Mit Darwin im Rücken

Dank der Molekularbiologie waren um 1940 herum alle Hauptprobleme der Evolutionsbiologie gelöst“, erklärt Professor Ernst Mayr in einem Interview zu seinem 100. Geburtstag am 5. Juli 2004. Mit dem Buch „Systematics and the Origin of Species“, das 1942 in den USA erschien, hat er selbst das Standardwerk dazu geliefert. Für viele ist Ernst Mayr „der Darwin des 20. Jahrhunderts“. Er definierte die biologische Art zum erstenmal scharf als Lebewesen, die untereinander fortpflanzungsfähig sind. Und er erforschte, wie sich Arten durch geographische Abgrenzung einzelner Populationen weiterentwickeln und neu bilden. Aus diesem Grund glaubt Ernst Mayr nicht an eine „neue Art Mensch“: „Vielleicht ist es das Unglück des Menschen, daß er dank seiner technologischen Erfindungsgabe in allen geographischen Nischen, von der Steppe bis in die Regenwälder, überleben kann. Es gibt keinen Anreiz für die am besten Geeigneten, besonders viele Kinder zu produzieren. Im Gegenteil.“ Der Globalismus als Hemmnis evolutionären Fortschritts beim Menschen, das ist die provozierende Auffassung eines leise auftretenden Wissenschaftlers. 1931 war er bereits in die Vereinigten Staaten gegangen und ab 1953 als Professor nach Harvard. Seiner Ansicht nach geht es bei der Evolution nicht um „survival of the fittest“, sondern eher um die Eliminierung der Schwächsten. Daß gesunde Individuen auf breiter Bahn überleben können, zeigt die Mannigfaltigkeit der Natur. Mit Darwins Theorie im Rücken hatte es Mayr, der als Hobby-Ornithologe 1923 eine längst verschollene Entenart wiederentdeckte, zunächst einmal leichter. Doch gerade in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderten mehrten sich die Zweifel und Angriffe im Hinblick auf die Gültigkeit der Evolutionstheorie. Trotzdem ist Darwins Theorie in den letzten Jahrzehnten immer wieder wissenschaftlich bestätigt worden. Doch die Biologie ist „keine zweite Mathematik“, wie Mayr sagt. Wer von ihr vollkommene Beweise erwartet, könnte aus Enttäuschung bei den religiösen Sektierern landen.

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