Letzte Dinge

Der Vergleich des menschlichen Lebenszyklus mit den Jahreszeiten ist ein seit Jahrhunderten gern genutztes Sujet der bildenden Künste. Dem Wandel der äußeren Welt unter dem Einfluß von Blüte oder Schneefall sind wir ebenso ausgeliefert wie dem Wandel unserer inneren Welt, dem eigenen Wachstum und dem Verfall hin zum Tod. Im neuen Film des koreanischen Regisseurs Kim Ki-Duk korrespondieren die Jahreszeiten mit verschiedenen Lebensabschnitten der beiden Protagonisten, eines Alten und eines Jungen. Ki-Duk, der auch das Drehbuch schrieb, schildert in fünf Episoden vor allem das Leben eines Mannes von der Kindheit bis zur Reife des Alters. In einer Einsiedelei, auf einem kleinen See inmitten eines einsamen Bergtales gelegen, lebt ein alter buddhistischer Mönch mit seinem jungen Schüler. Trotz der örtlichen Abgeschiedenheit, des ritualisierten Tagesablaufs und des Bemühens um Spiritualität können auch sie sich nicht gänzlich dem Strudel des Lebens entziehen, der schuldhaften Tragik, die in unser aller Dasein liegt. Im Frühling ist der Novize noch ein Kind. Vom alten Mönch beim grausamen Quälen kleiner Tiere – eines Fisches, eines Frosches – ertappt, wird sich der Junge schmerzlich des Verlustes der eigenen Unschuld bewußt. Der Sommer bringt mit dem Eindringen eines jungen Mädchens aus der Stadt, die sich in der Einsiedelei gesund pflegen lassen möchte, das Erwachen von Liebe und Sexualität mit sich. Der Novize folgt ihr ins weltliche Leben. Im Herbst führt das Ergebnis der weltlichen Leidenschaft zu Besessenheit, Eifersucht, Haß, Zerstörung und Selbstzerstörung. Der gehetzt wirkende Junge kehrt als flüchtiger Mörder zurück. Der Winter ist der Tod des Alten und die Entdeckung der Weisheit durch den Jungen. So hat sich der Zyklus des Lebens vollendet, bis zum nächsten Frühling, als ein neuer junger Novize beginnt, eine Schildkröte zu quälen. In den vier Jahreszeiten wird der jüngere Mönch jeweils von unterschiedlichen Darstellern gespielt, zuletzt vom Regisseur selbst. Kim Ki-Duk, früher Schulabgänger, Fabrikarbeiter, Soldat, ein Autodidakt ohne Ausbildung im Filmgeschäft, hat einen bewegenden Film über die Grundelemente des Lebens gedreht: über Geburt und Tod, Liebe und Obsession, Zorn und Qual, Leere und Frieden. Er berichtet von unserer Befangenheit in den Leidenschaften und von der Befreiung, die das spirituelle Bewußtsein ermöglicht. Es ist eine Geschichte voller Kontemplation, die eine buddhistische Lebenseinstellung preist. „Nicht ich habe den Film gemacht, sondern Buddha“, hat Ki-Duk kürzlich in einem Interview erklärt. Dabei sollte die Aussage allerdings symbolisch aufgefaßt werden, denn nur für sehr wenige scheint das Mönchsdasein die angemessene Lebensform. Die Masse der Menschen ist zeitlebens den irdischen Begierden mehr oder minder stark ausgeliefert, kann diesen nicht gänzlich entsagen. Die extreme Lebensform des Mönchs erscheint somit statt dessen vielmehr eine Reaktion auf eine extrem weltliche Getriebenheit im Vorleben; sie scheint also auch ein Symbol für radikale Läuterung. Die Lebenskunst für den weltlichen Menschen besteht hingegen wohl vor allem darin, die Begierden zu hegen, zu kontrollieren, aus eigenen Fehlern, aus Schuld Erfahrung und Wissen zu ziehen, um so Reife und Würde des Alters zu erlangen. Die Ansiedlung der Geschichte im mönchischen Milieu steht allerdings auch im Einklang mit der schlichten, sich auf das Grundsätzliche konzentrierten Erzählweise, mit der Abstrahierung und bildlichen Konzentration der Abläufe in symbolistischer Form. Kim Ki-Duk, bekannt durch Filme wie „The Isle“ (beim Festival in Venedig 2000 für den Goldenen Löwen nominiert), „Address Unknown“ oder „Bad Guy“, vermag es meisterhaft, die elementaren Grundweisheiten des Lebens in reduktionistischer Erzählform und in Aufnahmen von oft brutaler, aber noch öfter erhabener Schönheit auszubreiten. Fazit: Sein Werk ist ganz großes Kino. Foto: Der alte Mönch und das Kind: Befangenheit und Befreiung

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