Pankraz, Andrej aus Sibirien und die Wolfskinder

Wieder einmal ist jetzt ein sogenanntes "Wolfskind" aufgegriffen worden, diesmal im Altaigebirge im wildesten Sibirien. Es ist laut russischen Presseberichten eher ein "Hundskind", nämlich ein etwa siebenjähriger Junge, der einst im Alter von zweieinhalb Monaten von seinen Eltern verbrecherischerweise ausgesetzt und danach angeblich von einem verwilderten Köter in dem verlassenen Dorf adoptiert, gesäugt und aufgezogen worden sei. "Andrej" lebe jetzt im Kinderheim, laufe oft noch auf allen Vieren, knurre und schneide Grimassen und habe noch nicht sprechen gelernt. Werde er überhaupt je sprechen können? Werde er je zu einem "richtigen Menschen" heranwachsen?

Die Literatur über historische Wolfskinder ist, entsprechend der Seltenheit der vorkommenden Fälle, die teilweise sehr lange zurückliegen, lückenhaft, unpräzise und leider auch von handfesten Lügen entstellt. Am besten dokumentiert ist wohl der Fall des "Wilden Peter", der 1724 von Bauern bei Hameln gefangen wurde und den Hannovers Kurfürst Georg Ludwig, der zugleich König von England war, mit nach London nahm und der dortigen "Royal Society" als Studienobjekt zur Verfügung stellte.

Die diversen Gelehrten, unter ihnen der berühmte Arzt und Schriftsteller John Arbuthnot, experimentierten eine Weile mit dem "Wilden Peter" herum, versuchten, ihm Englisch beizubringen, und am Ende bekam er vom König eine kleine Rente und kam als Hausrat und Faktotum bei einer schottischen Pächterfamilie unter. Er wurde ziemlich alt, lernte indes nie richtig sprechen und konnte nur einfachste Tätigkeiten verrichten. Er liebte aber über alles die Musik und die Wärme des flackernden Herdfeuers und soll sehr gutmütig und anhänglich gewesen sein.

Die meisten anderen Wolfskinder hatten weniger Glück als der "Wilde Peter", auch wenn sie keine eigentlichen Wolfskinder, sondern Leopardenkinder oder gar Affenkinder, Meerkatzenkinder waren. Sie vegetierten, nachdem man ihrer habhaft geworden war, trostlos in irgendwelchen Abstellkammern, wurden schlecht oder falsch ernährt, fast gar nicht in eine funktionierende Kommunikationsgemeinschaft aufgenommen und starben früh. Für ihre Mitmenschen blieben sie Fremde, Anlaß für heimliches Grauen oder Gegenstand bloßer wissenschaftlicher Neugier.

Von Anfang an ging bei den Wissenschaftlern die Idee um, daß man an den Wolfskindern den von jeglicher Zivilisation noch unbeleckten "guten Urmenschen" und die "unverfälschte Ursprache" studieren könne. Wissenschaftsfreundliche Monarchen wie der ägyptische Pharao Psammetich (um 600 v. Chr) oder der deutsche Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen (13. Jahrhundert n. Chr. ) ließen Wolfskinder regelrecht künstlich herstellen, um mit ihrer Hilfe endlich die Ursprache zu hören. Der Aufklärungsphilosoph Lord Monboddo machte sich 1782 eigens nach Schottland zum "Wilden Peter" auf, um aus seinem Mund die Ursprache zu vernehmen.

Aber eine Ursprache im Sinne einer kompletten Struktur, die dem Menschen von Anfang an mitgegeben ist und die sich im Laufe seines Aufwachsens einfach nur zu "entfalten" braucht, gibt es nicht. Zwar hat die genetische Linguistik (Chomsky u.a.) längst enthüllt, daß das Neugeborene über eine staunenswerte Disposition zum Begreifen, Erlernen und eigenen Bilden von Sprache verfügt, so daß es sprachliche Zusammenhänge bereits in frühester Kindheit mit voller Sicherheit "durchschaut". Aber eine mitmenschliche kommunikative Gemeinschaft ist dennoch nötig, um es zum Sprechen zu erwecken. Ohne menschliche Kommunikationsgemeinschaft kein Sprechen.

Und mehr als das: Diese Gemeinschaft muß gerade in den ersten Monaten und Jahren das Neugeborene in höchster Intensität umgeben und beeinflussen, andernfalls lernt es später das Sprechen nicht oder nie richtig, auch bei raffiniertestem Unterricht nicht. Darin liegt eben die Tragödie der Wolfskinder: Sie tragen sämtliche Anlagen zum vollen Menschsein in sich, aber während einer gewissen entscheidenden Prägezeit entbehren sie der menschlichen Gemeinschaft – und stürzen endgültig ins Tierreich ab, bleiben ein für allemal auf jenem wölfischen, leopardischen oder äffischen Wahrnehmungs- und Artikulationsniveau stehen, in das sie hineingeraten sind oder (siehe Psammetich) hineingestoßen wurden.

Alle anderslautenden Mitteilungen, so im berühmten "Dschungelbuch" Rudyard Kip-lings, wo sich im Wolfskind die unterschiedlichen tierischen und menschlichen Wahrnehmungs- und Mitteilungsmöglichkeiten auf glänzende Weise vereinigen und gegenseitig potenzieren, sind reine Märchenstunde. Es gibt kein Wolfskind oder keinen Tarzan, die mit tigergesäugter Genauigkeit in die Ferne hinauswittern und gleichzeitig den sprachgewandten Gentleman spielen oder gar zarte Gedichte und feine Essays schreiben können. Diese Utopie bleibt uns verschlossen.

Wir können, wie es zur Zeit viele fleißige und tierbegeisterte Verhaltensforscher vordemonstrieren, die "Sprache" der Tiere, ihr Gesten- und Lautarsenal, intellektuell analysieren und dadurch "erlernen", wenigstens teilweise. Aber wir können die Tiere nicht dazu bringen, ihrerseits unsere Sprache zu erlernen, wir können mit ihnen keine volle, natürliche Kommunikationsgemeinschaft herstellen. Nicht einmal mit menschlichen Wolfskindern gelingt das, wenn die entscheidende Prägephase verpaßt ist.

So kann man nur innig hoffen, daß Andrej, der sibirische Hundsjunge, die Prägephase nicht ganz versäumt hat und also doch noch, mit viel Umsicht und Liebe, glücklich aufs menschliche Sprachufer heraufgezogen werden kann. Gelingt das, so wird Andrej freilich sein Leben lang ein privilegiertes Exemplar der Gattung homo sapiens sein, ausgestattet mit unerhörten Erfahrungen und Erinnerungen.

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