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Den Teufel an die Wand malen

In einer durch Rationalität, Technisierung und die massive Ausbreitung der Wissenschaft geprägten Welt wirkt die Beschäftigung mit Mythen nahezu anachronistisch. Um so mehr ist dem Wiener Museum für den mutigen Entschluß zu danken, sich in nüchterner und sachlicher Weise im Rahmen einer Sonderausstellung dieser Thematik zu widmen. Noch bis zum 21. November 2004 können Besucher in der Hermesvilla im Herzen des Lainzer Tiergartens Einblick in die „Magischen Orte – Wiener Sagen und Mythen“ nehmen. Die Beschäftigung mit Legenden ist längst nicht nur für den professionellen Volkskundler interessant. Mythen lassen häufig einen tieferen Blick in die Phantasie und die Denkweisen eines Volkes zu als jede Fragebogenaktion der Neuzeit; zumal sie letztlich zumindest zum Teil auf realen Beobachtungen und Sachverhalten beruhen. Dazu kommt der unzweifelhafte Reiz des „Nicht-Erklärbaren“, der ohnehin Spannung und Interesse produziert. Die nationale Bedeutung der Sagenwelt kann gar nicht überschätzt werden. So sind viele der ersten Sammlungen – insbesondere jener der Gebrüder Grimm und ihres Umfeldes – im Zuge der frühen nationalen Sammlungsbewegung zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland entstanden. Durch die Verwandtschaft vieler Legenden konnte gleichzeitig auch die enge Zusammengehörigkeit der Länder deutscher Zunge eindrucksvoll nachgewiesen werden. Die Wiener Mythen bestätigen dies aufs anschaulichste. Von einer Existenz spezieller „österreichischer“ Mythensammlungen der Frühzeit ist nichts bekannt, wogegen die Bezüge zum deutschen Sprach- und Kulturraum offensichtlich sind. Ein klassisches Beispiel ist die Legende vom „lieben Augustin“, die später auch durch den populären Gassenhauer eine noch größere Verbreitung fand. Darin wird vom Dudelsackspieler Augustin berichtet, der am Ende des 17. Jahrhunderts in Wien die Menschen mit seiner Musik erfreute. Eines Abends, im Pestjahr 1679, schlief Augustin – vom Wein berauscht und müde – auf der Gasse vor dem Gasthaus „Zum roten Dachl“ ein, wurde von vorbeikommenden Pestknechten für tot gehalten und außerhalb der Stadt in einem Massengrab beerdigt. Am nächsten Morgen erwachte er inmitten von Leichen in der tiefen Pestgrube, konnte sich aber nicht von selbst befreien. Doch sein Dudelsackspiel lockte Retter herbei, die den lieben Augustin aus seiner mißlichen Lage befreiten. Ein bis heute bekanntes und im Alltag aller deutschen Länder sehr gebräuchliches Sprichwort leitet sich unmittelbar aus einer Legende über Doktor Johannes Faust ab, welche später durch die Bearbeitung des Stoffes durch Goethe einen Höhepunkt in der Popularität erreichte. Nach dem Mythos besuchte Faust im Jahr 1538, damals schon bekannt durch seine Beschäftigung mit der schwarzen Magie, die Residenzstadt Wien. Eines Abends kehrte er in einem Weinkeller ein, einem beliebten Treffpunkt von Künstlern und Gelehrten darstellte. Als die Mitternachtsstunde nahte, kritzelte der Geomater und Kupferstecher Augustin Hirschvogel aus Spaß mit einem Stück Holzkohle einen grinsenden Mann mit herausgestreckter Zunge auf die weiße Kalkwand, dessen Mantel die Gestalt wie Drachenvögel umflatterte. Faust zögerte nicht lange, sprach eine Beschwörungsformel, und schon begann sich die Zeichnung zu bewegen sowie eine schmutzig rote Farbe anzunehmen. Plötzlich sprang ein roter Teufel von der Wand mitten unter die Männer. Alle liefen daher so schnell wie möglich zur Tür heraus, nur Doktor Faust rief lachend: „Man soll den Teufel nicht an die Wand malen!“ Die Ausstellung wartet freilich nicht nur mit der Erzählung solcher und vieler anderer Sagen und Mythen auf, sondern versucht in spannungsreicher Form, Legenden und mögliche profane Erklärungen gegenüberzustellen – ohne dem Besucher Vorgaben mit dem Zeigefinger zu machen. Er kann sich daher selbst entscheiden, ob er zum Beispiel die Hausbezeichnung „Zum Küß den Pfennig“ eher auf eine reizvolle Legende über den berühmten Arzt Paracelsus zurückführen will (dieser soll – mit wenig Geld ausgestattet – seinem Wirt einen Pfennig mit der Aufforderung zugeworfen haben, diesen zu küssen, worauf aus dem Geldstück ein schwerer Goldtaler wurde) oder auf mittelalterliche Urkunden, die belegen, daß der Name Küssenpfennig im damaligen Wien sehr verbreitet war und lediglich die Umschreibung zur heute mangelnden Erklärbarkeit beitrug. Die Bedeutung der Sagen und Mythen wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, wie viele Legenden den Ausgangspunkt für Meisterwerke der Literatur und Malerei darstellten und wie stark das ganze Lebenswerk mancher Künstler davon beeinflußt wurde. Leider kommt dieser Aspekt im Gesamtkonzept der Ausstellung etwas zu kurz. Gleichwohl kann sich der Besucher durch einige Bildbearbeitungen von Legenden einen ersten Einblick verschaffen, so zum Beispiel durch Franz Ritter von Hauslabs „Meister Puchsbaum und der Teufel“, welches einen direkten Bezug zu einer Legende um den berühmten Baumeister des Stephansdomes aufweist. Deutlich schwer taten sich die Kuratoren der Ausstellung mit dem geeigneten Einstieg in die Präsentation. So werden im ersten der insgesamt neun Ausstellungsräume große Fotos präsentiert, die die Verbreitung von Graffiti im öffentlichen Raum dokumentieren. Dabei fällt der Vergleich zwischen diesen Objekten, die für viele lediglich eine Form der Sachbeschädigung darstellen, und geheimnisvoll anmutenden Straßenbezeichnungen, Denkmälern sowie Verzierungen schwer. Auch im empfehlenswerten Katalog findet sich für diese Auswahl keine zufriedenstellende Begründung. Im Rahmenprogramm der Ausstellung sind zahlreiche Termine enthalten, an denen unter sachkundiger Führung die authentischen Orte aufgesucht werden können. Insgesamt kann -trotz der kleineren Mängel – nur jedem, der sich intensiver mit dem Themen Sagen und Mythen beschäftigen möchte, der Besuch der äußerst sehenswerten Präsentation empfohlen werden. Bild: Franz Ritter von Hauslab, „Meister Puchsbaum“ (um 1830) Die Ausstellung „Magische Orte – Wiener Sagen und Mythen“ ist bis zum 21. November 2004 im Wiener Museum Hermesvilla im Lainzer Tiergarten, täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Der reich bebilderte Katalog zur Ausstellung umfaßt 144 Seiten und kostet 19,90 Euro.

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