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Mythos vom „Steglitzer Gymnasium“

I n manchen Büchern schlummert ein Film. Als Buch sind sie eher mäßig und finden ihre Erweckung erst durch eine – nicht einmal originalgetreue – Verfilmung. Der Zuschauer merkt’s meist nicht, er kennt nur den Film und bemerkt auch nicht, wie sonst viele Filme trotz guter Regie und hervorragender Schauspieler kläglich mißlingen, weil ihnen die eigentliche Geschichte fehlt. Der 1960 geborene Schriftsteller Arno Meyer zu Küingdorf hat seine Geschichte im Berliner Bezirk Steglitz des Jahres 1927 gefunden. Dort geschah die „Schüler-Tragödie“ mit zwei Toten, einem Vamp namens Hilde – nein, nicht Hilde Hildebrandt, die zeitgleich im „Metropol“ ihre Anzüglichkeiten sang, sondern die Gymnasiastin Hilde Scheller – und einem Sensationsprozeß, der die ganze „Lasterhaftigkeit der Jugend“ zutage bringen sollte. Der 220seitige Roman von Küingdorf ist so spannend, wie die Geschichte spannend ist. Literarisch enthält er einige Versäumnisse, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung bei seinem Erscheinen unter dem Titel „Der Selbstmörder-Club“ vor vier Jahren bereits anmerkte. Inzwischen aber sind die Primaner Paul Krantz und Günther Scheller, der Lehrling Hans und die 16jährigen Hilde und Elli unter dem viel besseren Titel „Was nützt die Liebe in Gedanken“ auf der Leinwand zu sehen, unter der Regie von Achim von Borries und besetzt mit dem Jungstar Daniel Brühl. Schon das garantiert eine gewisse Aufmerksamkeit. Der Film verdient aber mehr, obwohl es allein eine Wohltat ist, Brühl wieder in jener Rolle zu sehen, die so gut zu ihm paßt: der einer verwirrten Männlichkeit. Sein Freund Günther ist hingegen schwul und genießt das auch, bis sein Lustobjekt, der intellektuell anspruchslose, anatomisch gut ausgestattete Hans, sich von ihm abwendet. Dann drückt das verwöhnte Söhnchen ab – zweimal auf den Ungetreuen, einmal auf sich selbst. Das ist schon die ganze Geschichte. Hilde, trotz ihrer erotischen Kühnheit, war nur Mittel zum Zweck des komplett amoralischen Geschöpfes Hans Stephan. Paul dichtet und braucht deshalb nicht zu morden. So ist es im Film. Im Buch ist alles viel komplizierter, historisch wohl genauer, vor allem der Prozeß gegen den Hauptverdächtigen Paul wird reportagehaft geschildert, aber künstlerisch längst nicht so wirkungsvoll. Dafür gibt es Vorbilder. Der Roman „Vom Winde verweht“ wirkt enttäuschend, nachdem man den Film gesehen hat. Mit „Doktor Schiwago“ steht es ähnlich, obwohl der Autor Literaturpreisträger ist. Auch „Was nützt die Liebe …“ lebt von Bildern. Zwar ist die Perfektion, mit der historisches Ambiente rekonstruiert wird, heute oftmals zum Selbstzweck geworden. In diesem Film aber geht das Atmosphärische nur genau so weit, wie die Handlung es trägt. Und damit wären wir wieder bei der Story. Küingdorf unterteilt sie in drei Abschnitte: das Vorspiel, die Tat, der Prozeß. Eigentlich aber ist alles Vorspiel. Der älteste der Spieler ist neunzehn, wenn man von dem Geschäftsmann Zipser absieht, der mit seinem Auto renommiert, dem aber die Geheimnisse der Jugend längst verschlossen sind. Die These, daß junge Menschen anders erleben und sogar anders denken, ist zutiefst inhuman, denn sie negiert jede Möglichkeit des Verständnisses. Sie ist es aber, die Buch und Film trotz einzelner Abweichungen verbindet und Faszination erweckt. Sie hat auch eine untergründige Beziehung zu einer Epoche, die biologische Fakten zunehmend höher einschätzt als ideale Ansprüche. Die Schüler sind durchweg „unpolitisch“, aber mit ihrer hedonistischen und morbiden Lebenseinstellung passen sie genau in das beginnende 20. Jahrhundert hinein. Abgesehen von der Bekleidung – die uns nur im Rückblick so anmutig und poetisch erscheint – könnten sich heutige Abiturienten ohne weiteres unter die Gäste des Mahlower Gartenfests mischen. Sie hätten in etwa die gleichen Wünsche und Erwartungen ans Wochenende. Der beste Einfall des Drehbuchs gegenüber der literarischen Vorlage ist überhaupt dieses Gartenfest als Zentrum der Handlung mit seinem Davor und Danach, und der beste Zug innerhalb dieser Konstellation liegt im Übergang von der Nacht zum Morgengrauen. Dem Morgen nach einer Verzauberung kann nur mit Mord oder Selbstmord begegnet werden. Selbst dann, wenn Drogen hier noch eine geringe Rolle spielen. Die Empörung über Egoismus und Ideallosigkeit dieser Jugend tat sich schon im Verlauf der Ermittlungen in allen Zeitungen und Gesprächen kund. Nicht wenige dürften sich gefreut haben, daß wenige Jahre später der Todesverliebtheit der Jungen und der Sinnlichkeit der Mädchen mit HJ und BDM „etwas Festes entgegengesetzt“ wurde. Doch war es wirklich etwas Entgegengesetztes oder nicht eher eine schreckliche Erfüllung des Paktes, auf den man sich unter weißem Mondlicht eingelassen hatte? Die Jugend ist nicht geheuer, und das wird hoffentlich immer so bleiben. Foto: Daniel Brühl (li.) als Paul Krantz: Alle Lasterhaftigkeit der Jugend Arno Meyer zu Küingdorf: Was nützt die Liebe in Gedanken. Aufbau-Taschenbuch-Verlag, Freiburg 2004, viele Filmfotos, 221 Seiten, 7,95 Euro

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