Neue Technologien: Jürgen Hescheler redet den Deutschen ins Gen-Gewissen

In der letzten Ausgabe dieser Zeitung denkt Jost Bauch darüber nach, weshalb die Sozialreformen in Deutschland auf einen stärkeren Widerstand stoßen als in ähnlich betroffenen Ländern. Zur Begründung führt er die deutsche Geschichte und jene Rolle an, die eine bestimmte Staatsidee darin spielte. Auch der Unwille der Deutschen gegen die Genforschung könnte eine tiefe geistige Wurzel haben. Mit einer gewissen Ungeduld artikuliert sich in der Welt Jürgen Hescheler, Direktor des Instituts für Neurophysiologie in Köln und einer der ausgewählten Wissenschaftler, die in Deutschland mit embryonalen Stammzellen des Menschen forschen dürfen. Er findet, daß die Deutschen nach dem südkoreanischen Erfolg beim therapeutischen Klonen endlich ihre Ablehnung gegen die Stammzellforschung überwinden sollten. Nach einer Erläuterung des Sachzusammenhangs bringt der Forscher das klassische Argument des „abuses non tollit usus“, das heißt, ein möglicher Mißbrauch ist kein ausreichender Verbotsgrund. Danach, so Hescheler, müßte man auch die Notfallambulanzen verbieten. Sie verursachen nämlich verstärkt Verkehrsunfälle. Da dieses sehr richtige Argument aller Erfahrung nach keinen Stammzellgegner überzeugt, schließt der Autor mit einem Zukunftsszenario: Deutschland bleibt bei seiner Ablehnung, die Stammzellforschung reift im Ausland zu einer wirksamen Therapie auf mehreren medizinischen Feldern. Dann ergeben sich zwei Möglichkeiten: Die entsprechenden Medikamente werden auch in Deutschland angeboten, doch verdienen daran ausschließlich ausländische Pharmakonzerne. Oder sie werden nicht angeboten, dann drängen die Patienten ins Ausland und kurbeln nebenbei noch das dortige Hotel- und Gaststättengewerbe an. Warum stehen die Deutschen sich wieder einmal selbst im Wege? Der Philosoph Martin Heidegger hat einem lateinamerikanischen Studenten in den fünfziger Jahren gesagt, daß sein Bemühen gar keinen Sinn habe. Philosophie lasse sich nur über die griechische und die deutsche Sprache erschließen. Wer diese nicht beide gut beherrsche, komme an die europäische Tradition gar nicht heran. Tatsächlich sind es die Deutschen, die das Projekt des griechischen Humanismus über Jahrhunderte am meisten vertreten haben. Der Mensch als zoon logon echon ist der einzig mögliche Träger jener antiken polis, die dann zur „Staatsidee“ in der von Bauch erläuterten Weise wurde. Was passiert aber, wenn der Mensch diese Eigenschaft nicht nur historisch, sondern auch biologisch im Zuge der Gentechnik verlieren sollte? Die Deutschen hängen besonders am Menschen, weil sie ihn selbst miterfunden haben. Neuere Erfindungen dieser Art wecken ein Gefühl, das Kinder kennenlernen, wenn sie ein Geschwisterchen bekommen: wütende Eifersucht. Sie beginnt oft schon in der Schwangerschaft.

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