Fetisch Wachstum

Humonde, die zweimonatlich erscheinende „Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft“, wird anders als die etablierten Massenmedien ausschließlich von ihren Lesern getragen. Anzeigen sucht man hier vergeblich, was eine besondere Unabhängigkeit fördert, um Informationen zu transportieren, „wie eine menschlichere Marktwirtschaft real möglich wäre und warum sie trotzdem verhindert wird“. Tatsächlich hat dies etwas mit dem von sämtlichen führenden Politikern, Wirtschaftsweisen und Gewerkschaftern unisono beschworenen Dogma „Wachstum“ zu tun. Daher beschäftigt sich die aktuelle Ausgabe in ihrem Schwerpunktthema mit diesem Phänomen. Schon im Editorial macht Chefredakteur Hans Olbrich deutlich, daß das täglich aus dem Blätterwald blökende „Wachstum, Wachstum“ keineswegs die Lösung unserer mannigfaltigen ökonomischen, ökologischen und sozialen Probleme bedeutet, sondern vielmehr selbst ein wichtiger Grund für die ständige Zunahme dieser Probleme ist. Wie kaum ein anderes ist jedoch das „Wachstum“-Thema geeignet, die Gemüter zu polarisieren. Während die „Wirtschaftswegweiser“ unverdrossen darin weiterhin den einzig richtigen und erfolgversprechenden Weg sehen, warnen die Wachstumskritiker vor den „systemisch bedingten Ausbeutungs- und Zerstörungszwängen von heute“, die unter anderem „Arbeitslosigkeit, und Armut, Verzweiflung und Verweigerung, Kriminalität und Krieg, Mord und Selbstmord produzieren“. Eins ist jedoch sicher richtig: Unsere Welt ist endlich, und was in den 1950er Jahren in Westdeutschland für ein Wirtschaftswunder sorgte, an dem alle teilhatten, macht im waren- und dienstleistungsproduzierenden globalen Neo-Kapitalismus höchstens noch ein paar „Besserverdienende“ noch wohlhabender. Und warum beispielsweise ein Metzger jedes Jahr mehr Pressack machen, ein Klempner mehr Abflüsse reparieren und eine Autofabrik noch mehr Autos produzieren muß, ist eigentlich auch schwer einzusehen. Im übrigen müßten nach der Wachstums-Ideologie unsere Kinder in zwanzig Jahren doppelt soviel konsumieren wie heute, die Enkel nach weiteren zwanzig Jahren bereits das Vierfache und die Urenkel das Achtfache an Waren und Dienstleistungen bewältigen. Anders wäre ein spürbare Reduzierung der Arbeitslosigkeit durch Wachstum gar nicht zu schaffen. An dieser irrsinnigen Idee hängt jedoch die gesamte politische Diskussion über den Wachstum-Komplex „wie der Junkie an der Nadel“. Da diese Ideologie auf Dauer nicht ökonomisch umsetzbar ist, von den auf uns zukommenden ökologischen Problemen ganz zu schweigen, brauchen wir eine weltweite Debatte, wie wir in Zukunft unsere Wirtschaft und die sozialen Systeme gestalten wollen. Mit dem Herumpfuschen an Symptomen auf Kosten der Schwächeren ist es nämlich längst nicht mehr getan. Echte Reformen sind gefragt, die die uralten Ursachen der gesamtgesellschaftlichen Krise schonungslos aufdecken. Humonde Versand, c/o Dimetria. Rennbahnstr. 18, 94315 Straubing. Das Einzelheft kostet 5 Euro, das Jahresabo 30 Euro. Internet: www.humonde.de

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