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Pankraz, die Auswanderer und der Balkon-Urlaub

Längere Arbeitszeiten. Weniger Urlaub. Während der Ferien zu Hause bleiben. Als "Ich-AG" immer das Handy eingeschaltet lassen, um ja keinen eventuellen Auftrag zu verpassen. Vor Antritt einer Reise intensiv im Internet surfen, um möglichst den billigsten Flieger zu erwischen. Keine Krankmeldung mehr bei kleinen Wehwehchen. Auch die längsten Anfahrtzeiten in Kauf nehmen, wenn man dadurch einen Job halten kann. Keine geregelten Arbeitszeiten mehr verlangen, willig und mit zusammengebissenen Zähnen rund um die Uhr rabotten, wenn die Auftragslage es erfordert.

Ja, das "Freizeitverhalten" der deutschen "Arbeitnehmer" hat sich gründlich verändert. Sind sie überhaupt noch "Weltmeister im Urlaubmachen und Verreisen"? Sicher, wenn irgendwo im fernen Peru oder Neu-Guinea ein Touristenhubschrauber abstürzt und die Opfer gezählt werden, ist faktisch noch immer mindestens ein Deutscher darunter. Der dunkle Drang in die Ferne scheint ungebrochen. Aber er wird heftigst gebremst durch die Ungunst der heimatlichen Zustände. Diese haben unter der rotgrünen Bundesregierung geradezu frühkapitalistische Formen angenommen. Es heißt eisern sparen, und gespart wird zuallererst am Urlaub und an der Freizeit.

Daß diese Freizeit darüber zur knappen Ressource geworden sei, kann man indessen nicht sagen, denn andererseits gibt es Millionen von Arbeitslosen und Zwangsurlaubern im Lande, die über ganze Äonen von freier Zeit zu verfügen scheinen. Freilich ist denen die freie Zeit gewissermaßen vergiftet. Sie haben zwar Zeit, aber keine Freiheit, weil kein "verdientes" Geld. Sie müssen immer so tun, als ob sie sich nach nichts als nach Arbeit, welcher Art auch immer, sehnten, um die Staatsknete zu behalten. Der Mann vom Arbeitsamt kommt nachsehen, und wenn sie dann nicht mit Leichenbittermiene dasitzen und faktisch am Hungertuche nagen, kriegen sie Schwierigkeiten mit der Behörde.

Die Pingeligen und Tatendurstigen unter ihnen, beispielsweise die vielen hochqualifizierten Universitätsabgänger, studieren Tag für Tag im Internet die Stellenanzeigen und schreiben Bewerbungsbriefe, bewerben sich, bewerben sich, bewerben sich. Sie verreisen nur, um sich irgendwo vorzustellen, führen Einstellungsgespräche, sammeln Absagebriefe. Nur freche Zyniker würden das Abenteuerurlaub nennen. Den Tourismuszentren nützt es nicht und nicht einmal den örtlichen Wanderwegen.

Früher, während ähnlich schwerer Zeiten, konnte man wenigstens auswandern, es gab "leere" Kontinente, Amerika, Australien, Südafrika, die zu chancenreichen Existenzgründungen einluden. Davon kann heute nicht mehr die Rede sein. Deutsche Auswanderer mögen hier und da noch etwas liberalere, lässigere Arbeitsregelungen antreffen als zu Hause, generell gilt für sie faktisch überall das Gleiche: die Konkurrenz billiger und billigster Arbeitskräfte ist riesig und drückend, sämtliche Vektoren weisen nach unten, wo es nur noch um die Alternative "Schlechtbezahlte Langarbeit oder schlechtbezahlte Arbeitslosigkeit" geht.

Auswandern lohnt sich (abgesehen vielleicht von einigen wissenschaftlichen Spezialisten, die in Richtung USA entschwinden) nur noch für sogenannte Armutsflüchtlinge in der "Dritten Welt" oder in den neuen EU-Beitrittsländern. Mittel- und Westeuropäer hingegen begegnen überall nur den Problemen, die sie aus der Heimat kennen, oft sogar in monströser Verschärfung. Sie können der heimatlichen Misere nicht mehr generell entfliehen, sie müssen zu Hause bleiben und sich ihr stellen. Um so größer und verständlicher der Wunsch, der Misere wenigstens zeitweise zu entrinnen, durch eine schöne Fernreise während des Urlaubs, wo man die Seele für eine Weile baumeln lassen, sich entspannen und erholen kann.

Jedoch, genau dieser Wunsch läßt sich immer schwieriger erfüllen, weil die Freizeit entweder dramatisch eingeschränkt oder wirkungsvoll vergiftet wird. Zu den Arbeitszeit- und Arbeitsplatzproblemen treten ja weitere hinzu, die die Ferienkrise spürbar verschärfen; das reicht von den strapaziösen Einsteigekontrollen beim Fliegen bis zum Bombenalarm im Ferienhotel. In den USA werden einreisende Touristen bei den Kontrollen bereits wie potentielle Verbrecher behandelt, erkennungsdienstlich "erfaßt", auf zudringlichste Weise "befragt".

Der internationale Massentourismus insgesamt, vermutet Pankraz, hat seine besten Zeiten bereits hinter sich, obwohl nach wie vor immer neue Touristenregionen "erschlossen" werden und immer mehr Länder angeblich nur noch vom Tourismus leben. Es gibt allerorten schon viel zu viel Streß für den normalen Touristen, und zwar keinen von der anregenden, gesunden Sorte, sondern von der sinnlos aufregenden, ungesunden. Der "Balkon-Urlaub", das geruhsame Zuhause-Bleiben während des immer kürzer werdenden Jahresurlaubs, gewinnt rasant an Anhängern.

Pankraz findet die Entwicklung übrigens nicht in jeder Hinsicht beklagenswert. Zuhausebleiben macht nicht unbedingt dümmer, schon gar nicht im Zeitalter globaler Medial-Vernetzung. Wer sich, nach stundenlangem Anstehen, via Massenbetrieb durch die Sammlungen des Vatikans schleusen läßt, bekommt weniger mit als einer, der sich auf dem Balkon in ein gutes Werk über eben diese Sammlungen vertieft, von der Behaglichkeit der Balkon-Situation zu schweigen.

Vor allem aber macht Zuhausebleiben im Urlaub äußerst hellsichtig für heimatliche Zustände und Beschwerden. Urlaub zu Hause läßt einen die gewohnten Dinge um sich herum in einem ganz eigentümlichen, eigentümlich geschärften Licht erscheinen. Man sieht sie, zumindest partiell, mit den Augen des Touristen, des Fremden, durchschaut plötzlich vieles, empört sich über manches, sinnt auf Abhilfe. Balkon-Urlaub weckt unter Umständen ein revolutionäres Potential, das gebraucht werden könnte.

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