Im Sperrkreis der Familie Bush

Die Erinnerungen eines Washingtoner Beamten, dessen Namen nur Insidern ein Begriff ist, stürmen selten die Bestsellerlisten“, urteilte die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit mit Blick auf Richard A. Clarkes nun auch in deutscher Übersetzung erschienenes Buch „Against all Enemies“. „Noch seltener lösen sie ein politisches Erdbeben aus, dessen Ausmaß noch nicht abzusehen ist.“ Clarkes Buch habe beides fertiggebracht. Die Startauflage von 300.000 Exemplaren war innerhalb weniger Tage ausverkauft. Inzwischen hat dieses Buch in den USA diverse Auflagen erlebt. Die Filmrechte sind bereits verkauft. Das ist in der Tat ungewöhnlich. Wer ist dieser Beamte, der mit seinen Erinnerungen der Regierung Bush so das Fürchten lehrte, daß die Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice alle Register gezogen hat, um dessen Glaubwürdigkeit zu erschüttern? Der 1951 geborene Clarke begann seine Laufbahn 1973 im US-Verteidigungsministerium als Experte für Nuklearwaffen und Sicherheit in Europa. Unter US-Präsident Clinton wurde er 1998 zum ersten Nationalen Koordinator für Sicherheit, Infrastrukturschutz und Antiterrorpolitik ernannt. Unter George W. Bush konnte er das Amt weiterführen, bis er es im März 2003 freiwillig aufgab und damit aus der Regierung Bush ausschied. Was nun macht Clarkes Buch so brisant? Einmal führt der ehemalige Sicherheitsbeamte mit überzeugenden Argumenten den Nachweis, daß Bush nach seinem Amtsantritt alle Warnungen vor einem massiven terroristischen Angriff durch al Qaida ignoriert habe. Während Clinton von der Jagd auf Bin Laden geradezu „besessen“ war, habe sich Bush bis zum 11. September 2001 kaum für den saudi-arabischen Top-Terroristen interessiert. Clarke hatte vor einem derartigen Anschlag häufig gewarnt – vergeblich, wie er glaubhaft darlegen kann. Entsprechende Berichte seien immer wieder an den Präsidenten und an hochrangige Beamte weitergegeben worden, ohne daß sie in entsprechend gewürdigt worden wären. Die Gründe für diese Ignoranz erhellen sich nach den Anschlägen des 11. September: Die Regierung Bush hatte endlich das Argument gefunden, gegen den Irak loszuschlagen. US-Verteidigungsminister Rumsfeld soll, so Clarke, bereits am Tag nach den Anschlägen den Irak als Bombardierungsziel propagiert haben. Experten wiesen Rumsfeld darauf hin, daß sich die Terrororganisation al-Qaida, die mutmaßliche Drahtzieherin dieses Anschlages, in Afghanistan befinde. Verbindungen dieser Organisation zum Regime von Saddam Hussein gebe es nicht. Rumsfeld wischte diese Argumente mit dem Hinweis darauf vom Tisch, daß es in Afghanistan keine guten Ziele gebe, dafür aber um so mehr im Irak. Was Clarke damit sagen will, liegt auf der Hand: Die Regierung Bush hat den 11. September als Vorwand genutzt, gegen den Irak loszuschlagen. Und dies, obwohl es keinerlei substantiierte Beweise für eine Verwicklung des Iraks gegeben habe. Bush, so Clarke, habe ihn und einige seiner Mitarbeiter aufgefordert: „Prüfen Sie alles, alles noch einmal. Schauen Sie, ob Saddam dahintersteckt.“ Clarkes Hinweis darauf, daß weder das FBI noch die CIA bisher irgendeinen Beweis haben erbringen können, konterte Bush mit der Bemerkung: „Prüfen Sie trotzdem, ob Saddam daran beteiligt war. Ich will über den kleinsten Hinweis Bescheid wissen.“ Clarke schlußfolgerte daraus, daß er und seine Kollegen „irgendwie“ einen Beweis herbeizuschaffen hatten, mit dem ein Feldzug gegen Saddam legitimiert werden könnte. Für diesen Feldzug spielte wohl auch eine Rolle, daß Bush nach dem Willen seines engsten Beraters, nämlich Karl Roves, gerade auch mit Blick auf die nächsten Präsidentschaftswahlen als entschlossener Staatsmann inszeniert werden sollte, der unerbittlich gegen die Feinde der USA vorgeht. Die Wiederwahl sollte, so Clarke, ganz „im Zeichen des Krieges“ stehen. Mit diesem Image sei diese, so das Kalkül von Rove, mehr oder weniger gesichert. Die Eskalation des Irak-Konfliktes hat diesem Kalkül mittlerweile einen Strich durch die Rechnung gemacht. Clarke macht der Regierung Bush eine entsprechende Rechnung auf: Statt sich auf die Zerschlagung von al-Qaida zu konzentrieren, vergeuden die USA ihre militärischen und finanziellen Ressourcen im Irak. Doch nicht nur das: Osama bin Laden sei in den arabischen Staaten heute beliebter denn je. Gleichzeitig sei die Bereitschaft zu Selbstmordanschlägen gestiegen. Die zweijährige Atempause, die das Bush’sche Irak-Debakel al-Qaida bisher beschert habe, habe die Terrororganisation genutzt, um autonome Zellen zu bilden, sprich: eine dezentrale Organisation aufzubauen. Selbst eine Gefangennahme Bin Ladens könne nicht mehr verhindern, dessen ist sich Clarke sicher, daß sich „eine zweite al-Qaida-Generation“ bilde. Entsprechend düster fallen Clarkes Prognosen für die Zukunft aus: Er sieht auf den Westen eine Taliban-ähnliche Regierung in einem atomar bewaffneten Pakistan zukommen, die ein ähnliches Regime in Afghanistan stützt und Terror und islamistische Ideologie verbreitet. Am Golf werde die Atommacht Iran den Hisbollah-Terrorismus fördern. Und in Saudi-Arabien werde eine Theokratie an die Stelle des Hauses Saud treten. Was Clarke hier zum Ausdruck bringen will: Alles dies werden die Folgen des kurzsichtigen Irak-Abenteuers der Regierung Bush sein. Angesichts dieser Szenarien wird verständlich, warum Condoleezza Rice mit derartiger Vehemenz gegen Clarke trommelt. Das vollmundige Gerede des amtierenden Präsidenten, die Welt „sicherer“ gemacht zu haben, verkehrt sich unterderhand ins Gegenteil. Die künftige Welt, so Clarke, der sich in seinem Buch gekonnt als (ungehörter) Mahner und Warner darzustellen weiß, wird selbst bei einem „demokratisierten Irak“ (was nach dem derzeitigen Stand der Dinge alles andere als wahrscheinlich ist) „weit unsicherer“ als zuvor sein. Ob und inwieweit mit Clarkes Buch „ein neues Denken über den Umgang mit dem islamistischen Terrorismus“ angestoßen werden könnte, wie es sich die eingangs zitierte Zeit erhofft, ist derzeit nicht erkennbar. Im Gegenteil: Alles deutet darauf hin, daß die Regierung Bush in „bewährter“ Manier weitermacht – und dafür bei den nächsten Präsidentschaftswahlen auch noch ein neues Mandat erhält. Richard A. Clarke: Against all Enemies. Der Insiderbericht über Amerikas Krieg gegen den Terror. Hoffmann und Campe, Hamburg 2004, 384 Seiten, gebunden, 19,90 Euro. Richard Clarke auf einer Sicherheitkonferenz im November 2003: Endlich das Argument gefunden, gegen den Irak loszuschlagen

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