AFD Sachsen Wir Frauen brauchen keine Quote!

 

Jener erste Stoß gegen unsere Seele

Aus Anlaß seines 250jährigen Bestehens wartet das Braunschweiger Herzog Anton Ulrich Museum mit einer ganz besonderen Ausstellung auf: Nach über 25 Jahren steht im Zentrum der Präsentation eines deutschen Museums wieder das Schaffen des flämischen, vermutlich in Siegen geborenen Malers Peter Paul Rubens (1577-1640). Obwohl Rubens als einer der international bekanntesten Maler häufig als prägender Kopf einer ganzen Epoche – des Frühbarock – genannt wird, erschöpfte sich die bisherige wissenschaftliche Bearbeitung seines Gesamtwerkes zumeist in speziellen Fragen des Stils, der Aufzeichnung von Verbindungen zu anderen namhaften Künstlern seiner Epoche sowie der Problemstellung, wie hoch sein Anteil an bestimmten Werken im Vergleich zu seiner Werkstatt war. Eine dezidierte inhaltliche Beschäftigung mit der Wahl einzelner Motive und deren Aussagekraft für das Leben von Rubens selbst steckt dagegen immer noch weitestgehend in den Kinderschuhen. So nahm auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Leidenschaften in Rubens-Bildern erst vor etwa zehn Jahren ihren Anfang. Diese neuen und interessanten Ansätze einem breiterem Publikum zu vermitteln, stellt nun – neben dem bloßen Sinnengenuß – das zentrale Anliegen der Braunschweiger Ausstellung dar. Damit ist auch die Möglichkeit gegeben, sich von den diesjährigen Präsentationen von Rubens-Werken in Lille (JF 20/04) und Antwerpen abzugrenzen und mit einem eigenen Profil aufzuwarten. Das Ergebnis ist eine Konzeption, nach der weitaus weniger eine Orientierung am Motto „Best of Rubens“ erfolgte. Vielmehr wurden die etwa 100 Werke, die neben einigen Eigenbeständen zahlreiche Leihgaben der berühmtesten europäischen Kunstmuseen wie der Florenzer Galleria degli Uffizi, dem Amsterdamer Rijksmuseum, dem Antwerpener Koninklijk Museum voor schone Kunsten, dem Pariser Musée du Louvre, der Londoner National Gallery, den Kunstsammlungen der Prager Burg, oder dem Wiener Kunsthistorischem einschließen, nach inhaltlichen Kriterien ausgewählt. Somit wird die Frage klassischer Rubens-Präsentationen, wie groß der Anteil von Rubens an einzelnen Werken war, eher zweitrangig: In Braunschweig finden sich neben unumstrittenen Originalen auch Bilder aus der Werkstatt sowie von Zeitgenossen des Meisters. Rubens‘ Lebens- und Arbeitsmaxime leiteten sich zu einem erheblichen Teil aus der Philosophie der Stoiker, insbesondere von Lucius Annaeus Seneca (4 v. Chr. – 65 n. Chr.) ab. Seneca unterschied bei der Betrachtung von Leidenschaften zwischen der seelischen Bewegung, die durch äußere Reize unwillkürlich entsteht, der selbst der Weiseste ausgeliefert ist und die man daher hinnehmen muß, und jenen dauerhaften Affekten im eigentlichen Sinn, die sich nur mit Zustimmung der Vernunft ausbreiten: „Jenem ersten Stoß gegen unsere Seele vermögen wir mit Hilfe der Vernunft nicht auszuweichen, wie nicht einmal dem … was dem Körper widerfährt.“ Wie die Lektüre von Senecas Schriften unmittelbar Eingang in Rubens Schaffen fand, kommt am besten in seiner bildlichen Bearbeitung des Lebens des Philosophen zum Ausdruck. Im Werk „Der sterbende Seneca“ setzt sich Rubens mit der letzten Lebensstation des Philosophen auseinander. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtete davon, daß Senecas mutige Verweigerung von Unterwürfigkeit gegenüber seinem einstigen Zögling und nachmaligen Kaiser Nero von diesem mit der Anweisung beantwortet wurde, ihm den Tod anzukündigen. Seneca versucht durch das Öffnen seiner Pulsadern seinem Leben ein Ende zu bereiten, doch sein Sterben wird zu einem langen und schmerzreichen Prozeß. Diesen gestaltet Rubens dadurch aus, indem er den Philosophen während seiner Qualen als weiterhin aufrechten und mutigen Mann darstellt, der seinen Schreibern noch in dieser Phase unbeirrt weiter seine langen Ausführungen diktiert. Ganz deutlich zum Ausdruck kommt dabei die musterhafte Beherrschung der Gefühle durch Seneca, der in keiner Art und Weise geneigt erscheint, um Gnade zu bitten, sondern weiter die von ihm vertretenen Maximen bis zur letzten Stunde verfolgt. Neben dieser Art von „gedämpften“ bzw. „affirmierten“ Gefühlen sind viele Werke von Rubens dazu angetan, beim Betrachter zunächst Schockzustände auslösen. Besonders deutlich wird dieser Aspekt bei dem abgeschlagenen „Haupt der Medusa“, jener Frau mit den Schlangenhaaren, deren Blick alles in der Umwelt versteinern ließ. Der in Einzelheiten akkurat gezeichnete blutige Haarstumpf, der immer noch bedrohliche Blick und die Masse der Schlangen und Skorpione lassen den Betrachter ebenso schaudern wie ein Spätwerk von Rubens, „Saturn frißt eines seiner Kinder“. Dem Ackergott Saturn war die Weissagung kundgetan worden, eines seiner Kinder werde ihn entmachten. Darauf entschloß er sich, seinen Nachwuchs zu töten. Auf der Darstellung sieht man Saturn mit animalisch wirkender Miene ein Kind zerfleischen. Die Aussage des Bildes ist eindeutig: Eines Tages wird die Zeit alles wieder verschlingen, was sie jemals hervorgebracht hat. Die Verbindung von Schock und Leidenschaft wählte Rubens auch bei seinem Lieblingsmotiv, der schönen jüdischen Witwe Judith, der es gelingt, den assyrischen Heerführer Holofernes zu einer Liebesnacht zu überreden, bei der dieser im wahrsten Sinne des Wortes „den Kopf verliert“. Eines seiner früheren um 1617 entstandenen Gemälde hebt den Zusammenhang zwischen dem erotischen Spiel und der Tat besonders drastisch hervor, indem es den gerade vollzogenen Mord, auf den die blutverschmierte Hand hinweist, mit dem Akt des Geschlechtsverkehrs, angedeutet durch die entblößten rötlich schimmernden Brüste, unmittelbar verknüpft. Der Betrachter schwankt zwischen Entsetzen und Faszination. Bei vielen der äußerst sinnenfreudigen Darstellungen von Liebe und weiblichen Körpern darf allerdings nicht übersehen werden, daß Rubens zeichnete, was er selbst liebte; die zumeist üppigen Formen verweisen häufig auf das eigene persönliche Umfeld. In anderen Fällen verließ Rubens bewußt die antiken Vorgaben. Im Gegensatz zu den Werken Tizians und Michelangelos werden in den Gemälden von Rubens zum Beispiel intime Begegnungen zwischen Frauen und Tieren ebensowenig thematisiert wie homosexuelle Beziehungen. Auch bei den freizügigsten Darstellungen orientierte Rubens sich immer an den zeitlichen Geboten, deren Grenzen durch „Angemessenheit“ und „Schicklichkeit“ gesetzt wurden. Ob Rubens als früher Vertreter der heutigen „Eventkultur“ bezeichnet werden kann, da er bewußt beim Publikum Genuß durch die Erzeugung von Emotionen erwecken wollte – wie im äußerst lesens- und sehenswerten Katalogband behauptet -, sollte allerdings mit Recht umstritten bleiben. Versuchen heutige Künstler Wirkung durch immer größere Anstößigkeiten mit der Aufhebung von Grenzen zu entfalten, so war sich der flämische Maler gerade der Grenzen der „Schicklichkeit“ immer bewußt. Gerade daher konnte er so glaubwürdig seine faszinierenden Akzente setzen, die bis zum heutigen Tage nichts von ihren Reizen verloren haben. Die Ausstellung ist bis zum 31. Oktober täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, Mi. bis 20 Uhr im Herzog Anton Ulrich Museum, Museumsstr. 1, Braunschweig, zu sehen. Tel. 05 31 / 12 25-0, Internet www.museum-braunschweig.de . Der zur Ausstellung erschienene Katalog mit 352 Seiten kostet 27 Euro. Bild: Rubens, „Saturn“ (1636/38): Zwischen Faszination und Entsetzen

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles