Joachim Kuhs

 

Mit Gottes Hilfe

Die Zurückhaltung junger Paare hinsichtlich Eheschließung und Familiengründung gerät angesichts sinkender Zahlen bei den Sozialversicherungs-Beitragszahlern sowie der allgemeinen demographischen Veränderungen zunehmend in die Kritik. Funktionäre der Sozialversicherer, Politiker, Kirchenvertreter, Zeitungskommentatoren, sie alle fordern junge Menschen dazu auf, wieder dem Leitbild der traditionellen Kleinfamilie zu folgen und Nachwuchs zu zeugen. Das Schicksal des Einzelnen bleibt hinter diesen wohlmeinenden Appellen meist ausgeblendet. Hohe Scheidungsraten, Gebärscheu, Single-Boom – ist all dies nur Folge des materialistischen Kapitalismus, bedingt durch dessen Konsumwahn und mediales Blendwerk? Oder verbirgt sich hinter den vordergründigen Phänomenen womöglich ein tiefergehender gesellschaftlicher Wandels? Hier setzt Alessandro D’Alatris Film ein, der im Italien der Gegenwart, einem katholischen Land mit sehr schwacher Geburtenrate, spielt. „Casomai – Trauen wir uns?!“ versucht das Problem zu benennen, bevorzugt hinsichtlich einer Lösung allerdings die Rückkehr zum traditionellen Lebensweg: Die jungen Italiener Tommaso und Stefania haben sich bei der Arbeit kennen und lieben gelernt. Nach einiger Zeit beschließen sie zu heiraten. Sie suchen sich als Trauort eine kleine romantische Kirche auf dem Land. Doch während der Trauzeremonie geschieht Ungewöhnliches. Der Priester Don Livio, eine Art moderner Don Camillo, hält eine Ansprache an die Hochzeitsgesellschaft, welche anfangs verwirrt, dann verärgert, schließlich nachdenklich reagiert. Don Livio gibt zu bedenken, daß die Chancen für eine glückliche Ehe prozentual sehr gering einzuschätzen seien, und er entwirft ein Bild der Freudlosigkeit und des Scheiterns. Don Livios Erzählung, die das eigentliche Geschehen des Films bildet, wirkt einerseits schematisch, andererseits reich an Erfahrung. Geschwätz, gutgemeinte Ratschläge, Geläster – in schnellen Schnitten wird der ganze Rattenschwanz an gesellschaftlicher Beeinflussung vorgeführt. Freunde raten dies und das, bis das junge Paar nicht mehr weiß, was es eigentlich selber will. Am Anfang steht die Eifersucht auf ehemalige Partner und Geliebte des anderen. Dann kommen die Probleme mit Eltern, welche den Lebenspartner nur schwer akzeptieren. Schließlich das Baby. Fortan bleibt für kulturelles und partnerschaftliches Leben kaum noch Zeit, Gespräche verstummen im Alltag, Sexualität versiegt. Freunde ziehen sich zurück oder werden vernachlässigt. Ehestreitigkeiten nehmen zu, schließlich die Versuchung des Fremdgehens. Das Finale endet in der Scheidung und haßerfüllten Verteilungskämpfen. Als Don Livio seine Schilderung beendet hat, herrscht Schweigen in der Kirche. Und der unkonventionelle Priester gibt zu bedenken, ob er es verantworten soll, Tommaso und Stefania in eine derartige Katastrophe schlittern zu lassen. Daß der Film 2002 den Preis der ökumenischen Jury in Montreal erhalten hat, läßt aufhorchen. Hat man es hier nur mit einem kirchlich orientierten, seltsam inszenierten Propagandafilm für Ehe und Familie zu tun? Manches spricht dafür: ein Film der die Hölle zeigt, sie aber als Hölle in den Köpfen zu entlarven versucht, um den Mut zu Ehe und Familie zu propagieren. Andererseits, und das entschädigt intellektuell, zeigt der Film gerade in jenen Einstellungen seine stärksten, bewegendsten Momente, wenn er das Scheitern am drastischsten darstellt. Ohne Zweifel ist „Casomai – Trauen wir uns?!“ ein Film, der kritisch mit dem Ich-Kult, dem schnellen Konsum von Gefühlen, der Geschlechterdarstellung in Werbung und Medien umspringt, und er plädiert für von der Außenwelt unbeeinflußte Gefühle der Liebenden sowie gesellschaftliche Solidarität. D’Alatris Streifen vermag dieses gesellschaftspolitische Anliegen aber derart geschickt zu verkleiden, daß immerhin ein interessanter Debattenfilm herauskam. Foto: Tommaso, Stefania: Schlechte Chancen für eine glückliche Ehe

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