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Meister der Sphärenharmonie

Ein Buch schlägt in der Musikwelt Wellen: Hans-Eberhard Dentlers „Johann Sebastian Bachs ‚Kunst der Fuge‘. Ein pythagoreisches Werk und seine Verwirklichung“, dessen deutsche Ausgabe, der italienischen folgend, soeben im Musikverlag Schott in Mainz erschienen ist. Der Autor legt darin nicht nur eine grundstürzend neue Aufführungspraxis für die „Kunst der Fuge“ nahe, sondern läßt auch Bach selbst, den scheinbar so kirchenfrommen protestantischen Thomaskantor zu Leipzig, in irritierend neuartigem Licht erscheinen. Bach, deutet Dentler an, sei ein „zweiter Pythagoras“ gewesen, ein schier dämonischer Logenmeister antiken Zuschnitts, der sich auf uralte, „orphische“ Mythen einließ und aus seiner Musik mit voller Absicht ein Rätsel machte, einen Palympsest, hinter dessen Notenbild der „eigentliche“ Text verborgen bleibt. Der seit langem in Italien lebende Hans-Eberhard Dentler, Jahrgang 1947, ist nicht irgendwer. Er gilt als einer der besten lebenden Cellisten, sein geistiger Ziehvater war Ernst Jünger, in dessen späten Tagebüchern er eine nicht unbeträchtliche Rolle spielt. Dentler, „nebenbei“ promovierter Mediziner und stupender Altphilologe, beriet den Dichter in musikalischen Fragen. Gemeinsam dachten sie über die Geheimnisse der griechischen Musik nach, die in der antiken Welt eine so große Rolle spielte und von der doch so wenig authentisches Material überliefert ist. Der größte antike Musiker nach Orpheus war Pythagoras von Samos, eine halbmythische Gestalt aus dem sechsten Jahrhundert v. Chr., der in Kroton in Unteritalien, dem heutigen Cotrone, eine Geheimloge gründete und der noch heute jedem Pennäler als Entdecker des „pythagoreischen Lehrsatzes“ bekannt ist. Pythagoras verband als erster die Mathematik mit der Musik und diese mit der Astronomie bzw. Kosmologie. In den Zahlen, in ihren Verhältnissen zueinander, ihren Gleichungen, „Harmonien“, sah er die absoluten, göttlichen Ordnungskräfte des Weltalls und seiner Sternen-Sphären. Und diese Harmonien „klangen“. Pythagoras beanspruchte für sich, sie – wenigstens teilweise – hören, ihre Klanggesetze fixieren und seinen Schülern mitteilen zu können. In einem atemberaubenden, dabei immer durch Quellenverweise und strengste diskursive Logik wasserdicht abgesicherten Exkurs zeigt Dentler nun in seinem Buch, wie die pythagoreische Geheimlehre von der „Sphärenharmonie“, die auch frühere Jahrhunderte regelmäßig befruchtete und zu schöpferischem Nachdenken antrieb, speziell im barocken Leipzig des Thomaskantors Bach kräftigste Wurzeln schlug. Dort war der Mittelpunkt der von dem Musikschriftsteller Lorenz Christoph Mizler (1711-1778) im April 1738 ins Leben gerufenen „Societät der musikalischen Wissenschaften“, und Bach, der väterliche Freund und Inspirator Mizlers, war das Zentralgestirn dieser im Stil der Freimaurer und Illuminaten organisierten und verfaßten Societät, ihr heimliches Mitglied und ihr Führer. Dies geht aus den Forschungen Dentlers einwandfrei hervor. Die Pointe dieser Forschungen liegt aber in der Feststellung, daß die „Kunst der Fuge“, das gewaltige, prinzipiell als unspielbar geltende (oder nur durch Bearbeitungen oder Weglassungen zu spielende) Spät- und Abschiedswerk Bachs, nichts anderes ist als ein machtvolles Bekenntnis des Barockmeisters zu Pythagoras, eine quasi wortwörtliche Wiedererinnerung und Manifestation von dessen „Urmusik“, jener Sphärenharmonie, die Pythagoras zu vernehmen beanspruchte. In der „Kunst der Fuge“ erscheint Bach also – Dentler zufolge – wahrhaft als „fünfter Evangelist“, als der er manchmal schon apostrophiert wurde, ja, als Über-Evangelist, als singender Prophet, dem das unerhörte Privileg widerfuhr, die Gedanken Gottes bei Erschaffung der Welt direkt zu vernehmen und sie für uns Menschen hörbar machen zu dürfen. Denn das ist eine weitere Pointe des Dentlerschen Buches: Die „Kunst der Fuge“ ist sehr wohl aufführbar, man kann sie erklingen lassen, ohne eine einzige Notation weglassen oder „bearbeiten“ zu müssen, also in der „authentischen“, so und nicht anders von Bach gemeinten Version. In ausführlicher Polemik beschäftigt sich Dentler mit jenen respektvollen Bach-Forschern, die aus der bisher vermeinten Unaufführbarkeit den Schluß zogen, die „Kunst der Fuge“ sei gar nicht für eine Aufführung gedacht gewesen, sie sei ein bloßes Buch der musikalischen (Un)möglich-keiten und göttlichen Notwendigkeiten, ein Lesebuch und keine Partitur. Dentler ist nicht mit solcher Deutung einverstanden und legt eine Alternative vor, die höchst diskutabel ist und dabei den Vorzug hat, daß sie tatsächlich erklungen ist, dargeboten nämlich von dem Cellisten Dentler selbst und dem von ihm eigens zu diesem Zweck 1996 gegründeten Streicherensemble „Arte della Fuga“. In seinem Buch nimmt Dentler also nichts vorweg, sondern liefert die sprachliche Begründung dem praktischen Experiment nach – eine sehr sympathische Verfahrensweise. Alle Dentler-Kritiker, die durch den Text nicht davon überzeugt werden, daß ausgerechnet ein (hochspezifiziertes) Streicher-Ensemble die der „Kunst der Fuge“ angemessene Instrumentierung ist, müssen sich das reale Erklingen erst einmal anhören. In Mailand und im Münchner Prinzregententheater war Arte della Fuga mit der „pythagoreischen, so und nicht anders von Bach gemeinten“ Version schon zu vernehmen. Kein Takt des Bachschen Autographen war geändert oder weggelassen, und die Aufführung löste keineswegs Irritation aus, weckte vielmehr Begeisterung und Rührung. Der inzwischen verstorbene August Everding brachte die allgemeine Überzeugung der Zuhörer damals auf den Punkt, als er nach der Münchner Darbietung an Dentler telegrafierte: „Zum ersten Mal hörte ich, daß höhere Mathematik in den Himmel reicht.“ Reicht Mathematik aber wirklich in den Himmel? Klingt so wirklich Gott? Der skeptische Zeitgenosse setzt ein Fragezeichen. Nicht freilich, ohne vorher eine tiefe Verbeugung vor dem kunstreichen Pythagoreer Hans-Eberhard Dentler gemacht zu haben, dessen künstlerische und denkerische Konsequenz größten Respekt abnötigt. Wohl noch nie sind schöpferisch nachvollziehende Musik und erhabene – leider nur bruchstückhaft und schemenhaft überlieferte – Philosophie des Ursprungs so ingeniös und anregend zusammengebracht worden wie in Dentlers Buch. Für dieses Werk gilt wirklich der Spruch Beethovens: „Das ist das Kennmal des wahren Mannes: daß die Musik ihm Feuer aus dem Geist schlägt.“ Hans-Eberhard Dentler: Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“. Ein pythagoreisches Werk und seine Verwirklichung. Musikverlag Schott, Mainz 2004, geb., 220 Seiten, zahlr. Abbildungen, 39,80 Euro

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