodelnde Masse unternehmungslustiger junger Männer, die nichts zu verlieren, doch alles zu gewinnen haben, wenn nicht gleich eine Frau, so doch viel Platz zum Balzen und Sich-wichtig-Machen und Claim-Abstecken. Wie lange halten die internationalen Konventionen und das Staatenrecht noch? Wann beginnt die (schleichende oder offene) Invasion? Wann bricht Chinas junge Männerwelt zu Landnahme und Abenteuer in den "wilden Westen" auf?

Valerie Hudson und Andrea den Boer sind sich einig: Der horrende Männerüberschuß in Asien ist ein erstrangiges Kriegspotential an vielen möglichen Fronten, auch wenn die Regierenden in den jeweiligen Ländern Krieg gar nicht wollen, ihn sogar sorgsam zu vermeiden suchen. Der innere Druck entwickle seine eigene Dynamik, führe schon jetzt dazu, daß China und Indien immer größere Armeen aufbauen, allein um den Überschuß junger Männer irgendwie zu kanalisieren und unter Kontrolle zu bringen.

Das mag tatsächlich so sein, aber stimmt denn die Grundthese von Hudson und den Boer, daß nämlich "Kahle Äste", also zwangsweise frauenlos bleibende Männer, von Natur aus aggressiv, ja hyperaggressiv seien, bis oben hin angefüllt mit dem sogenannten Bösen, gleichsam lebende Zeitbomben auf zwei Beinen? Sind denn keine Sublimierungen vorstellbar, friedliche, männerbündlerische Orden etwa nach Art der abendländischen mittelalterlichen Zisterzienser, die an der Front des Geistes und der forschenden Ausweitung kultureller Möglichkeiten tätig werden?

Die Regierungen in Asien scheinen solche Sublimierungen leider nicht ins Auge zu fassen, unternehmen statt dessen lieber zaghaft-täppische Versuche, dem dominierenden Patriarchalismus ein wenig gegenzusteuern. So habe es in China, liest Pankraz im Internet, kürzlich eine einschlägige Plakataktion gegeben. Auf der einen Plakatseite sah man eine alte Dame, die sagte: "Ich habe drei Söhne, aber keiner kümmert sich um mich", auf der anderen sah man ebenfalls eine alte Dame, und die sagte: "Ich habe nur eine Tochter, aber die hilft mir mehr als drei Söhne."

Der Erfolg der Aktion, so ist ebenfalls zu lesen, sei gleich null gewesen. Auch das Verbot vorgeburtlicher Diagnostik in einigen indischen Bundesstaaten hat nichts bewirkt, die Leute ignorierten es offenbar einfach. So bleibt es wohl dabei, daß in Asien, wie Valerie Hudson prognostiziert, demnächst, wenn nichts passiert, mindestens hundert Millionen Frauen gebraucht würden, um die "Kahlen Äste" zum Ausschlagen statt zum Umsichschlagen zu bringen.

Wie wäre es denn, der Westen leistete hier einmal wirklich Entwicklungshilfe und exportierte einige tausend seiner überzeugten Feministinnen nach China; vielleicht genügten auch einige hundert. Für die "Kahlen Äste" brächte das zwar nichts, aber der anti-machistische Furor unserer Top-Feministinnen würde die chinesischen Familien im Nu davon überzeugen, daß man keine Babys mehr kriegen darf, schon gar nicht männliche Babys.

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